«Die Angeklagte wird freigesprochen», verkündete Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg. Dies, obwohl das Gericht davon ausgeht, dass deren Hund Bello das Mädchen Sandra (alle Namen geändert) verletzt hat. Geschehen ist der Vorfall vor rund 14 Monaten, in einem Juradorf des Bezirks Brugg. Dort wohnt das Ehepaar Epper mit seinem Hund Bello und im Haus nebenan das Ehepaar Meier mit seinen drei Kleinkindern. Damit sie zu ihrem Wohnhaus können, haben Meiers ein Wegrecht über das Areal der Eppers. Eines Tages war Mutter Meier mit ihren Kindern beim Ballspiel auf dem Vorplatz, als das Ehepaar Epper mit dem Auto nach Hause kam. Von innen öffnete Herr Epper die Heckklappe, Frau Epper verliess den Wagen, ging zur offenen Heckklappe und öffnete die Hundebox. Hund Bello sprang hinaus und ging auf das Mittlere der drei Kinder los.

Zerrüttetes Verhältnis

Was dort genau passiert ist, hat niemand gesehen. Das Kind begann jedoch zu weinen, die Mutter ging zu ihm hin, um es zu trösten. Kurz sprachen die beiden Frauen miteinander über den Vorfall, dann ging jede in ihr Haus. Am Tag danach suchte die Mutter mit ihrer Tochter den Kinderarzt auf. Dieser stellte ein Hämatom und Schürfungen fest. Er dokumentierte die Wunden mit Fotos. Auf sein Anraten ging die Mutter zur Kantonspolizei. In der Folge stellte die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach einen Strafbefehl gegen Frau Epper aus. Die Staatsanwaltschaft verlangte eine Busse von 1000 Franken, eine Strafbefehlsgebühr von 700 Franken und Polizeikosten von 38 Franken.

Am Prozess war kein Vertreter der Staatsanwaltschaft anwesend, auf der Klägerbank sass einzig die Mutter. Die beschuldigte Hundehalterin hatte einen Verteidiger bei sich. Nach der Befragung der Beschuldigten und der Klägerin wurde der Ehemann Epper als Zeuge befragt. Bei den ausführlichen Befragungen zeigte sich, dass zwischen den Nachbarn seit längerem ein gewisses Zerwürfnis besteht. Die Ursachen liegen weitgehend im bellenden Hund und Einsprachen während der Bauzeit des Wohnhauses der Familie Meier. Mutter Meier betonte, dass ihr Vorgehen kein Racheakt sei, was ihr teilweise unterstellt worden war.

Das Plädoyer des Verteidigers war ein rund 40-minütiges Stakkato, geprägt von den Worten könnte, hätte, wäre. Er zerpflückte die Begründung der Staatsanwaltschaft, deren Strafbefehl zu wenig konkret sei und den gesetzlichen Vorgaben nicht genüge. Den Vorfall stellte er in Abrede und die Echtheit der Fotos des Kinderarztes zog er in Zweifel: Es sei nicht bewiesen, dass das Hämatom durch den Hund verursacht worden sei. Als Ursache des Hämatoms sah er eher einen Streit zwischen den Kindern. Weiter bezweifelte er, ob die Mutter ihre Aufsichtspflicht erfüllt habe. Die Vorwürfe liessen die Mutter still vor sich hinweinen. Die Richterin fragte, ob sie, die Mutter, eine Pause wünsche, was sie mit schwachem Kopfschütteln verneinte. Da sowohl Klägerin wie Beschuldigte auf weitere Voten verzichteten, zog sich das Gericht zur Urteilsfindung zurück.

Das Gericht kam zum Schluss, dass der Hund zwar der Verursacher des Hämatoms ist, dass aber Frau Epper den Vorfall weder gesehen noch hätte voraussehen können und auch kein Vorsatz bestanden habe. Es folgte den Argumenten des Verteidigers. Deshalb wurde Frau Epper freigesprochen, die Prozesskosten übernimmt die Staatskasse, der Anwalt erhält eine Aufwandentschädigung von über 7000 Franken.