Brugg
«Heute muss ich alles ruhiger nehmen»

Ueli Steinhauer aus Brugg setzt sich für hirnverletzte Menschen ein. Ueli Steinhauer ist selbst ein Betroffener: Es war am Donnerstag, 25. September 2003, als sich sein Leben von Grund auf änderte. Doch mit seinem Schicksal hadern mag er nicht.

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Ueli Steinhauer, Vizepräsident von Fragile Suisse AG/SO.

Ueli Steinhauer, Vizepräsident von Fragile Suisse AG/SO.

Annika Bütschi

Ueli Steinhauer sagt aus Erfahrung: «Wenn du dich an einer Versammlung einmal zu Wort meldest, bist du praktisch schon als Vorstandsmitglied oder für eine andere freiwillige Aufgabe gewählt...», meint er schmunzelnd. So ist es dem 60-Jährigen aus Brugg schon als junger Mann ergangen. Er war als Schriftsetzer-Lehrling einer der ersten «Chefredaktoren» der Aargauer Gewerbeschülerzeitung «Telliring», zahlreiche weitere freiwillige Tätigkeiten folgten bis auf den heutigen Tag. «Meine erste Freundin hat mir einmal gesagt, ich hätte ein Talent dafür, mich für Sinnloses einzusetzen.» Gemeint habe sie wohl damit, dass er zu viel Zeit und Energie für Tätigkeiten aufwende, die finanziell keinen Ertrag erbrächten. Das ist viele Jahre her und Ueli Steinhauer amüsiert sich heute über den Tadel jener Jugendfreundin. Zum einen, weil er gar nicht anders kann, als seine Hilfe anzubieten, wenn dies notwendig erscheint; zum anderen aber, weil etwa drei Millionen Menschen in der Schweiz über dieses «Talent» verfügen – und in irgendeiner Form Freiwilligenarbeit leisten.

Ueli Steinhauer tut dies – unter anderem – als Vizepräsident von Fragile Suisse Aargau/Solothurn Ost. Diese Vereinigung setzt sich für hirnverletzte Menschen und deren Angehörige ein, hilft ihnen dabei, ihr nicht immer ganz einfaches Leben zu bewältigen. Ueli Steinhauer ist selbst ein Betroffener: Es war am Donnerstag, 25. September 2003, als sich sein Leben von Grund auf änderte: Begonnen hatte der Tag ganz normal – zusammen mit seiner Frau Rosmarie war Ueli Steinhauer beim Einkaufen; daheim angekommen, wurde er kurz ohnmächtig. «Danach stellte meine Frau fest, dass meine linke Körperhälfte schief und schlaff herunterhing.» Ueli Steinhauer hatte eine schwere Gehirnblutung erlitten. Eine längere Operation im Kantonsspital Aarau und die Versetzung ins künstliche Koma retteten ihm das Leben. «Danach war nichts mehr wie zuvor», sagt Ueli Steinhauer. Fünf Monate Rehaklinik Rheinfelden und intensive Therapien halfen ihm dabei, verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen. Aber nicht alle. Ueli Steinhauer hat eine Hirnverletzung erlitten – körperliche und kognitive Beeinträchtigungen sind geblieben. Seit 2004 hat er eine volle IV-Rente.

Mit viel Geduld, Entschlossenheit und vor allem auch viel Unterstützung von seiner Frau hat Ueli Steinhauer sein neues, schwierigeres Leben in den Griff bekommen. 2005 hat er nach einigen Fahrstunden und einer Kontrollfahrt seinen Autofahrausweis zurückbekommen. «Das hat nicht nur mir, sondern auch meiner Frau wieder mehr Bewegungsfreiheit verschafft», meint Ueli Steinhauer. Um den Kontakt zur Arbeitswelt und seinen Kollegen nicht ganz zu verlieren, besucht Ueli Steinhauer einmal pro Woche seinen früheren Arbeitsplatz bei der «Aargauer Zeitung». «Es ist nicht selbstverständlich, dass ein ehemaliger Arbeitgeber dies ermöglicht», sagt er.

«Trotz den Verlusten und Einschränkungen, die ich als Folge der Hirnverletzung hinnehmen muss, hat diese Krankheit eben auch ihre Qualitäten», erklärt Ueli Steinhauer. «Ich muss alles viel ruhiger nehmen, habe und brauche mehr Zeit.» Viel dieser Zeit widmet er der Vereinigung Fragile AG/SO. «Allein im letzten Jahr habe ich 127 Stunden für Fragile gearbeitet, wobei ich nicht immer alles aufschreibe...» Bei all den Aufgaben, die er als Vizepräsident bewältigt, zählt die Organisation der alljährlichen behindertengerechten Vereinsreise sicher zu den grösseren Herausforderungen.

Im letzten September hat Fragile AG/SO im Medizinischen Zentrum Brugg ein Informations- und Beratungsbüro eröffnet. Betroffene und Angehörige erhalten dort Unterstützung bei Fragen zu Versicherungen, Rehabilitation und Therapien. Anmelden muss man sich telefonisch – und diese Anrufe werden zu Ueli Steinhauer umgeleitet. Er vereinbart Termine, kann aber auch gleich erste Auskünfte erteilen, Infomaterial zusenden oder wichtige Adressen vermitteln. Auch hier sagt Ueli Steinhauer: «Das funktioniert nur, weil ich eine so liebe Frau habe, die mich – wie übrigens die ganze Familie – immer so tatkräftig unterstützt.»

Ueli Steinhauer selbst hilft ausserdem in der Reformierten Kirchgemeinde Brugg mit, ist im Vorstand der Institution Grossfamilie Steinhauer tätig und hat als Arbeitnehmer-Vertreter jährlich sechs bis acht Einsätze am Arbeitsgericht. Er sagt nüchtern: «Mehr liegt nicht drin; wegen meiner Krankheit bin ich nicht mehr so belastbar.»

An der nächsten Fragile-GV tritt Ueli Steinhauer als Vizepräsident zurück. «Ich möchte wieder schreiben, so wie ich dies in jüngeren Jahren getan habe», sagt er. Er denkt dabei an Kurzgeschichten, in denen Erlebnisse und Erfahrungen aus seinen zwei Leben – vor und nach der Gehirnblutung – einfliessen werden. Denn Ueli Steinhauer hat viel erlebt und viel ausprobiert. Aufgewachsen in Brugg zusammen mit sieben Brüdern, hat er eine Schriftsetzerlehre absolviert, war früh an Politik interessiert («mehr sozial als liberal»), hat als freier Mitarbeiter des damaligen «Aargauer Tagblatts» etwas dazuverdient, hat unter anderem bei der «Davoser Zeitung» gearbeitet, war Taxichauffeur in Arosa, Hilfspfleger in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden und im Spital Brugg. «Aber erst, als ich als Schriftsetzer zum ‹Aargauer Tagblatt› ging, habe ich zum ersten Mal richtig Geld verdient», blickt er zurück. Das war 1981 und hatte einen wichtigen Grund: Der hiess Rosmarie. «In London», lächelt Ueli Steinhauer, «hielt ich auf offener Strasse um ihre Hand an.» Zwei Söhne und eine Tochter vervollständigten das Familienglück.

Aber auch im «Leben danach» gibt es nicht nur die Krankheit: So hat ihm gerade das letzte Jahr besonders viel Freude beschert: Er durfte seinen 60. Geburtstag feiern, sein Göttibub hat geheiratet und – mit dem kleinen Aurelio kam sein erstes Enkelkind zur Welt.