Historisch
Als die evangelische Lehre «ausbrach» und sich die Königsfelder Klosterfrauen Ehemänner besorgten

Anfang 2023 veröffentlicht Hans Vogel seine Ortsgeschichte von Lupfig und Scherz. Bei seinen Recherchen stiess der alt Ammann auf Erstaunliches aus der Zeit der Reformation im Berner Aargau.

Maja Reznicek
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Die Habsburger Königstochter Agnes war Regentin über das Eigenamt und Mitstifterin des Klosters Königsfelden.

Die Habsburger Königstochter Agnes war Regentin über das Eigenamt und Mitstifterin des Klosters Königsfelden.

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Nach dem Durchbruch in Zürich kam die Reformation in Bern eher zögerlich an. «In der Aargauer Herrschaft wurden 1524, 1526 und 1528 gar alle Ämter und Städte befragt, welchem Glauben sie künftig anhängen wollten», erklärt Hans Vogel. Für das Neue öffnen, wollten sich laut dem ehemaligen Gemeindeammann von Scherz anfänglich aber weder Aarau, noch Lenzburg, Zofingen oder Brugg. Dem schloss sich auch die Königsfelder Äbtissin mit dem Eigenamt in den Befragungen 1524 und 1526 an.

Doch dann kam die Wende: durch eine öffentliche Disputation im Jahr 1528 unter Beteiligung von Reformator Ulrich Zwingli in der Stadt Bern, wie Vogel abgestützt auf das 2012 erschienene Buch «Königsfelden; Königsmord, Kloster, Klinik» von Claudia Moddelmog und Simon Teuscher erklärt.

Eine symbolhafte Darstellung der Klosterkirche Königsfelden aus der Chronik von Christoph Silberysen im Jahre 1570, 42 Jahre nach der Reformation im Berner Aargau. Im Hintergrund die Stadt Brugg.

Eine symbolhafte Darstellung der Klosterkirche Königsfelden aus der Chronik von Christoph Silberysen im Jahre 1570, 42 Jahre nach der Reformation im Berner Aargau. Im Hintergrund die Stadt Brugg.

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Der Rat habe dann nämlich umgehend im ganzen Herrschaftsgebiet die Reformation verfügt und begann eine «straff organisierte Staatskirche» aufzubauen. Vogel sagt:

«Jetzt schwenkten auch die Eigenämter Delegierten auf die etwas opportunistische Linie ein, nach der man sich doch der Mehrheit der Eidgenossen fügen müsse, falls diese die reformierte Zürcher Position übernehmen sollten.»

Die Klarissen und damit Angehörigen des Franziskanerordens im Königsfelder Kloster zeigten sich jedoch schon früher für Neues erstaunlich offen.

Schwester schrieb an Zwingli – und schenkte ihm ein Pflaumenmus

Um 1520 begann man in den klösterlichen Zellen Zwinglis Schriften zu lesen und gemäss Vogels Recherchen «nicht ohne Begeisterung» zu diskutieren. Drei Jahre darauf forderten die Schwestern bereits eine Lockerung der Klosterregeln. Der alt Ammann sagt:

«Zunächst wurden sie aber von Bern zu Besonnenheit ermahnt, um sich mit Habsburg, der nach wie vor rechtmässigen Stifterin des Klosters, nicht anzulegen.»

Das hielt eine von ihnen, die Schultheissentochter Margaretha von Wattenwyl – wie Vogel über die Online-Publikation «Die Urkunden und Akten des Klosters und des Oberamts Königsfelden 1308-1662» von Colette Halter-Pernet, Tobias Hodel und Simon Teuscher herausfand –, aber nicht davon ab, 1523 «aufs herzlichste» mit Ulrich Zwingli zu korrespondieren.

Der Brief (Ausschnitt) der Klosterfrau Margaretha von Wattenwyl an Ulrich Zwingli: Die zitierte Textstelle findet sich ab Zeile sieben, die Erwähnung des Pflaumenmus in Zeile fünf.

