Sein Leben besteht aus Bewegung. Jeden Tag, wenn Daniel Engler von der Arbeit beim Zürcher Flughafen kommt, läuft er von Brugg nach Riniken hoch. «Momentan ist es eher ein Fliegen als ein Laufen», sagt der Abteilungsleiter Ereignismanagement bei den SBB. Der 59-Jährige sprüht vor Energie. Im Brugger Bioladen Buono trinkt er einen Ingwer-Tee. Das dazu servierte Guetzli schiebt er sofort an sein Gegenüber ab. Denn Daniel Engler fastet zum ersten Mal in seinem Leben. In seinem schönen Bündner-Dialekt erzählt er nun von diesem Erlebnis, bei dem er während über zehn Tagen keine feste Nahrung zu sich nimmt.

Mit dem Entscheid, in einer Gruppe zu fasten, sei er einem inneren Ruf im Sinne von «Mach mal etwas Neues!» gefolgt. Es habe ihn gereizt, aus dem Alltag auszubrechen und bewusster auf den eigenen Körper zu hören, so Engler. Gleichzeitig habe er aber auch grossen Respekt vor diesem Versuch gehabt und sich gefragt: «Macht das mein Körper mit?» Auslöser für den Besuch eines Infoabends bei Fastenbegleiterin Maddy Hoppenbrouwers aus Schinznach-Bad war ein Zeitungsartikel mit ihr im «General-Anzeiger». An jenem Abend wurde Engler bewusst, dass jetzt im Frühling bei abnehmendem Mond für ihn ein guter Zeitpunkt zum Fasten ist. Der SBB-Abteilungsleiter achtete darauf, dass keine wichtigen Termine in die zehntägige Fastenzeit fallen. Sein Chef, den er über das Vorhaben informierte, zeigte viel Verständnis und ermunterte ihn. Ebenso Englers Ehefrau, die beim Fasten allerdings nicht mitmacht.

Ass drei Tage vor Kurs nichts mehr

Von Maddy Hoppenbrouwers erhielten die Gruppenteilnehmer nach dem Infoabend viele Tipps, wie sie sich auf das Fasten vorbereiten können. Dazu gehörten, den Kaffeekonsum zu reduzieren und den Darm mit einem Irrigator, einem Flüssigkeitsbehälter für Darmspülungen, zu entleeren. Neben dem eigentlichen Fasten lernen die Teilnehmer viel darüber, was in dieser Zeit mit dem Körper passiert und wie die Entgiftung funktioniert. Daniel Engler ist ein Typ, der gerne sein Ding durchzieht. Ob Marathons, Ultraläufe oder eben der Verzicht auf feste Nahrung. Noch bevor der Fastenkurs am 20. März startete, reduzierte er von sich aus die Nahrungsaufnahme und ass schon drei Tage vorher nichts mehr.

In der Gruppe fastet Engler als einziger Mann mit fünf Frauen. «Wir sind alle in einem guten, reifen Alter und pflegen einen sehr offenen Umgang miteinander. Ich fühle mich gut aufgehoben», sagt der 59-Jährige, der nebenberuflich noch bei der Reformierten Kirchgemeinde Umiken in der Kirchenpflege engagiert ist. Er spricht von einem Neustart für Körper und Seele.

Pro Tag trinkt Engler zwischen drei und vier Liter Flüssigkeit bestehend aus Wasser, Tee, Wasser-Kefir oder einem Deziliter Fastensuppe. Die Fastensuppe wird mit viel Gemüse gekocht, getrunken wir jedoch nur die Brühe. Die Einnahme von wenig Flohsamen am Morgen regt die Darmreinigung an. Der Irrigator kommt täglich zum Einsatz. Um sich mal etwas Gutes zu tun, dürfen sich die Teilnehmer einen Teelöffel Honig pro Tag gönnen. «Das ist derzeit meine geschmackvolle Perle im Alltag. Ich freue mich schon jetzt auf den Honig heute Abend», sagt Engler und lacht. Am vergangenen Samstag hatte er mit seinem Chor einen Auftritt am Raiffeisenmitgliederanlass in Brunegg vor ungefähr 1000 Zuschauern. Da gönnte er sich den Honig zur Stärkung schon vor dem Auftritt.

Schon fast zehn Kilo abgenommen

Während dem Fasten macht Engler die schöne Erfahrung, dass er achtsamer als sonst unterwegs ist, klarer denken sowie gut zuhören kann. Einzig den Belag auf der Zunge, verstärkt durch den Entgiftungsprozess, bezeichnet er als unangenehm. Etwa 200 bis 250 Kalorien pro Tag nimmt Engler während dem Fasten zu sich. Da er daneben aber weiterhin 100 Prozent bei den SBB arbeitet, hat der 192 Zentimeter grosse Bündner bereits beinahe zehn Kilo Gewicht verloren. «Ich werde von Leuten fragend angesprochen, die meine Körperveränderung wahrnehmen», erzählt Engler. Dabei tue er seinem Körper doch etwas Gutes. Für die Kursteilnehmer ist Fastenbegleiterin Hoppenbrouwers jederzeit erreichbar. Wie das Fastenbrechen am Wochenende ablaufen wird, weiss Engler noch nicht.

Im Brugger Bioladen wandert sein Blick über das Brotregal. «Ich freue mich schon sehr auf das Sauerteigbrot», sagt er und strahlt. Dieses in Kombination mit Trockenfleisch, Nüssen und Preiselbeeren ist für Engler ein Hochgenuss. Damit hat er sich auch schon während Tagen auf ausgedehnten Wanderungen im Nationalpark verpflegt. Vor drei Jahren hat Engler die Diplomausbildung «Systemische Erlebnispädagogik» als Vorbereitung auf den dritten Lebensabschnitt begonnen. Auch hier geht es vertieft darum, erfahrungsorientiert zu Lernen, seine eigene Spur zu finden, auf den Körper zu hören und seine Gewohnheiten zu überdenken. «Der Mensch ist, was er isst», lautet eine Überzeugung.