Lupfig

Heim stellt vier Pflegehelferinnen frei: Jetzt spricht eine Betroffene

Das Haus Eigenamt in Lupfig verfügt über 52 Pflegebetten. Am letzten Montag waren vier Betten frei, gestern noch eines.

Das Haus Eigenamt in Lupfig verfügt über 52 Pflegebetten. Am letzten Montag waren vier Betten frei, gestern noch eines.

Eine Betroffene schildert die Situation im Haus Eigenamt – ihr Fazit: «So geht man nicht mit den Leuten um». Die Entlassung sei aus wirtschaftlichen Gründen vollzogen worden, rechtfertigt Hanspeter Müller die Vorgehensweise.

Sie galt als Sonnenschein im Haus Eigenamt in Lupfig, hat mit den Bewohnern auch mal Volkslieder gesungen oder getanzt und war ein flexibles Teammitglied: Petra Fischer (Name geändert) war seit 2008 im Pflegeheim in unterschiedlichen Teilzeitpensen tätig. Bedingt durch einen Bandscheibenvorfall, fiel Fischer zweieinhalb Monate aus und kehrte vor wenigen Wochen motiviert an den Arbeitsplatz zurück. Sie stand als Pflegehelferin (Schweizerisches Rotes Kreuz) auf der Demenzabteilung im Einsatz. Bis zum 20. Februar.

An jenem Montag, genau zwei Jahre nach der Freistellung von acht Mitarbeitenden durch den Altersheimvorstand, musste Fischer um 14 Uhr zusammen mit drei weiteren Pflegehelferinnen bei Geschäftsführer Hanspeter Müller und der Pflegedienstleiterin antraben. Den vier Frauen legte Müller ohne grosse Erklärungen das Kündigungsschreiben zur Unterzeichnung vor. «Die Kündigung erfolgt aus wirtschaftlichen Gründen», heisst es im Schreiben für Fischer. Und weiter: Die Auflösung des Arbeitsvertrags erfolge fristgerecht zum 31. Mai. Kaum hatten die vier Frauen die Kündigung unterschrieben, setzte Müller ihnen ein zweites Schreiben zur Unterzeichnung vor. Im sogenannten «Aufhebungsvertrag» hiess es, dass der Arbeitsvertrag in gegenseitigem Einverständnis per Saldo aller Ansprüche aufgelöst wird. «Das Arbeitsverhältnis endet per 28. 02. 2017.» Mit der Lohnzahlung vom Februar würden zusätzlich drei Monatslöhne sowie der 13. Monatslohn pro rata ausbezahlt.

«Wenn man Personen aus wirtschaftlichen Gründen entlassen muss, ist es für manche ein Spiessrutenlaufen, wenn sie noch zur Arbeit gehen müssen», sagt Hanspeter Müller, Geschäftsführer vom Haus Eigenamt

«Wenn man Personen aus wirtschaftlichen Gründen entlassen muss, ist es für manche ein Spiessrutenlaufen, wenn sie noch zur Arbeit gehen müssen», sagt Hanspeter Müller, Geschäftsführer vom Haus Eigenamt

«Das war ein Fehler»

Fischer war perplex, zögerte kurz und unterschrieb schliesslich wie die anderen drei Frauen auch den Aufhebungsvertrag. «Das war ein Fehler», sagt sie ein paar Tage später am Stubentisch bei sich zu Hause. Die Betroffenen seien alle alleinstehende Frauen und mit 57 Jahren sei sie die älteste von ihnen. «Ich stand unter Schock, packte meine Sachen und verliess das Pflegeheim, ohne mich von den Bewohnern zu verabschieden», so Fischer. Das Heim informierte die Pensionskasse und stellte die Zahlung per Ende Februar ein.

Von einem Tag auf den anderen sind mit den Freistellungen in der Pflege rund 250 Stellenprozente verloren gegangen. Warum stellt ein Pflegeheim, das finanzielle Probleme hat, Angestellte frei und bezahlt ihnen den Lohn, ohne dafür Arbeitsleistung einzufordern? Geschäftsführer Hanspeter Müller sagt: «Wenn man Personen aus wirtschaftlichen Gründen entlassen muss, ist es für manche ein Spiessrutenlaufen, wenn sie noch zur Arbeit gehen müssen. Aus diesem Grund haben wir es offengelassen, wie sie sich entscheiden.» Dies sei keine Frage des Gelds, sondern eine Frage des Respekts.

Um 16 Uhr ins Pyjama gesteckt

Petra Fischer sagt, dass im Heim mit den 52 Betten seit den Freistellungen vor zwei Jahren keine Ruhe mehr eingekehrt sei. Ständig seien Angestellte gekommen und – nicht immer freiwillig – wieder gegangen. Alles drehe sich nur noch ums Geld. Besonders prekär sei die Situation auf der Demenzabteilung. Es werde zu wenig Aktivierung geboten und auch die Pflege sei ungenügend. «So geht man nicht mit den Leuten um», stellt Fischer klar. Das Pflegeheim sei eine Institution mit Menschen für Menschen.

Fischer erlebte mit, wie man Bewohner mangels Personal bereits um 16 Uhr ins Pyjama steckte und sie so zum Nachtessen begleitete. Dazu sagt Geschäftsführer Müller: «Dieses Thema hat überhaupt nichts mit Personalmangel zu tun, sondern das sind Einzelfälle, bei denen auf individuelle Bedürfnisse eingegangen wird.» An Demenz erkrankte Menschen hätten eine andere Zeitwahrnehmung. Felix Bader, Leiter Sektion Langzeitversorgung beim kantonalen Departement Gesundheit und Soziales (DGS), mag sich nicht zum erwähnten Fall äussern und sagt: «Situative Themen im pflegerischen und betreuerischen Tagesablauf sind nicht Bestandteil der Aufsichtspflicht des Kantons.»

Auf die Frage, warum diesen Pflegehelferinnen gekündigt wurde, geht Müller nicht ein. Er verweist lediglich auf zu viele Stellen nach DGS-Richtstellenplan. Bader bestätigt: «Das Haus Eigenamt wies dabei eine ausreichende Personaldotation auf.» Genaue Zahlen nennt er nicht. Nur so viel: «Der Stellenplan gibt den Minimalpersonalbestand vor. Eine Höchstzahl wird vom Kanton nicht vorgeschrieben.» Das Heim erhält 2017 weiterhin Demenzzuschläge vom DGS. Die Aktivierung findet laut Müller neu wieder direkt auf der Station statt.

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