Persönlichkeit
Herzog von Effingen: Vor 175 Jahren starb «Le roi d’Argovie»

Morgen jährt sich der 175. Todestag von Johann Herzog von Effingen, dem mächtigsten Politiker im jungen Kanton Aargau.

Hans-Peter Widmer
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Johann Herzog von Effingen als Oberst. Staatsarchiv Aargau

Johann Herzog von Effingen als Oberst. Staatsarchiv Aargau

Der Zusatz «von Effingen», den Johann Herzog seinem Namen beifügte, war kein aristokratisches Attribut, sondern diente zur Unterscheidung von einem gleichnamigen andern Abgeordneten im Grossen Rat der Helvetischen Republik. Aber das scheinbar adelige Kennzeichen, das er von seiner Herkunft aus dem kleinen Dorf Effingen im Bezirk Brugg ableitete, verlieh ihm eine Noblesse, die durchaus seinem Status entsprach.

In ärmlichen Verhältnissen geboren und als Untertan im alten bernischen Aargau aufgewachsen, nutzte Herzog die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen zum Aufbau seiner dominierenden Position. Er brachte es zum reichsten und bedeutendsten damaligen Unternehmer – heute würde man von einem Oligarchen sprechen – sowie zu einem der einflussreichsten Staatsmänner im jungen Kanton Aargau. Deshalb war auch vom «Herzogtum Aargau» und «Le roi d’Argovie» die Rede.

Der spätere «König» besuchte bis zum 12. Altersjahr die Gesamtschule in Effingen, danach zwei Jahre eine Privatpension in Lauffohr und die Stadtschule Brugg. Hierauf lernte er in einem Handelsbetrieb in Moudon Französisch. Mit fünfzehn kehrte Herzog in das väterliche Baumwollgeschäft zurück und heiratete mit sechzehn die 17-jährige Elisabeth Hartmann. Bereits vier Monate später kam der erste von später sechs Söhnen und zwei Töchtern zur Welt – ein frühreifer junger Mann!

Herzogs Karriere begann als Abgeordneter in der Helvetischen Republik. Er prägte 40 der sogenannten schweizerischen Revolutionsjahre von 1798 bis 1840. Am Anfang standen der Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft, der französische Einmarsch in die Schweiz, die Errichtung der Helvetischen Republik und ihr rascher Niedergang. Durch die nachher von Napoleon diktierte Mediationsakte entstand 1803 auch der neue Kanton Aargau, in dem Johann Herzog jahrzehntelang eine führende Rolle spielte.

Er trat sofort in den 150-köpfigen aargauischen Grossen Rat ein. Vier Jahre später wurde er in die Regierung berufen. Er strebte die Abschaffung des Zehnten an, vertrat den Kanton in der Tagsatzung, machte mit seiner dynamischen Handelspolitik fremde Diplomaten auf sich aufmerksam und erntete zum Verdruss der Amtskollegen ausländische Auszeichnungen. Daneben kümmerte er sich um das Finanz- und Militärwesen, initiierte den Neubau des Grossratsgebäudes und legte mit dem Kauf von General Zurlaubens Privatbibliothek den Grundstock zur aargauischen Kantonsbibliothek.

Eine wichtige Rolle spielte Johann Herzog auch in den Übergangsjahren 1814/15, beim Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft. Er wehrte neben den Diplomaten Rengger, Stapfer und Laharpe bernische Wiedereroberungsgelüste auf das ehemalige Untertanenland Aargau ab. Die folgende Verfassungsrevision verlängerte die Amtszeit der Regierung auf zwölf Jahre und schuf das neue Bürgermeisteramt, das Herzog in jährlicher Ablösung mehrmals versah. Mit der Reputation eines Staatsoberhauptes empfing er die Kaiser Alexander I. von Russland und Franz I. von Österreich auf ihren Durchreisen durch den Aargau.

Aber durch ihre zunehmend autokratischen Züge, die Verstärkung der Regierungsgewalt und die Einführung der Pressezensur gerieten die Regierung und Herzog unter Druck. Sie unterschätzten die liberale Opposition zunächst, bis sie am 6. Dezember 1830 vom «Freiämtersturm» in die Knie gezwungen wurden. Mit den erwirkten Änderungen mochte sich Johann Herzog nicht identifizieren. Er blieb zwar Mitglied des Grossen Rates und präsidierte ihn sogar 1833 und 1836, aber er widmete sich nun vor allem seinem Unternehmen.

Auch als Geschäftsmann war er erfolgreich. Sein Vermögen wurde auf zwei Millionen Franken geschätzt – damals eine Riesensumme. Er machte aus dem bescheidenen väterlichen Baumwollhandel ein Grossunternehmen. 1810 gründete er als Mehrheitsaktionär in Aarau die erste mechanische Baumwollspinnerei im Aargau. Sie beschäftigte zeitweise 700 Personen. 1821 kam eine Seidenband-Weberei in Suhr dazu. Die Maschinenspinnerei bedrängte die Heimarbeiter. Das Unternehmen blieb nicht zuletzt durch Niedriglöhne und Kinderarbeit konkurrenzfähig.

Diese Umstände trübten das Ansehen Herzogs zu Lebzeiten nicht wirklich. Bereits an der Abdankungsfeier am Weihnachtstag 1840 in Aarau setzte ihm Pfarrer Pfleger ein Denkmal: «So lang der Kanton Aargau genannt wird, wird auch sein Name als der einer seiner grössten Bürger und schönsten Zierden genannt werden.» Doch 175 Jahre später ist der Glanz der Herrlichkeit auch beim «Roi d’Argovie» verblasst. Was blieb, sind zwei ursprüngliche Herzog’sche Gebäudekomplexe: Das heutige Schul- und Erziehungsheim in Effingen sowie das Herosé-Stift in Aarau.

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