«Ich weiss nicht, was passiert ist», liess der junge Mann vor Gericht in Brugg durch den Dolmetscher ausrichten. «Ich weiss nicht, ob ich Streit hatte. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ich war betrunken und sah plötzlich ein Messer mit Blut daran in meiner Hand. Ich weiss nicht, woher ich das Messer hatte. Ich weiss nicht, weshalb Blut am Messer war.»

Das Blut stammte von einem Landsmann des Beschuldigten, den dieser vor über einem Jahr in Brugg – nach einer verbalen Auseinandersetzung – in den Rücken gestochen hatte. Als das Opfer zu Boden sackte, hatte der Beschuldigte es ein zweites Mal in den Rücken gestochen. Als er zu einem weiteren Stich ansetzte, konnte ihn eine dritte Person zurückhalten und wegzerren. Das Opfer erlitt Verletzungen der Lunge und Leber, befand sich aber glücklicherweise nicht in konkreter Lebensgefahr.

Nach der Tat flüchtete der Beschuldigte. Nach einer Odyssee, die ihn bis nach Calais, einer Hafenstadt in Frankreich, brachte, von wo er offenbar nach England zu gelangen hoffte, wurde er schliesslich in Deutschland festgenommen. Seither ist er in Haft.

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13. Mai 2017: 19-Jähriger nach Schlägerei notoperiert

In Aarau an Überfall beteiligt

Vorgeworfen wurde dem Beschuldigten, der in Fussfesseln und eskortiert von zwei Kantonspolizisten ins Gericht gebracht wurde, zudem Raub. Gemäss Anklage hatte er sich zusammen mit mehreren Männern eritreischer Herkunft in Aarau an einem Überfall auf eine Gruppe Sri Lanker beteiligt. Der Beschuldigte und seine Mittäter verlangten die Herausgabe von Geld und Mobiltelefonen. Dabei drohte der Beschuldigte den Opfern mit einem Messer und schlug mit seinem Gürtel auf sie ein.

Auch zu diesem Vorwurf erklärte er: «Ich weiss nichts von diesem Fall. Ich war nicht dabei.» Auf den Einwand von Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven, dass er von drei Personen eindeutig identifiziert worden sei, meinte er: «Ich weiss nicht, warum die das sagen.»

«Das Verhalten des Beschuldigten ist in aller Härte zu bestrafen», betonte der Staatsanwalt. «Für das Opfer (das dem Beschuldigten verziehen hat, Red.) ist die Angelegenheit zwar erledigt, für die Justiz jedoch nicht.» Er forderte eine Freiheitsstrafe von 7½ Jahren, eine Busse von 300 Franken, den Widerruf des bedingten Erlasses einer Strafe des Jugendgerichtes von 80 Tagen sowie eine Landesverweisung für 15 Jahre.

Mehrheit folgt der Verteidigung

«Es geht nicht darum, etwas schön zu reden», erklärte die Verteidigerin. Ihr Mandant sei aber ein fehlgeleiteter junger Erwachsener, der heute wisse, dass Auseinandersetzungen auf eine andere Art zu führen seien. Es gäbe auch keine Anhaltspunkte für eine geplante Tötung. Ihr Mandant habe zudem unter einer «toxischen Mischung von Alkohol und einer heftigen Gemütsbewegung» gestanden. Er sei daher wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 40 Monaten zu verurteilen. Die Entscheide über eine Busse und eine Landverweisung legte sie ins Ermessen des Gerichts.

Die Mehrheit des Gerichts folgte der Verteidigung. Sie sprach den Beschuldigten vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung frei, jedoch der versuchten vorsätzlichen schweren Körperverletzung, des Raubes sowie der Missachtung einer Eingrenzung (Rayonsperre) und des Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung schuldig. Das Gericht sprach eine Freiheitsstrafe von 47 Monaten abzüglich 194 Tagen U-Haft, eine Busse von 300 Franken sowie eine Wegweisung aus dem Schengenraum für 6 Jahre aus. Zudem muss der Beschuldigte dem Opfer eine Genugtuung von 750 Franken zahlen. Er muss die Gerichts- und Verfahrenskosten tragen und zu einem späteren Zeitpunkt die Kosten der amtlichen Verteidigung zurückzahlen.

In der Kurzbegründung des Urteils erklärte Gerichtspräsidentin Kerkhoven, dass die Mehrheit des Gerichts aufgrund der Tiefe des schwersten Messerstiches zur Ansicht gelangt sei, dass nicht versuchte vorsätzliche Tötung vorliege, sondern versuchte schwere Körperverletzung. Das, weil beim Stich keine grosse Gewalt angewendet worden sei.