Wer auf den letzten Drücker, kurz vor Lehrbeginn 2018, im Bezirk Brugg noch eine Lehrstelle suchte, der hatte eine beachtliche Auswahl gehabt. 35 Lehrstellen in 26 Berufen waren per 7. August gemäss der Lena-Auswertung des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS) noch offen. Die Berufe, die man hätte erlernen können, sind vielfältig. Coiffeur, Floristin, Strassenbauer oder Drucktechnologin sind nur eine Auswahl. Im ganzen Kanton Aargau waren per Stichtag 6. August total 500 Lehrstellen als noch offen gemeldet.

Gemäss BKS übersteigt die Nachfrage das Lehrstellenangebot in besonders beliebten Lehrberufen wie Informatiker. In anderen Berufsgruppen, etwa im Gastgewerbe, übersteigt das Angebot an Lehrstellen jedoch die tatsächliche Nachfrage. In diesen Branchen bleiben Ausbildungsplätze offen.

Job nach Lehre ist garantiert

Auch Lehrstellen in weniger bekannten Berufen bleiben oft unbesetzt. So ist Anfang August die Stelle als Fachmann/Fachfrau Textilpflege EFZ noch immer ausgeschrieben. Die Ausbildung bietet die Bardusch AG an ihrem Standort in Brugg an. Gemäss Sachbearbeiterin Evi With von der Bardusch AG ist die mangelnde Bekanntheit des Berufs unter Jugendlichen ein Grund für die unbesetzt gebliebene Lehrstelle. «Die Jugendlichen kennen den Beruf gar nicht. Wenn sie von ihm hören, denken sie, die Arbeit sei langweilig, dabei ist der Beruf breit gefächert», sagt With. Die Ausbildung zum Fachmann/zur Fachfrau Textilpflege mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis ist anspruchsvoller, als auf den ersten Blick vermutet werden könnte. So müssen die Jugendlichen Freude an Textilien haben, darüber hinaus auch Mathematik- und Chemiekenntnisse sowie ein technisches Verständnis für die Maschinen mitbringen. Im Berufsalltag steht man viel und trägt schwere Wäschesäcke, weshalb der Beruf auch körperlich anstrengend ist. Nicht zuletzt haben die Lehrlinge Kundenkontakt und müssen Berichte schreiben, was gute deutsche Sprachkenntnisse erfordert.

Den meisten Bewerbenden fehlt es laut With an den Schulkenntnissen. Zwar habe man 15 bis 20 Bewerbungen erhalten, doch aufgrund der Bildung der Bewerber sei eine Ausbildung nicht realistisch, so With. «In dieser Branche hat man gute Weiterbildungsmöglichkeiten. Man kann sein eigenes Geschäft führen, Abteilungsleiter werden oder eine Weiterbildung an einer höheren Fachschule absolvieren», sagt With. Da in der Branche Fachkräftemangel herrsche, habe man als Lehrabgänger praktisch eine Stelle auf sicher.

Wenig überraschend sind auch in Berufen, die schon seit einiger Zeit Mühe mit der Lehrlingssuche haben, Anfang August noch Stellen offen. So sind bei der Wernli Metzg in Remigen ganze vier Lehrstellen ausgeschrieben, zwei als Fleischfachmann EFZ und zwei als Fleischfachassistent EBA, die Attestausbildung. «Wir bilden seit 40 Jahren Lehrlinge aus. Normalerweise haben wir drei Lernende ausgebildet, in jedem Lehrjahr einen. Seit zwei, drei Jahren haben wir aber kaum gute Bewerbungen mehr erhalten», sagt Geschäftsführer und Ausbildner Roger Wernli. Momentan hat die Wernli Metzg einen einzigen Lehrling, einen jungen Eritreer, der jetzt im zweiten Lehrjahr ist.

Vorurteile schrecken ab

Für Wernli ist die Entfremdung der Gesellschaft vom Fleischkonsum ein Grund, warum kaum einer mehr in einer Metzgerei lernen möchte. Dabei habe man sogar den Namen der Ausbildung von Metzger zu Fleischfachmann geändert, doch das fruchte auch nicht, so Wernli. «Es ist ein Bezug zum Beruf nötig, damit jemand Fleischfachmann lernen möchte», sagt er. Dieser Bezug fehle heute den meisten Jugendlichen. Zudem werde ihnen teilweise von ihrem Umfeld geraten, sie sollen doch lieber einen anderen Beruf lernen. Dass Lernende mit Vorurteilen konfrontiert sind, weiss Wernli aus eigener Erfahrung. Sein Sohn wird im nächsten Jahr bei einer anderen Metzgerei seine Lehre zum Fleischfachmann beginnen. «Bei den Mädchen kommt man damit nicht so gut an», sagt Wernli. Dabei macht das Schlachten, das die meisten ablehnen, nur einen verschwindend kleinen Teil der Arbeit aus. «Das sehen die Jugendlichen aber erst, wenn sie im Betrieb arbeiten», sagt Wernli.

Bereits sind die Jugendlichen aus den jetzigen Abschlussklassen auf der Suche nach einer Lehrstelle ab Sommer 2019. Bei der Bardusch AG schaut man positiv in die Zukunft. «Wir werden alles daransetzen, die Lehrstelle in Brugg im Sommer 2019 zu besetzen», sagt Evi With. Bei der Wernli Metzg sieht es hingegen weniger gut aus. Zwar bleiben die Lehrstellen weiterhin ausgeschrieben, doch Roger Wernli ist skeptisch, ob sich an der Situation in seiner Branche etwas ändern wird. «Man muss sich schon überlegen, ob man noch Lehrlinge ausbilden möchte.»