Ihre Einstiegsdrogen sind Heroin und Kokain. Im Alter von 16 Jahren. Danach nimmt Désirée, die von allen Daisy genannt wird, sämtliche Substanzen, die ihr unterkommen. Cannabis konsumiert sie am Morgen noch vor dem Aufstehen. An die Drogen kommt Daisy hauptsächlich an Goa-Partys.

Was sie von anderen Konsumenten unterscheidet: Sie informiert sich genau über die Substanzen, die sie konsumiert. Sie liest von den Wirkungen, die gewisse Drogen haben sollen – sexuelle Stimulation, optische Veränderungen oder Glücksgefühle – und will herausfinden, ob das so ist.

Sie informiert sich darüber, mit welchen Substanzen sich beispielsweise Opiate kombinieren lassen – und mit welchen eben nicht. «Weil ich so gut informiert war, dachte ich nicht, dass ich mal in die Abhängigkeit schlittern werde», sagt Daisy am Küchentisch in ihrer Wohnung, die sie seit Anfang August bewohnt.

Lehre trotz Drogenkonsum

Doch es kommt anders. Nachdem Daisy ihre erste Lehre als Fahrzeugschlosserin abgebrochen hat – «es hat einfach nicht gepasst» –, beginnt sie mit 21 Jahren eine Lehre als Lastwagenchauffeuse. Und konsumiert weiterhin Drogen. Ihre Arbeit beeinflusst habe das nie, meint sie.

Jedenfalls nicht bis einen Monat vor der Abschlussprüfung, als sie in eine Polizeikontrolle kommt und positiv auf illegale Substanzen getestet wird. Untersuchungshaft, Strafverfahren, Verurteilung, Schulden, kein Lehrabschluss. «Ich hatte keine Lebensgrundlage mehr», sagt Daisy. «Kein Billett mehr und keinen Lehrabschluss.»

Daisy beginnt, vermehrt Opiate zu konsumieren, spritzt sich die Drogen direkt in ihren Körper. Ihre Sucht finanziert sie sich mit Taschengeld, mit Stehlen und Betrügen. Ihr Ex-Freund hintergeht seine Krankenkasse, um in den Apotheken an opiathaltige Substanzen zu kommen. Er teilt diese mit Daisy. Eine Kontrollstelle kommt dem Mann aber auf die Spur.

«Ich litt Höllenqualen»

Daisy verordnet sich immer wieder selber einen Entzug. Ohne Erfolg. Einmal holt sie die Mutter nach Hause für den kalten Entzug. «Man sagt immer, dass der körperliche Entzug nach 48 Stunden vorbei ist», sagt Daisy und streicht sich durch die violetten Haare. «Doch ich litt drei bis vier Wochen Höllenqualen. Ich hatte Schmerzen, Krämpfe, hatte das Gefühl, dass meine Haut zu eng ist für meinen Körper. Das war richtig eklig.»

Wochen nach dem Entzug muss Daisy die Wohnung ihrer Mutter verlassen und ist wieder auf sich alleine gestellt. Sie kommt zuerst bei einem Ex-Freund unter, dann bei einer Kollegin. Mit beiden schlittert sie zurück in die Drogen. «Dabei ist ein Rückfall der Anfang vom Ende», sagt Daisy heute.

Der Rückfall dauert von Dezember 2016 bis März 2017. Die Schulden beginnen, sich zu häufen. Daisy bestellt sich online elektronische Geräte und verkauft diese weiter, wobei sie die Rechnungen der Händler nie bezahlt. So kommt sie an Geld.

Doch die Masche geht nicht mehr auf. Daisy hat Betreibungen am Hals, psychisch geht es ihr immer schlechter. Sie ruft eine Entzugsklinik an, kann dort bald eintreten. «Es war meine letzte Chance», sagt sie. «Es brauchte extrem Mut, denn bis anhin hatte ich immer meinen eigenen Kopf. Doch ich musste mir eingestehen, dass ich mir selber nicht helfen kann und vor allem, dass die Menschen um mich herum recht hatten, dass ich Hilfe brauche.»

