Windisch
«Ich will die Leute im Innersten berühren»

Die Algerierin Karima Nayt sorgt mit ihrer Performance in «Sibil.la» für Gänsehautmomente.

Ursula Burgherr
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Karima Nayt tritt bereits zum dritten Mal in der Klosterkirche auf. Die Texte für «Sibil.la» hat Nayt selber in Arabisch und Französisch geschrieben. Alex Spichale

Karima Nayt tritt bereits zum dritten Mal in der Klosterkirche auf. Die Texte für «Sibil.la» hat Nayt selber in Arabisch und Französisch geschrieben. Alex Spichale

Alex Spichale

Gerade mal 1,60 m gross und 47 kg schwer ist Karima Nayt. Doch wenn die zierliche Künstlerin in der Klosterkirche Königsfelden ihre tiefe, samtige Stimme erklingen lässt, füllt sie mühelos den gigantischen sakralen Bau. Das enorme Volumen sowie ihr ganz spezielles Vibrato seien naturgegeben, sagt die Algerierin.

Im eindrücklichen künstlerischen Gesamtkunstwerk «Sibil.la» spielt Nayt eine der Sibyllen, die gemäss Mythos zu vorchristlicher Zeit ihre Prophezeiungen und Weissagungen in körperlicher Ekstase vorbrachten. Und dafür gibt sie alles. Wild bäumt sich ihr Körper auf, wenn sie die Erdenschwere und das Schicksalhafte überwinden möchte und kurz darauf erneut in ekstatische sibyllinische Zustände verfällt. Sie flüstert, schnalzt mit der Zunge, zischt, singt flehend, wehklagend, dann wieder aufbegehrend und beschwörend. Die Texte für «Sibil.la» hat Nayt selber in Arabisch und Französisch geschrieben. Inspirationsquelle war für sie das Gedicht «We are as the mountain and the echo in us is from thee» von Sufismus-Begründer und Mystiker Rumi. Wer die Frau mit der kaum zu bändigenden dunklen Lockenpracht auf der Bühne erlebt, ist hingerissen von ihrer Strahlkraft. Nayts grösster Wunsch in ihrer künstlerischen Tätigkeit: «Ich will die Leute im Innersten berühren, egal in welcher Sprache ich singe.»

Projekt Sibil.la überschreitet die Landesgrenzen

Tanz & Kunst Königsfelden präsentiert mit «sibil.la Tanzgesänge» ein grenzüberschreitendes Projekt für ein internationales Tanzensemble von elf zeitgenössischen Tänzerinnen und Tänzern, dem Musikensemble Chaarts aus dem Aargau, dem Perkussionisten Fredrik Gille und den Sängerinnen Irina Ungureanu und Karima Nayt. Skulpturen: Gillian White. Choreografie: Arantxa Sagardoy und Alfredo Bravo. Künstlerische Leitung: Brigitta Luisa Merki. Die Sibyllen stehen sowohl für die Sehnsucht des Menschen nach etwas Übergeordnetem, nach Vorhersehung als auch für die ahnende, innere Stimme jedes Individuums. Sibyllengesänge tragen etwas Prophetisches in sich, das sich im tanzenden Körper, in der Trance des Tanzes manifestiert und nach Antworten, Hoffnungen und Erlösung sucht.

Aufgeben? Niemals!

«Wenn ich in ‹Sibil.la› auftrete, gerate ich oft selber in völlige Trance», erzählt Karima Nayt vor einem Auftritt in der idyllischen Cafeteria zur Platane bei der Klosterkirche Königsfelden. Neben ihr sitzt Brigitta Luisa Merki, Gründerin und künstlerische Leiterin des Projekts tanz & Kunst Königsfelden, in dessen Rahmen «Sibil.la» noch bis zum 20. Juni aufgeführt wird.

Die Choreografin bezeichnet die Künstlerin als enorm inspiriert und facettenreich. Nayt hat wiederum durch das mehrmalige Mitwirken bei Merkis Compagnie Flamencos en route die Schönheit ihrer eigenen nordafrikanischen Kultur entdeckt und bringt sie mit ihren Gesängen in die verschiedenen Produktionen ein. In der Klosterkirche Königsfelden tritt sie bereits zum dritten Mal auf. Es kostete sie anfänglich etwas Mut, wieder auf diese Bühne zu gehen, wo sie sich vor zwei Jahren bei der Premiere von «babel. torre viva» das Knie verletzte. Die Choreografie musste nach dem Unfall zwar kurzfristig geändert werden, aber als Sängerin stand Karima Nayt den Vorstellungszyklus bis zum Schluss durch. Sie ist zäh. «Wenn ich etwas will, gebe ich nicht auf», betont sie und ihre dunkelbraunen Augen funkeln. «Sibil.la» bedeutet für die Künstlerin eine besondere Herausforderung, weil sie das erste Mal gleichzeitig singt und tanzt.

Karriere statt Familie

Schon als Kind wollte Karima Nayt Sängerin und Tänzerin werden. Mit Durchhaltewillen und Disziplin erfüllte sie sich den Traum. Zehn Jahre lang war sie Mitglied des Modern-Dance-Ensembles der Oper von Kairo und arbeitete gleichzeitig als Sängerin mit dem Grammy-Gewinner Fathy Salama zusammen. Auch als Theaterschauspielerin schuf sie sich in Ägypten einen Namen und gewann einen Preis für ihre Rolle im Stück «On the Table Listening to Wagner».

Auf eine eigene Familie hat Nayt zugunsten ihrer künstlerischen Laufbahn verzichtet. Sie reist rund um den Erdball. Wenn sie nicht mit Flamencos en route oder der schwedischen Tanzgruppe Raande-Vo unterwegs ist, promotet sie ihr erstes Album mit selbst geschriebenen Songs, das 2013 in Schweden zur «besten CD des Jahres» gekürt wurde. Karima ist zwar in Algerien liberal aufgewachsen, aber ihre Reisen durch den Mittleren Osten haben sie geprägt. «In meinen Liedern plädiere ich für mehr Freiheit und Gerechtigkeit. Vor allem will ich mit meiner Stimme ein Zeichen setzen für die Rechte von Frauen und Kindern. Ich weiss, dass eine Stimme alleine nicht die Welt verändern kann – aber viele zusammen vermögen Berge zu versetzen», meint sie mit Überzeugung.

Ihr Wohnsitz ist heute in Stockholm; aber auch in Baden, wo sie im Künstlerhaus von Flamencos en route wohnt, fühlt sie sich zu Hause. «Daheim bin ich immer dort, wo ich gerade arbeite», bekundet die Kosmopolitin, bevor sie in die Klosterkirche entschwindet, um sich für ihre Performance aufzuwärmen.

Vorstellungen Klosterkirche Königsfelden bis zum 20. Juni, jeweils 21 Uhr. Vorverkauf www.ticket.baden.ch und Info Baden, Tel. 056 200 84 84.