Projekt in Brasilien
«Schiessereien sind nichts Aussergewöhnliches»: Windischer hilft mit, dass Kinder im Armenviertel nicht auf der Strasse landen

Peter Müller sammelt Spenden für das Zentrum Recrearte, das Kinder und Jugendliche im brasilianischen Stadtteil Fosfato nahe Recife fördert. Der Tod eines Freundes brachte den Windischer dazu, Teil des Projekts zu werden.

Maja Reznicek
Drucken
Teilen
Jasilma Müller (Dritte von links), Leiterin des Zentrums Recrearte in Fosfato, arbeitet mit freiwilligen Helfern zusammen.

Jasilma Müller (Dritte von links), Leiterin des Zentrums Recrearte in Fosfato, arbeitet mit freiwilligen Helfern zusammen.

Bild: zvg

Knapp dreissig Autominuten von der nordöstlichen Küste Brasiliens entfernt, liegt das Viertel Fosfato. Ursprünglich wurde hier Phosphat abgebaut, in den 70er-Jahren siedelten sich dann vor allem mittellose Familien an. Inzwischen leben 9000 Personen auf dem zur Stadt Abreu e Lima im Ballungsraum Recife gehörenden Areal. Die meisten Anwohner verdienen mit Gelegenheitsjobs Geld, viele sind arbeitslos.

Das gemeinnützige und vor Ort stationierte Zentrum Recrearte schreibt dazu:

«Wer in Fosfato aufwächst, bekommt die negativen Seiten des Quartiers bald zu spüren: Angst, Gewalt, Kriminalität, Alkoholismus, Drogenhandel.»

Auch Schiessereien seien nichts Aussergewöhnliches. Zu den Opfern würden meist Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren zählen, die ins Drogengeschäft abrutschen. Das liegt gemäss Recrearte unter anderem an der ungenügenden Qualität der öffentlichen Schulen: Beispielsweise fehlt vielen Kindern für den Übertritt in die sechste Klasse grundlegendes Wissen, sie müssen Schuljahre mehrfach repetieren oder werden in Sonderklassen gesteckt. «Viele geben dann auf, was ihre beruflichen Chancen zunichtemacht.»

Fördervereinsmitglied Peter Müller kannte den Gründer des Zentrums bereits seit seiner Jugend.

Fördervereinsmitglied Peter Müller kannte den Gründer des Zentrums bereits seit seiner Jugend.

Bild: Britta Gut (26. November 2020)

Dem entgegenzuwirken, hat sich das Team von Recrearte zum Ziel gemacht. Peter Müller, Mitglied im Schweizer Förderverein des Zentrums, erklärt: «Da die Kinder nur halbtags in die Staatsschule gehen, kann das Zentrum mit schulischer Nachhilfe und sinnvollen Freizeitangeboten eine Alternative zur Strasse bieten.»

Der ehemalige Domino-Präsident aus Windisch begleitet das Projekt seit Mitte 2020 aktiv. Er ergänzt:

«Lernschwache Kinder fallen im brasilianischen Schulsystem schnell durch die Maschen, werden einfach mitgeschleift, ohne wirklich zu lernen.»

Ein permanenter Einsatz erschien dem Ehepaar «notwendig»

2006 legten der Lehrer Hannes Martin Müller und seine Frau Jasilma den Grundstein für das Zentrum Recrearte. Jasilma Müller wuchs selbst in einem brasilianischen Armenviertel in der Nähe von Fosfato auf und konnte ihre obligatorische Schulzeit erst im Erwachsenenalter beenden. Im Jahr 2002 hatte das Paar die Idee, in einer einmaligen Aktion einen Kindergarten in Fosfato aufzubauen. Doch es kam anders, wie es auf der Website des Zentrums heisst:

«Schon bald liessen wir uns im direkten Umgang mit den Betroffenen von der ‹Notwendigkeit› eines permanenten Einsatzes überzeugen.»

Mit Spenden aus der Schweiz und Brasilien richteten die Müllers über die Jahre hinweg eine Institution für Kinder und Jugendliche ein: mit sechs Schulzimmern, Informatikraum, Bibliothek, Schreinerei, Sportplatz, Küche und Essraum. Aktuell arbeiten sechs Lehrpersonen – unterstützt von Hilfskräften und Freiwilligen – vor Ort. Angeboten werden Musik- und Werkunterricht sowie Computer-, Mathematik- und Portugiesischkurse.

