Brugg

IG Verkehrssicherheit peilt Tempo 30 an

Kantonsstrassen, wie hier in Umiken: Viele davon sind gemäss Jürg Dietiker Tempo-30-tauglich. BY

Kantonsstrassen, wie hier in Umiken: Viele davon sind gemäss Jürg Dietiker Tempo-30-tauglich. BY

Das Thema Verkehrsplanung brennt in Brugg unter den Nägeln. Die Interessengemeinschaft Verkehrssicherheit Brugg gibt der Debatte um Tempo-30-Zonen neuen Schub.

Der Verein gibt Gas, damit Brugg langsamer wird: Seit drei Jahren ist die Interessengemeinschaft Verkehrssicherheit Brugg aktiv. An ihrer zweiten Mitgliederversammlung hat der Verein nun einen professionellen Verkehrsplaner und stadtbekannten Brugger als Gastreferent eingeladen. Mit grossem Erfolg: Nach der spärlich besuchten Generalversammlung in den 30 Minuten zuvor füllte sich der Rathaussaal zum Vortrag hin.

Dem «interessanten Teil», wie ihn Präsidentin Judith Bühler unumwunden nannte, folgten über 50 faszinierte Brugger Verkehrsteilnehmer. «Schon doppelt so viel Publikum wie letztes Jahr», staunte Vorstandsmitglied Urs Häseli. Die IG Verkehrssicherheit nimmt gemäss Judith Bühler im laufenden Jahr diverse Projekte in Angriff, die Brugg für alle Verkehrsteilnehmer sicherer machen sollen. «Dabei können wir noch die Hilfe möglichst vieler neuer Mitglieder brauchen.»

Neues ist möglich

Der Aufmarsch beweist: Das Thema Verkehrsplanung brennt in Brugg unter den Nägeln. Nicht nur, weil der Verkehr seit Jahren kontinuierlich zunimmt und die Stauräume wachsen. Auch deshalb, weil die Debatte aktuell auf eine Zeit grosser Umbrüche und entsprechender Bautätigkeit in der Stadt trifft. Jürg Dietiker, Professor für angewandte Wissenschaften und Experte für Verkehrs- und Städteplanung, sieht das als Chance: «Veränderungen bringen Gelegenheiten mit sich, die man beim Schopf packen muss. Neues kann ausprobiert werden, wenn man zum Umdenken bereit ist.»

Dietiker macht klar, welches die grossen Herausforderungen in den kommenden Jahren sind: Seit 1990 habe der Fahrzeugbestand in der Schweiz um 1 Million zugenommen. «Stellen Sie sich einen Stau auf 80 nebeneinanderliegenden Fahrspuren vor, die vom Genfersee bis zum Bodensee reichen.»

Der Verkehr wird weiter zunehmen: Der Drang nach Mobilität, erklärte der Referent dem kaum verwunderten Publikum, sei ungebrochen. Jeder beanspruche ein stichhaltiges Argument für sich, warum er mit dem Auto unterwegs sei. «Menschen verhalten sich vernünftig, aber immer bezogen auf ihren individuellen Nutzen.» Es gehe jetzt darum, bewusst Grenzen zu setzen und das bedinge eine Praxis-Änderung, sagt Dietiker.

Sowohl-als-auch-Lösungen

Wenn er mit Beispielen aus der ganzen Schweiz aufzeigt, wie knifflige Verkehrssituationen kreativ und mit modern gelöst werden können, dann liegt dem Altstadtbewohner vor allem auch seine Heimat Brugg spürbar am Herzen: «Auch hier gibt es viel Verbesserungspotenzial und Handlungsbedarf.»

Beispiel Bahnhofsareal: Die Verflechtung der Strassen, die Lichtsignalanlagen oder die Platzgestaltung sind nicht mehr zeitgemäss, wenn man moderne Lösungen in anderen Städten der Schweiz zum Vergleich heranzieht. In Köniz ist eine durch die Innenstadt führende Kantonsstrasse zur Tempo-30-Zone erklärt worden. Dort, wo 20000 Fahrzeuge pro Tag verkehren, kreuzen die Fussgänger erlaubterweise überall die Strasse, geschützt durch einen breiten Mittelstreifen, der die beiden Fahrbahnen gleichzeitig leicht beengt und übersichtlicher macht. Fussgängerstreifen sind überflüssig geworden.

Andernorts – sogar in Grossstädten wie Paris oder Bangkok – sorgen versenkbare Poller dafür, dass ein Verkehrsknotenpunkt zu bestimmten Zeiten zum Begegnungsplatz von Fussgängern werden kann. «Der Verkehr wird verlangsamt und sicherer für die ‹schwachen Verkehrsteilnehmer›. Er bleibt aber auch flüssig, was wiederum die Autofahrer freut. Es wird in Zukunft vermehrt solche ‹Sowohl als auch›-Lösungen geben», sagt Jürg Dietiker. Die Strasse sei nicht zuletzt ein Ort der Begegnung.

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