Brugg

«Ich fing hier als Nobody an»: Wie ein äthiopischer Drehbuchschreiber in Windisch seine Heimat fand

Aron Yeshitila ist Regisseur aus Äthiopien und lebt heute in Windisch. Er war auch als Journalist in seinem Heimatland tätig. Aufgenommen am 9. Mai 2018 auf dem Campus-Areal in Windisch.

2010 ist Aron Yeshitila in die Schweiz gekommen. Hier sitzt er auf der Treppe beim Fachhochschul-Campus in Brugg-Windisch.

Aron Yeshitila ist Regisseur aus Äthiopien und lebt heute in Windisch. Er war auch als Journalist in seinem Heimatland tätig. Aufgenommen am 9. Mai 2018 auf dem Campus-Areal in Windisch.

Der Autor, Theaterregisseur und Drehbuchschreiber Aron Yeshitila sieht für sich keine Zukunft in Äthiopien.

«Wie war Ihr Eindruck?» Dieser Einstieg in das Gespräch ist typisch für den freundlich-leisen äthiopischen Autor, Regisseur und Drehbuchschreiber Aron Yeshitila. Er will nicht derjenige sein, der das Gespräch an sich reisst, sondern er ist ein Gastgeber, der dem anderen den Vortritt lässt.

Also schildere ich ihm kurz meine Eindrücke von einer Reise, die mich 1984 nach Äthiopien geführt hat. Damals wurde das Land mit eiserner Hand von Mengistu Haile Mariam regiert, der 1974 Kaiser Haile Selassie gestürzt hatte.

Aron Yeshitila nickt und hört vollends aufmerksam zu, als ich ihm erzähle, dass wir damals allerorten unterdrückte Angst gespürt hätten. Ob mein Eindruck falsch sei? «Nein», sagt Aron Yeshitila, «meine Heimat war damals ein Land mit einem diktatorischen Regime, das Äthiopien als sozialistischen Staat etablieren wollte. Als Kind habe ich diesen Umstand allerdings nicht richtig einschätzen können, doch meine Familie war in allem, was sie tat oder sprach, sehr vorsichtig.»

Erst viele Jahre später, als Yeshitila in der Schweiz Fuss gefasst hatte, merkte er, wie schwierig die Situation tatsächlich gewesen war. «Mein Vater war zu Besuch gekommen und ich habe ihn interviewt. Dabei erzählte er mir, dass auch er sich in Gefahr befunden habe, obwohl er gewiss kein Regimekritiker gewesen war.»

Als Kind gelesen und gelesen

Wer mit Aron Yeshitila über seine Profession, das Theater, sprechen will, wird stets auch über Äthiopien sprechen (müssen) – und damit über ethnische Spannungen und jene regierungskritischen Proteste, die 2015 und 2016 das Land erdbebengleich erschütterten und Hunderte Todesopfer forderten; weiter über Oppositionelle, die im Gefängnis landeten oder ums Leben kamen und einen Journalismus, der keine Freiheit kennt. Seit kurzem habe Äthiopien jedoch einen neuen Premierminister, «weshalb sich die Lage etwas beruhigt hat», gibt sich Aron Yeshitila – mit Blick auf sein Land, «das noch nie eine Demokratie war» – vorsichtig optimistisch.

Gleichwohl sieht er dort für sich keine Zukunft; deshalb ist er 2010 in die Schweiz gekommen, um eine neue Heimat zu finden. Hier hat er seine Frau kennen gelernt und mit ihr eine Familie gegründet; hier lebt er seit einigen Jahren in Windisch.

Aufgewachsen sind Aron Yeshitila und seine Geschwister in Addis Abeba. «Mein Vater arbeitete in einer Druckerei, weswegen mein Interesse an Büchern rasch geweckt wurde.» Also habe er als Kind gelesen und gelesen; «es gab keine Games – Bücher waren das Einzige.» Doch es gab in der Hauptstadt auch Kinos und eine blühende Theaterlandschaft, zu der das National Theater, das traditionsreiche Hagerfikir Theater, die AA City Hall oder das Ras Theater gehörten.

Sie alle spielten Stücke einheimischer Autoren oder solche grosser europäischer Dramatiker wie etwa William Shakespeare oder Henrik Ibsen, die auf Amharisch übersetzt wurden. In einem ausführlichen Artikel für das «Addis Journal» ging Yeshitila vor einigen Jahren auf die reiche, wegen der politischen Umstände und des gesellschaftlichen Wandels sich permanent verändernde, äthiopische Theaterlandschaft ein.

Keine Spur Bitterkeit

Da entdeckt man ihn, den leidenschaftlichen, so vielseitig interessierten Theatermann vollends und fragt sich: Wie kann einer wie er in einem anderen Land mit einer ganz anderen Kultur und Sprache Fuss fassen? Wie kann er dort seine Profession weiter verfolgen? «Ich musste vom Punkt zero beginnen», sagt Yeshitila schlicht: «Ich fing als Nobody in der Schweiz an; alle meine bisherigen Kenntnisse waren hier gegenstandslos.»

Der Äthiopier stellt das sachlich fest und einmal mehr ist man verwundert, dass keine Spur Bitterkeit in seiner Stimme anklingt. Wozu auch, blickt er sein Gegenüber leicht erstaunt an: «Ich war glücklich, in der Schweiz auf Menschen zu treffen, die mir viel Geduld entgegenbrachten. Das Theatervokabular ist hier nicht das gleiche wie in meiner Heimat.» Sukzessive wurde Yeshitila in die einheimische freie Theaterszene eingeführt und mit ihr vertraut. Mit der Aargauer Theatertruppe GeeGee Express war er zum Beispiel Teil des Projekts «Semiramis» für die Stadtgärtnerei Zürich, in dessen Zentrum die Frage stand: Wie wollen wir leben?

Schliesslich wurde der Wunsch immer grösser, etwas Eigenes zu auf die Beine zu stellen. Der Paukenschlag erfolgte im Februar 2018 mit «Kings of Interest», dem ersten Stück von Gebrehanna Productions, das am Theater Tuchlaube in Aarau uraufgeführt wurde. Als Autor, Regisseur und Schauspieler zeichnete Aron Yeshitila verantwortlich. Die ungewöhnliche Migrationsgeschichte um den jungen Schweizer Ingenieur Alfred Ilg, der 1880 nach Äthiopien kommt; dort zum Vertrauten Kaiser Meneliks II. wird und massgeblich am Bau der Hauptstadt Addis Abeba beteiligt ist, fesselte das Publikum.

Insbesondere deshalb, weil die Beziehung zwischen Ilg und Menelik II. die szenische Folie bildet für die Auseinandersetzung mit der zeitlosen Frage, unter welchen Umständen Gesellschaften sich zu despotischen Regimes entwickeln. Wann wurde Geschichte je so lebendig vermittelt?

Bescheiden winkt Aron Yeshitila ab. «‹Kings of Interest› hat eine sehr lange Geschichte; in dieses Stück ist so vieles verpackt», sagt er und lächelt, weil er – leise seufzend – an sein nächstes Werk denkt, das «vielleicht» 2020 aufgeführt wird.

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