«Ich habe es irgendwie kommen sehen», erklärte die Zeugin. «Ich bin auf der Umfahrungsstrasse Hausen Richtung Brugg gefahren. Dabei ist mir ein entgegenkommender Personenwagen aufgefallen. Dieser Wagen war nah auf das vor ihm fahrende Auto aufgefahren und versuchte zu überholen. Meiner Meinung nach war es dazu aber zu spät. Das Auto kam ins Schleudern, fuhr rechts in die Böschung, geriet auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit dem vor mir fahrenden Wagen. Mein Auto stand da bereits. Ich konnte zuschauen.»

Bei der Kollision am 12. Mai 2017 erlitt die Fahrerin des entgegenkommenden Autos Knochenbrüche. Auch die Fahrerin, welche die Kollision verursacht hatte, erlitt mehrere Brüche. Ihr Sohn, der hinten im Auto gesessen hatte, kam mit Prellungen und Quetschungen davon.

Vor kurzem hatte sich die Verursacherin des Unfalls vor Gericht zu verantworten. Zur Last gelegt wurden ihr fahrlässige schwere Körperverletzung, fahrlässige grobe Verletzung der Verkehrsregeln sowie einfache Verletzung von Verkehrsregeln. Dafür beantragte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 120 Franken, eine Busse von 2000 Franken sowie die Auferlegung der Kosten.

Vorspiel im Kreisel

Vor Gericht sagten als Zeugen auch die Fahrerin und der Beifahrer jenes Autos aus, das die Beschuldigte überholt hatte. Sie sei, erklärte diese Zeugin, mit etwa 85 km/h gefahren. Bereits im Kreisel in Windisch habe ihr die Beschuldigte «lichtgehüpelt» und sei dann ständig sehr nah aufgefahren. Auf die Frage von Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg, ob sie, die Zeugin, denn gebremst habe, erklärte diese: «Ich habe nie gebremst. Sicher nicht.» Die Zeugin sagte weiter: «Als die Beschuldigte zum Überholen angesetzt hat, ist sie seitlich sehr nahe herangefahren und hat den Stinkefinger gezeigt. Dann ist sie knapp vor mir wieder eingebogen.»

Das Ganze habe im Kreisel begonnen, erklärte der Beifahrer, der Ehemann der Fahrerin. «Wir haben die Geschwindigkeit eingehalten», sagte er. «Die Beschuldigte ist stets sehr dicht aufgefahren. Ich habe zu meiner Frau gesagt: Jetzt kommt sie – gib Gas. Meine Frau sagte jedoch: Fährst du oder fahre ich? Wäre ich gefahren, hätte ich eine Busse auf mich genommen. Die würde mir heute noch hintennach fahren.» Der Zeuge stellte aber auch fest, dass nichts passiert wäre, wenn die Beschuldigte sich auf die Strasse konzentriert hätte. Sie habe sich aber, um den Stinkefinger zu zeigen, auf die Beifahrerseite beugen müssen.

«Bin ein impulsiver Mensch»

«Die Fahrerin des Wagens vor mir ist nicht flüssig gefahren», sagte die Beschuldigte, die mit ihrem Ehemann vor Gericht erschien. «Das regte mich auf. Ich bin ein impulsiver Mensch. Ich habe schon mal die Lichthupe betätigt. Ich wollte überholen. Der Abstand war normal. Das Auto vor mir wurde aber immer schneller. Da habe ich den Finger gezeigt. Meine einzige Chance war, Gas zu geben. Für mich war es ein normales Überholmanöver.»

Der Verteidiger beantragte den vollumfänglichen Freispruch seiner Mandantin. «Die Beschuldigte wurde zu diesem Fahrstil gezwungen», betonte er. «Es darf ihr nicht zur Last gelegt werden, das Fahrzeug nicht im Griff gehabt zu haben. Sie ist ja nicht Rennfahrerin.» Er äusserte Zweifel an den Aussagen der ersten Zeugin und sagte. «Es hat eben nicht gereicht, weil die Fahrerin des vor meiner Mandantin fahrenden Autos auf Befehl ihres Mannes beschleunigt hat. Daher muss ein Freispruch erfolgen.» Der Verteidiger machte zudem geltend, dass die Unfallfolgen für seine Mandantin so schwer seien, dass eine Strafe unangemessen wäre.

Gerichtspräsidentin Imobersteg sprach die Beschuldigte aber der fahrlässigen schweren Körperverletzung respektive der schweren Körperschädigung sowie der Verletzung von Verkehrsregeln schuldig. Sie nahm jedoch aufgrund der Betroffenheit der Beschuldigten Umgang von einer Bestrafung. Wegen des Lichthupens muss die Beschuldigte aber eine Busse von 40 Franken bezahlen. Sie muss zudem die Kosten des Verfahrens tragen.