Tödlicher Schwimmunfall in Brugg

«Ich bin seitdem nie mehr Schwimmen gegangen»

Seit dem Unfall ging die Lehrerin nie mehr in ein Schwimmbecken.

Seit dem Unfall ging die Lehrerin nie mehr in ein Schwimmbecken.

Vor fünf Jahren ist in Brugg ein siebenjähriger Schüler während des Schwimmunterrichts ertrunken. Seine damalige Lehrerin ist nach einem langen Verfahren freigesprochen worden. Sie spricht nun erstmals öffentlich darüber

Der Fall des Brugger Knaben, der bei seinem ersten Schwimmunterricht an der Schule ertrunken ist, hat die Schweiz getroffen und in den Behörden einiges ausgelöst. Lehrervertreter und das kantonale Departement für Bildung, Kultur und Sport diskutieren heute noch über Richtlinien für den Schwimmunterricht.

Seit fünf Jahren verdaut die damals verantwortliche Lehrerin das Unfassbare. Noch habe sie nicht alles verarbeitet. Juristisch ist sie letztes Jahr von jeglicher Schuld am Unfall freigesprochen worden, nachdem der Fall bis vor Bundesgericht gekommen war.

Die az bemühte sich über ihren Anwalt um ein Interview. Die Lehrerin tritt nun zum ersten Mal freiwillig vor die Öffentlichkeit und schildert ihre Sicht der Dinge – mit der Bedingung, weder mit Namen genannt noch im Bild gezeigt zu werden. Die 34 Jahre alte Lehrerin unterrichtet heute an einer anderen Schule im Kanton Aargau.

Der Unfall ist nun fast fünf Jahre her. Wie geht es Ihnen heute?

Ich gehe meinen Weg, habe immer gekämpft und nach vorne geschaut, damit ich irgendwann wieder ein normales Leben führen kann. Ich denke auch viel an die Familie, die ihr Kind verloren hat. Es ist noch immer unfassbar.

Ihr Anwalt sagt, sie seien «durch die Hölle gegangen».

Der Unfall ist für alle beteiligten und betroffenen Personen sehr schlimm. Es ist nicht in Worte zu fassen. Das ständige Hin und Her der Gerichte, das Nicht-Wissen, wie es weitergeht und was auf mich zukommt – das war dann Psychoterror und die Hölle.

Gab es einen besonders schlimmen Moment?

Der schlimmste Moment war der Tag, an dem sich der Unfall ereignete. Schlimm war aber auch die Medienberichterstattung. Diese hat sich über die fünf Jahre hindurchgezogen und war gespickt von Vorwürfen und Mutmassungen. Wie zum Beispiel die Berichterstattung von Kurt Aeschbacher. (Die Hausangestellte des Fernsehmoderators Kurt Aeschbacher war die Tante des verunfallten Kindes, Anm. d. Red.) Er sagte unter anderem, der Knabe sei minutenlang unter Wasser gelegen. Diese nicht belegten Aussagen brachte der «Blick» dann auf einer Doppelseite, was zu einem Blog führte.

Sie sind sich sicher, dass Sie damals alles gemacht haben, was in Ihrer Macht lag?

Ja.

Wie wurden Sie betreut?

Ich wurde von der Schule sehr unterstützt und begleitet. Zwei Tage später, als der Knabe gestorben ist und mir das mitgeteilt wurde, habe ich mich selber in psychiatrische Behandlung eingewiesen. Alleine hätte ich es nicht geschafft. Zudem wurde ich auch juristisch sehr gut unterstützt.

Sie waren in Behandlung?

Ich war rund drei Wochen in stationärer psychiatrischer Behandlung in Königsfelden. Seither mache ich zwei verschiedene Therapien. Eine bezahlt die Krankenkasse, die andere bezahle ich seit drei Jahren selber.

Sie haben sich inzwischen aufgerafft?

Es war ein langer und schwieriger Weg. Zu Beginn hatte ich mir noch geschworen, nie wieder etwas mit Kindern zu machen. Doch mir wurde bald klar, dass mit Kindern arbeiten das Einzige ist, was ich machen will. Dieser Gedanke gab mir Kraft, weiterzumachen. Nach einem halben Jahr bin ich wieder in die gleiche Klasse zurückgekehrt.