Kontrollieren, ob sie noch atmet

Der Entzug selber ist für Daisy ein erniedrigender Prozess. Jedes Täschli wird kontrolliert, beim Pinkeln wird sie beobachtet und nachts kontrolliert jemand alle zwei Stunden, ob sie noch atmet. «Man muss bereit sein, das mitzumachen, nur so können sie einem helfen», sagt Daisy. «Man gibt schon einen grossen Teil der Würde und der Privatsphäre ab.»

Bereut hat Daisy ihren Entscheid nie. Sie willigt ein, eine Langzeittherapie zu machen. Ihre Botschaft: «Um von der Sucht loszukommen, muss man Hilfe in Anspruch nehmen.» Und man müsse bereit sein, die Vergangenheit aufzuarbeiten und herauszufinden, warum man Drogen nimmt.

Daisy schafft es, von den Drogen loszukommen, verändert sich charakterlich. «Früher, schon als Kind, habe ich mich und alle rundherum belogen», sagt sie. «Das ist heute nicht mehr der Fall.» Drei Monate dauert der Entzug, danach kommt sie in das Betreute Wohnen der Stiftung Sozialtherapie in Brugg und Windisch. «Nach dem Klinikaufenthalt wollte ich es noch nicht alleine versuchen, ich brauchte noch Kontrolle», sagt Daisy.

«Ich bin gut damit gefahren, die Wahrheit zu erzählen»

Sie besucht die Selbsthilfegruppe Narcotics Anonymous, baut in Brugg eine eigene Gruppe auf. Mithilfe ihres Betreuers des Betreuten Wohnens organisiert sie nach und nach wieder ihr Leben. Sie sucht eine Lehrstelle, eine neue Wohnung, lernt, was es bedeutet, alleine zu leben und Verantwortung für sich zu übernehmen. «Das hat mir vorher nie jemand beigebracht», sagt Daisy.

Anfang August ist sie in ihre neue Wohnung gezogen. Dem Vermieter hat sie ihre Geschichte erzählt. «Ich bin gut damit gefahren, die Wahrheit zu erzählen», sagt Daisy. Der Vermieter ist sozial, gibt der jungen Frau die Wohnung. Sie hat Angst vor dem Alleinsein. Die ersten zwei Nächte seien schwierig gewesen. Mit der neuen Wohnung hat Daisy auch den beruflichen Neustart gewagt. Sie hat mit 28 Jahren ihre dritte Lehre in Angriff genommen. In einer Institution für Behinderte macht sie im Westaargau eine Ausbildung zur Polymechanikerin.

Der Traum vom Studium

Das Leben von Daisy läuft gut im Moment. «Mir ging es schon lange nicht mehr so gut», sagt sie. «Ich habe zwar Stress und Druck, aber auf eine gute Art.» Sie ruft sich immer wieder in Erinnerung, was sie bis jetzt geschafft hat. Und manchmal hilft ihr auch ein Blick auf das Tattoo auf ihrem rechten Arm, wo sie sich das Gelassenheitsgebet hat stechen lassen.

Sie weiss, dass der Kampf noch nicht vorbei ist, auch wenn sie jetzt ein Jahr und drei Monate clean ist. «Die Sucht ist omnipräsent und ich gehe nach wie vor wöchentlich zu einem Psychotherapeuten.»

In zehn Jahren will Daisy entweder in einem technischen Beruf oder mit Süchtigen arbeiten. Ihr Traum ist es, Psychologie zu studieren. Sie ist der Meinung, dass es Süchtigen hilft, wenn ihre Betreuer ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

*Désirée, mit Spitznamen Daisy, ist der richtige Name der jungen Frau. Mit der Veröffentlichung ist sie einverstanden. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verzichten wir aber auf die Nennung des Nachnamens.