Der Brief (Ausschnitt) der Klosterfrau Margaretha von Wattenwyl an Ulrich Zwingli: Die zitierte Textstelle findet sich ab Zeile sieben, die Erwähnung des Pflaumenmus in Zeile fünf.

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Sie habe ihm eine Schale eingekochtes Pflaumenmus («Lattwerg») zukommen lassen und geschrieben: «Denn es ist mir eine besonders grosse Freude, wenn ich Euch etwas Gutes zu tun weiss - und ich nicht allein, sondern dies erbitten sich auch alle evangelischen Christinnen hier in unserer Versammlung zu Königsfelden.» Hans Vogel ergänzt dazu:

«Die Tatsache, dass man ‹Lattwerg› im Mittelalter auch als Arznei gegen Heiserkeit einsetzte, lässt dieses als Geschenk an den leidenschaftlichen Redner besonders sinnreich erscheinen.»

Von Wattenwyl trat 1525 aus dem Kloster aus, nachdem Zwingli ihr den Churer Säckelmeister Luzius Tscharner als Ehemann vermittelt hatte. Vogel ergänzt: «Ob er dies als Dank für das Pflaumenmus tat oder aus allgemeiner Sympathie für seinen erstaunlichen ‹Fan-Club› in Windisch, muss offenbleiben.»

«Darauf wurde es auch der Äbtissin zu bunt»

Bis 1527 nahmen weitere 22 der 30 Schwestern Reissaus und verlangten erfolgreich finanzielle Entschädigungen für ihre geleisteten Dienste. Vogel erklärt:

«Die meisten besorgten sich rasch möglichst einen Ehemann, um dem Rückfall in die Bevormundung durch Verwandte zu entgehen.»

1528 habe Bern die Zurückhaltung gegenüber Habsburg als Stifterin des Klosters fallen gelassen, verbot das Lesen der Messe und nahm wenig später die Entlassung der verbliebenen Nonnen mit einer Abgangsentschädigung von je acht Gulden in Angriff.

Der Kreuzgang des Klosters Königsfelden: Hier diskutierten die Klarissen die neuen Lehren der Reformation.

Der Kreuzgang des Klosters Königsfelden: Hier diskutierten die Klarissen die neuen Lehren der Reformation.

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«Darauf wurde es auch Äbtissin Katharina Truchsess von Waldburg zu bunt, die sich bis dahin tapfer für die katholische Ordnung gewehrt hatte», entnimmt der ehemalige Gemeindeammann aus dem Buch von Teuscher und Moddelmog. Sie stellte in einer «etwas gestelzten Formulierung» fest, dass «aus besonderer Gnade Gottes die evangelische Lehre ausgebrochen sei». Wenige Jahre später ging sie die Ehe mit einem Konstanzer Ratsherrn ein.

Auch der vom Kloster eingesetzte Pfarrer der Kirche Windisch und gleichzeitig Vorgesetzter des Kaplans der Birrer Kapelle, Heinrich Ragor von Brugg, war laut Vogel ein eifriger Förderer der Reformation im Eigenamt. Er stimmte 1528 per Unterschrift der Kirchenreformation zu:

«Damit war er gleichzeitig der letzte katholische und der erste reformierte Pfarrer der Windischer und der Birrfelder Gläubigen.»

Übrigens: Über die Reaktionen der Lupfiger und Scherzer auf die Umtriebe der Reformation ist gemäss Vogel nichts bekannt. Der alt Ammann sagt: «Das lässt darauf schliessen, dass sie sich wohl brav anpassten.» Möglich wäre, dass sie sich von der aufgeschlossenen Haltung der Königsfelder Klosterfrauen inspirieren liessen.

Ortsgeschichte Veröffentlichung Anfang 2023: «Lupfig und Scherz, Geschichte, Geschichten» von Hans Vogel. Herausgeber: Ortsbürgergemeinde Lupfig.