Veltheim
Hier darf jeder ein Rennfahrer sein – auch mit einer Behinderung

Am Seifenkisten-Derby in Veltheim haben auch Kinder mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen teilgenommen. SIe fahren in speziellen Seifenkisten, die zwei Sitze haben. So kann eine Begleitperson eingreifen, wenn es mal brenzlig wird.

Samuel Frey (Text und Fotos)
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Der Veltheimer Gemeinderat Patrick Suppiger hilft seinem 9-jährigen Sohn Lean bei den Rennvorbereitungen.
17 Bilder
Viele inspizieren die Rennstrecke vor dem Start
Silvian Ulrich beginnt wie alle andern auch beim Start
Patrick Suppiger hilft seinem Sohn Lean bei den Rennvorbereitungen
Patrick und Lean Suppiger zeigen beim Rennen vollen Einsatz
Nach dem Rennen ist vor dem Rennen, so brauchen auch die Seifenkisten manchmal eine Pause
Nicht nur bei Leon Uebelacker mussten die Pylonen weichen
Levin Suppiger ist voll auf das Ziel konzentriert
Jenny Kressebuch zieht das Publikum in ihren Bann
Josua Ligani trifft die Kruve
Leon Uebelacker (liks) und Sandro Brunner sind zum ersten Mal an einem Seifenkistenrennen
Gino Taveri umfährt das Hindernis geschickt
Die Stadtpolizei Zürich sorgte im Aargau für Recht und Ordnung
Die Rennteilnehmer bauten sich für einen Tag eine kliene Stadt
Das ist eine Doppelsitz-Seifenkiste von Patrick Suppiger
Bei Nicola Schwab zählt nur die Geschwindigkeit
Seifenkistenrennen Veltheim

Der Veltheimer Gemeinderat Patrick Suppiger hilft seinem 9-jährigen Sohn Lean bei den Rennvorbereitungen.

Samuel Frey

Noch einmal kurz durchatmen. Nur noch einmal die Strecke im Kopf durchgehen. Dann heisst es plötzlich: «Eins, zwei, drei!» – der Hebel fällt, die Sperre senkt sich, man saust Richtung Tal. Etwa 80 Fahrer haben dies am Samstag dreimal erlebt. Nicht etwa auf Motorrädern oder Rennboliden, sondern in Seifenkisten: Schon zum dritten Mal war Veltheim Gastgeber eines Seifenkisten-Derbys, aber zum ersten Mal fand hier der Cupfinal statt. Jugendliche und Kinder, zwischen 8 und 16 Jahre alt, durften ihr Können als lizenzierte Fahrer beweisen. «Was den Cupfinal speziell macht, sind die Prämierungen der Jahrgänge und natürlich der Kampf um den Schweizer-Meister-Titel», sagt Patrick Suppiger, OK-Präsident und Gemeinderat in Veltheim – obwohl dieses Jahr der Meister-Titel schon vor dem Cupfinal mehr oder weniger im Trockenen sei. Aber das mache nichts, denn der ganze Tag sei ein Fest, erklärt Suppiger. Er ist praktisch an jedem Seifenkisten-Derby dabei und hat die Veranstaltung nach Veltheim geholt.

Vor vier Jahren hat Suppigers Sohn Levin eine Seifenkiste geschenkt bekommen. «Dann sind wir an ein Rennen gegangenen, und der ganzen Familie hat es total gefallen», sagt der Gemeinderat. So blieb es nicht bei einer einzigen Rennteilnahme. Aber: Der jüngere Sohn von Patrick Suppiger, Lean, ist anders. Er hat das Down-Syndrom. Das hindert den Neunjährigen jedoch nicht, an Seifenkisten-Derbys teilzunehmen. Am Cupfinale konnte er als Erster starten und die Rennstrecke einweihen. Lean fährt nicht alleine: Sein Vater sitzt zusammen mit ihm in einer Seifenkiste und ermöglicht ihm so Integration und Spass.

Hinter dieser scheinbar so selbstverständlichen ersten Fahrt des Tages steckt viel Arbeit: Die Eltern von Lean wollten sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass es für Menschen mit körperlichen oder geistigen Benachteiligungen nicht möglich sei, an Seifenkisten-Derbys teilzunehmen. So kam das Projekt «anders zu sein ist ganz normal! Integration behinderter Kinder im Seifenkistensport» zustande.

Zusammen mit Heinz Lüscher von der Mechanischen Werkstatt Brugg hat Patrick Suppiger eine Seifenkiste entworfen, konstruiert und gebaut, die einen Doppelsitz hat. Der zweite Fahrer kann während der Fahrt eingreifen, wenn es zu brenzlig wird. Die Idee fand Anklang, Lüscher und Suppiger stellten weitere solcher speziellen Seifenkisten her. Sponsoren unterstützten das Projekt. An jedem Seifenkisten-Derby in der Schweiz haben nun Kinder mit einer geistigen oder körperlichen Einschränkung die Möglichkeit, am Rennen teilzunehmen. Denn: Patrick Suppiger reist an jeden Event mit vier Seifenkisten – eine für seinen älteren Sohn und drei Doppelplätzer. Extra dafür hat der Gemeinderat einen Pferdeanhänger umgebaut. «Es kommen nicht extrem viele Leute, die unser Angebot nutzen wollen. Es ist schwierig, betroffene Kinder und deren Familien auf den Geschmack zu bringen», sagt der OK-Präsident. «Aber einige kommen gerne und immer wieder.»