Wie hat die Klasse auf Ihre Rückkehr reagiert?

Die Kinder haben sich sehr gefreut. Auch die Schule und das Lehrerteam sind immer hinter mir gestanden.

Das Unterrichten ist für Sie noch so wie früher?

Ich arbeite nach wie vor sehr gerne als Lehrerin, auch wenn es nicht immer einfach ist.

Geben Sie noch Schwimmunterricht?

Nein, Schwimmunterricht werde ich nie mehr geben. Auch weil ich selber nicht mehr ins Schwimmbecken gehen kann.

Sie sind nie mehr schwimmen gegangen?

Nein.

Das BKS gibt bis heute nur Empfehlungen für den Schwimmunterricht, keine Richtlinien. Einige Lehrer fordern verbindliche Regeln. Wie stehen Sie dazu?

Die Vorgaben, die das BKS später hinzugefügt hat, wurden damals schon erfüllt. Dass zwei Personen den Schwimmunterricht leiten sollen, begrüsse ich sehr. Ich finde, der Schwimmunterricht muss Teil der Schule bleiben.

Ein Aarauer Lehrer sagte gegenüber der az, im Schwimmunterricht seien Lehrer mit einem Fuss im Gefängnis. Stimmen Sie dem zu? Wollten Sie nie für klarere Vorgaben kämpfen?

Ich bin derselben Meinung. Noch kämpfe ich aber vor allem damit, dass ich überhaupt existieren kann. Mir fehlte deshalb die Kraft, um für klarere Vorgaben zu kämpfen. Ich finde es aber gut, dass der tragische Unfall immerhin etwas ins Rollen gebracht hat.

Haben Sie sich juristisch ungerecht behandelt gefühlt?

Ja. Vom Anwalt der Gegenpartei, von der Staatsanwaltschaft und vom Obergericht wurden mir Dinge vorgeworfen, die ich noch heute nicht nachvollziehen kann und die wohl kein Mensch umsetzen kann.

Hatten Sie erwartet, dass das Obergericht gegen Sie entscheidet?

Nach dem Freispruch vom Bezirksgericht dachte ich, dass ich nach vorne schauen kann. Dann kamen die Berufung ans Obergericht und der Schuldspruch. Das war für mich unvorstellbar, ich verstand die Welt nicht mehr.

Dem Obergericht hielten Sie dann Willkür vor und Sie bekamen vor Bundesgericht Recht. Haben Sie eine Ahnung, wie das Obergericht so willkürlich handeln konnte?

Ich verstehe bei vielen Dingen nicht, warum sie so abgelaufen sind.

Jetzt kann also niemand mehr kommen und Sie wieder belangen?

Nein. Ich bin jetzt froh, dass die Rechtslage nun endlich geklärt ist.

Es ist auch nichts mehr pendent?

Leider schon. Die Gegenanwaltschaft hat mich mittlerweile dreimal für je eine halbe Million Franken betrieben. Diese Betreibungen schränken mich massiv ein.

Sie werden um anderthalb Millionen Franken betrieben?

Der Anwalt der Gegenpartei begründet es mit Genugtuung für die Eltern und der Unterbrechung der Verjährungsfrist.

Macht dies der Gegenanwalt als Schikane, weil er vor Gericht nicht Recht bekommen hat?

Das weiss ich nicht.

Nun sind fünf Jahre vorbei, sie sind freigesprochen. Was wünschen Sie sich jetzt?

Dass das ganze juristische Hickhack nun endgültig ein Ende nimmt. Dass ich die Kraft finde, mein eigenes Leben wieder zu beginnen, und mir keine Hindernisse wie Betreibungen und dergleichen mehr in den Weg gelegt werden.

Möchten Sie irgendwann wieder schwimmen gehen?

Irgendwann sicher. Ich war früher sehr gerne im Wasser. Zurzeit ist das für mich noch unmöglich. Es ist aber schon mein Ziel, wieder einen normalen Zugang zum Wasser zu haben.

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