Für ihn war es sein politisches Manifest, eine Abrechnung mit den «Feinden des deutschen Volkes» und seine Autobiografie als «Retter der Nation». Heute ist Adolf Hitlers propagandistische Hetzschrift «Mein Kampf» vor allem eines: Ein ungeheures Zeitdokument, das untrennbar mit dem Aufstieg des Bösen und den Gräueltaten der Nazis im Zweiten Weltkrieg verbunden ist. Geschrieben hat es der «Führer» in der Festung Landsberg, wo er zwischen 1923 und 1924 inhaftiert war.

Mit dem Aufstieg Hitlers zum Kanzler und Diktator stieg auch die Auflage von «Mein Kampf». Bis 1939 verkaufte sich das Buch mehr als 5,4 Millionen Mal, wurde in elf Sprachen übersetzt und erschien sogar in einer Ausgabe mit Blindenschrift. Mit dem Niedergang des Dritten Reichs um 1945 wurden viele Originalausgaben vernichtet und die Neuauflage des Buchs verboten.

Trotz Aufbereitung umstritten

Pünktlich zum Ablauf der 70-jährigen Schutzfrist Anfang dieses Jahres veröffentlichte das Institut für Zeitgeschichte in München eine kritisch kommentierte Neuauflage des Buchs. Trotz der wissenschaftlichen Aufbereitung bleibt «Mein Kampf» ein umstrittenes Werk. Das wirft die Frage auf, ob Bibliotheken in der Region Brugg die Neuauflage überhaupt in ihr Sortiment aufnehmen.

In Hausen gibts die Originalversion

«‹Mein Kampf› gehört eigentlich in den Giftschrank», sagt Isabel Dahinden, Leiterin der Campusbibliothek Brugg-Windisch auf Anfrage. «Wir können uns aber gut vorstellen, die kommentierte Neuauflage in den Bestand aufzunehmen.» Schliesslich sei die Aufarbeitung des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Bestandteil vieler Studienrichtungen. In der Bibliothek im Meyerschulhaus in Hausen steht sogar noch eine alte Originalausgabe der Hetzschrift im Bücherregal. «Diese wird aber selten ausgeliehen», sagt die Bibliotheksleiterin Regula Hintermann. Weil das Sortiment vorwiegend auf Primarschüler und Familien ausgerichtet sei, würde man die kritische Neuauflage nur auf rege Nachfrage bestellen.

Nachfragen abwarten

Auch für Katrin Breitsprecher von der Gemeindebibliothek in Schinznach-Dorf ist das Buch kein Thema. «Bei uns leihen vor allem Familien Bücher aus», erklärt die Leiterin und fügt an: «Ich wüsste nicht, wer von unserer Kundschaft sich für dieses Werk interessieren könnte.» Ähnlich verhält es sich in der Bibliothek in Windisch. Auch diese sei eher auf Bücher für Familien und Schüler der Primarstufe ausgerichtet. «Wir pflegen aber eine Kooperation mit der Kantonsbibliothek in Aarau und würden bei Anfragen nach diesem Buch dorthin verweisen», so die Leiterin Iva Riniker. Bei der Stadtbibliothek Brugg schliesslich verfüge man bereits über viele Bücher zur Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs. Man nehme das Werk daher vorläufig nicht auf. «Bei uns bestimmen die Besucher aber mit», so die Leiterin Joséphine Erne. «Gibt es mehrfache Nachfragen, würden wir die Anschaffung diskutieren.»