Verkehrsgeschichte
Historiker widmet sich Schiffern auf Flüssen: «Von den Braven weiss man nichts»

Historiker Max Baumann erzählt, warum er sich in seinem neuen Buch dem Stiefkind der Verkehrsgeschichte widmet. Schon seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Autor mit Schiffsleuten, Brücken und Goldwäschern. Am 10. September stellt er sein Buch vor.

Meret Radi
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Der Historiker Max Baumann stellt sein neustes Werk «Rauhe Sitten sind nicht Sünde» am Mittwoch, 10. September in Stilli vor.

Der Historiker Max Baumann stellt sein neustes Werk «Rauhe Sitten sind nicht Sünde» am Mittwoch, 10. September in Stilli vor.

Beim Betreten des roten Hauses von Max Baumann in Stilli versteht die Besucherin sofort, warum er ein Buch über das Flussgewerbe geschrieben hat. Durch die grosse Fensterfront erblickt sie neben wenig Wiese und ein bisschen Wald vor allem eines: die Aare.

Doch das Interesse für Schifffahrt und Fähren hatte den Historiker Max Baumann lange bevor er nach Stilli gezogen ist gepackt. Bereits in seiner Dissertation, die er 1977 fertiggestellt hat, thematisierte er unter anderem Fischer, Goldwäscher, Schifffahrer, Fähren und Brücken, in Stilli und in der ganzen Schweiz.

Sein neustes Buch «Rauhe Sitten sind nicht Sünde - Schiffer auf Aare, Reuss, Limmat und Rhein» wird am 10. September in Stilli vorgestellt. Die Vernissage beginnt um 19 Uhr im Dachsaal des alten Schul- und Gemeindehauses. «Es ist keine Lokalgeschichte», erklärt der Autor, «Ich habe mich mit dem Stiefkind der schweizerischen Verkehrsgeschichte beschäftigt.» Es werde viel über Strassen und Pässe geschrieben, fügt er hinzu , aber über die Flussschifffahrt gebe es fast keine historischen Publikationen.

Jahrzehnte liegen gelassen

Bereits während der Arbeit an seiner Dissertation hat er Notizen verfasst, die er für das bald erscheinende Werk verwenden konnte. «Über Jahrzehnte blieb der Stoff liegen», erzählt Baumann, «aber dank der AHV konnte ich mich jetzt wieder damit beschäftigen.» Obwohl das Material blieb, hat sich die Arbeitsweise verändert. Baumann schätzt heute die Vorteile des Computers: «Die Suchfunktion erspart mir viele Arbeitsstunden.»

Jedoch beseitigen die modernen Arbeitsmethoden nicht alle Hürden, die einem Historiker begegnen. «Natürlich gibt es Informationslücken», sagt der Historiker. Er versucht, diese Lücken mit eigenen Vermutungen zu füllen. Ihm ist aber wichtig, dass seine Mutmassungen als solche erkennbar sind. Aus diesem Grund kennzeichnet er diese Stellen mit Wörtern wie «vermutlich», «wahrscheinlich» oder «wohl».

Vielseitige Quellen

Bei der Auswahl des historischen Stoffs sei es allerdings wichtig aus den Vollen zu schöpfen, ergänzt Baumann. Ein Schwerpunkt des neuen Buchs ist der Salztransport auf Wasserwegen. «Da das Salz in der vorindustriellen Zeit Staatsmonopol war, ist alles genau dokumentiert», begründet Baumann seine Themenwahl. Auch der Salzfuhrprozess 1757, der einen Schwerpunkt im neuen Buch bildet, ist ausgezeichnet dokumentiert. Das Protokoll für den Prozess, bei dem fast die gesamte Bevölkerung von Stilli angeklagt war, hat Baumann schon beim Verfassen seiner Doktorarbeit verwendet. Max Baumann legt den Fokus seiner Geschichtsschreibung bewusst nicht auf mächtige Personen. Ihn interessiere das Kleinräumige, die einfachen Leute und der Alltag der breiten Bevölkerung.

Aber wie erhält man die benötigten Informationen? Die Quellen von Baumann sind sehr vielfältig. Er arbeitet mit Bürgerregistern, Protokollen und Urkunden. Weiter verwendet er auch Tauf-, Ehe- und Totenbücher der Kirche und steigt in verschiedene Archive. «Von den Braven erfährt man aber eher wenig», schildert der Historiker. Da die Quellen oftmals Gerichtsprotokolle seien, erfährt man vorwiegend von Streitigkeiten und Kriminaldelikten. «Läuft der Handel eines privaten Kaufmanns rund, gibt es keine Aufzeichnungen. Bekommt er aber einmal schlechte oder beschädigte Ware geliefert, gibt es eine Anklage und einen Prozess.»

Tänzer und Kirchenschwänzer

Baumann erzählt lebhaft von der kleinsten juristischen Instanz zur Zeit der Berner Landvogteien: Das Chorgericht hat unter anderem Kirchenschwänzer, Trinker, Tänzer und Sonntagsarbeiter ermahnt, verwarnt und gebüsst. «Es kam auch vor, das zwei zerstrittene Nachbarinnen zusammen in den Turm gesperrt wurden. Man nahm an, dass die sich dann schon wieder vertragen», so der Historiker. Die Bücher von Baumann richten sich an interessierte Laien und Historiker zugleich. «Ich verwende nur Fachausdrücke, die ich zuvor erklärt habe», erläutert Baumann seinen Schreibstil. Die wissenschaftliche Arbeitsweise mit repräsentativen Quellen, Tabellen und Zahlen werde von den Historikern anerkannt, und «stört den Laien beim Lesen nicht.»

«Ich bin kein Erfinder»

Max Baumann glaubt, dass die lokale Verwurzelung gefördert werde, wenn die Bevölkerung ihre Lokalgeschichte kenne. «Mit der zeitlichen und historischen Dimension können viele heutige Dinge erklärt werden.»

Auf die Frage, ob Max Baumann auch mal einen historischen Roman verfassen wird, erfolgt eine klare Antwort: «Nein! Dazu bin ich zu fest Historiker. Ich bin kein Erfinder.» Er habe beispielsweise am Theaterstück zum 2000 Jahr-Jubiläum von Windisch mitgearbeitet. «Ich lieferte den Stoff und habe auch mal einen Gag vorgeschlagen», erinnert sich Baumann, aber den Rest überliess er dem Schriftsteller. Baumann fährt fort, dass man die Geschichte schon mit Leben füllen dürfe, zum Beispiel könne man eine Liebesgeschichte einflechten. «Aber ich mache das nicht», sagt er und erklärt, «die Geschichte bietet so viel Lebensnahes, da muss man nichts erfinden. Das Leben, das einem in historischen Quellen begegnet, ist so reichhaltig, da muss man nichts füllen», sagt er und lässt seinen Blick über die Aare streifen.