Finanziert wird das Projekt hauptsächlich von dem in Weinfelden domizilierten Verein Recrearte Brasilien Support Schweiz, der in der Schweiz Spenden sammelt. Zusätzlich erhält das Zentrum sporadisch Gelder von der öffentlichen Hand in Brasilien. Auch Peter Müller unterstützte dieses immer wieder. Ein Todesfall bewog ihn dann dazu, fester Teil des Projektteams zu werden.

Sein Lebenswerk sollte weiterhin Gutes bewirken können

Hannes Müller und Peter Müller kannten sich bereits seit ihrer Jugend. Aufgewachsen in Windisch und Brugg, besuchten sie gemeinsam die Bezirksschule Brugg und die Kantonsschule Baden. An Klassentreffen berichtete Hannes Müller jeweils von seinem Zentrum in Brasilien und erhielt Unterstützung von seinem Namensvetter sowie weiteren Ehemaligen. Ende 2019 erlag der Gründer von Recrearte jedoch einer langjährigen Krebserkrankung. Peter Müller sagt:

«Als Hannes starb, bot ich meine aktive Mitarbeit an, damit sein Lebenswerk weiterhin für die Kinder von Fosfato Gutes bewirken kann.»

Nachdem Tod ihres Mannes übernahm Jasilma Müller die Leitung des Zentrums Recrearte. Peter Müller half mit, den dazugehörigen Schweizer Verein neu aufzustellen, der das Projekt hauptsächlich finanziert: Seit letztem Jahr betreut der Windischer als Aktuar die nationale Spendenkampagne von Recrearte Schweiz.

Der verstorbene Zentrumsgründer Hannes Martin Müller und seine Frau Jasilma Amorim Müller.

Der verstorbene Zentrumsgründer Hannes Martin Müller und seine Frau Jasilma Amorim Müller.

Bild: zvg

Zusätzlich übernehmen ein Sohn von Jasilma Müller und dessen Frau die Rolle als Kassier bzw. Präsidentin. Peter Müller sagt: «Der Einsatz des Vereins ist besonders wichtig, weil die sehr erfolgreiche Fundraising-Tätigkeit von Hannes Müller, der aufgrund seiner früheren Unterrichtstätigkeit in der Schweiz über ein weitgespanntes Beziehungsnetz verfügte, ersetzt werden muss.» Deshalb seien auch weitere Vereinsmitglieder stets willkommen.

Wegen Corona musste der Präsenzunterricht eingestellt werden

Das Jahr 2020 bot für Recrearte weitere Herausforderungen. Wegen der Pandemie musste der Präsenzunterricht für die Kinder und Jugendlichen eingestellt werden. Stattdessen versorgte das Zentrum die Bevölkerung in Fosfato mit Notpaketen. Diese enthielten unter anderem Esswaren, Kleider und Hygieneartikel.

Noch vor Corona: Kinder im Zentrum Recrearte in Fosfato.

Noch vor Corona: Kinder im Zentrum Recrearte in Fosfato.

Bild: zvg

Peter Müller erzählt, wie es weiter ging: «Später konnte einem gewissen Teil der Kinder Fernunterricht angeboten werden. Dieses Jahr sieht es besser aus.» Seit letztem September kann in kleineren Gruppen und mit Abstand wieder vor Ort unterrichtet werden.

Mindestens bis Ende 2022 setzen die Projektverantwortlichen zudem zwei Schwerpunkte beim Angebot: Sowohl Jugendliche, die vor der Berufswahl stehen, als auch Kinder, die gerade mit der Schule beginnen, sollen fokussiert werden. Ab diesem Februar begleitet das Team von Recrearte beispielsweise die «Iniciantes Felizes» (die glücklichen Anfänger) für zweieinhalb Jahre, behebt schulische Rückstände und fördert Talente. Das Angebot kommt gemäss Peter Müller in Fosfato gut an. Bereits 120 Kinder haben sich trotz Pandemie angemeldet.

Über das Zentrum Recrearte

Informationen und Spenden unter:

Website www.recreartebrasil.net (in Deutsch) oder per E-Mail an recreartebrasil@hotmail.com.

Aktuelle Nachrichten