Windisch

Hanspeter Scheiwiler: «Ich habe keine Zeit, irgendetwas nachzutrauern»

Der abtretende Gemeindeammann, Hanspeter Scheiwiler, beim Interview im Café Mikado in Windisch.

Der abtretende Gemeindeammann, Hanspeter Scheiwiler, beim Interview im Café Mikado in Windisch.

Aus gesundheitlichen Gründen gibt Gemeindeammann Hanspeter Scheiwiler sein Amt auf Ende Jahr ab. Im Interview blickt er auf 16 Jahre im Amt zurück – und freut sich etwa darüber, dass Brugg und Windisch gemeinsam den Campus geschaffen haben.

Während 16 Jahren hat sich Hanspeter Scheiwiler (siehe separaten Text) als Gemeindeammann von Windisch mit viel Herzblut für die Entwicklung der Gemeinde, aber auch - insbesondere als Präsident der Stiftung Vision Mitte – für die Realisierung des Fachhochschul-Campus engagiert. Als Präsident des Planungsverbandes Brugg Regio hat er sich auch für die Belange der Region eingesetzt.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen nach der Operation eines gutartigen Tumors im Kopf zu Beginn dieses Jahres hatten ihn bewogen, bei den Neuwahlen nicht mehr anzutreten. Ende Dezember tritt er als Gemeindeammann zurück. Für das Gespräch mit der Aargauer Zeitung hat sich Hanspeter Scheiwiler das Café Mikado in Windisch ausgesucht.

Herr Scheiwiler, wie ist Ihre persönliche Befindlichkeit nach einem für Sie sehr schwierigen Jahr?

Hanspeter Scheiwiler: Ich habe mich Mitte dieses Jahres entscheiden müssen, ob ich mich wieder für das Amt des Gemeindeammanns zur Verfügung stellen kann oder nicht. Ich bin zum Schluss gekommen, dass es trotz Fortschritten in der Therapie nicht geht.

Bereitet Ihnen die Stimme noch Probleme?

Ja. Als Gemeindeammann muss ich jedoch laut sprechen können. Ich habe mich daher entschieden, nicht mehr zur Wahl anzutreten. Aufgrund von Aussagen der Ärzte hatte ich ursprünglich angenommen, dass ich schneller wieder hergestellt sein würde. Aber wenn ich die Schicksale der Leute in meinen Therapiegruppen sehe, bin ich mit meiner Situation schon wieder zufrieden.

Der Campus, für den Sie sich von Anfang an mit viel Herzblut eingesetzt haben, ist nun in Betrieb, bald wird er offiziell eingeweiht. Was empfinden Sie?

Wenn man sich als Gemeindeammann für eine Sache einsetzt, macht man das ja nicht für die Behörde, sondern für das Gemeinwesen. Natürlich macht es mir Freude und erfüllt es mich mit Stolz, dass der Campus so realisiert werden konnte. Das Bewusstsein, etwas für die Öffentlichkeit getan zu haben verschafft Genugtuung. Was will man mehr? Natürlich wäre es schön gewesen, die Fertigstellung des Campus aus nächster Nähe miterleben zu dürfen. Ich habe aber keine Zeit, jetzt irgendetwas nachzutrauern.

Zu Ihrer politischen Karriere: Haben Sie von Anfang an das Amt des Gemeindeammanns angestrebt?

Nein, nein. Ich bin damals von der Parteileitung der FDP angefragt worden, ob ich mich für den Einwohnerrat zur Verfügung stellen würde. Weil ich lieber etwas mache, als bloss zu reden habe ich mir gesagt: weshalb nicht? Zwei Jahre nach der Wahl in den Einwohnerrat bin ich im Jahr 1995 – mitten in der Amtsperiode – als Gemeinderat und 1998 als Gemeindeammann gewählt worden.

Zweimal aber mussten Sie das Amt des Ammanns gegen Kandidaturen der SVP verteidigen.

Diese Angriffe hatten mich zwar überrascht. Für mich sind die Wahlen aber stets gut ausgegangen.

Was hat Ihnen im Amt des Gemeindeammanns besondere Freude bereitet?

Es wäre vermessen, wenn ich auf diese Frage jetzt nicht den Campus erwähnen würde. Es ist schön, dass nie Diskussionen darüber entstanden sind, dass sich Brugg und Windisch gemeinsam für den Campus einsetzen. Man hat realisiert, was das bedeutet. Man hat aber auch realisiert, dass es eine «grosse Kiste» werden würde. Es gab auch sogenannte «Trittbrettfahrer». Aber auch das hat die Entwicklung beeinflusst, indem beispielsweise der Berufsschulstandort erhalten werden konnte.

Nicht nur als Gemeindeammann, sondern auch als Präsident der Stiftung Vision Mitte haben Sie sich für den Campus engagiert. Jetzt steht die Vision Mitte vor der Auflösung. Der Campus ist zwar gebaut. Müsste aber die Vision Mitte – in anderer Form – nicht weitergeführt werden?

Da habe ich klare Vorstellungen. Die Vision Mitte hat Ziel und Zweck erfüllt. Es geht nicht, ihr jetzt einfach einen andern Namen und neue Statuten zu geben. Ich verstehe auch die Haltung des Kantons. Er kann doch nicht bei der privaten Entwicklung von Arealen mitmachen. Es ist nun Sache der Gemeinde Windisch und der Stadt Brugg, sich zusammen mit der Fachhochschule und Berufsfachschule für einen attraktiven Bildungsstandort zu engagieren.

Abgesehen vom Campus wird die Entwicklung von Windisch vor allem im Wohnbau sichtbar.

Die Entwicklung der Gemeinde Windisch ist enorm. Ich habe es zwar stets als etwas negativ empfunden, dass Windisch in seiner industriellen Entwicklung eingeschränkt ist. Immerhin ist es gelungen, das Rekrutierungszentrum nach Windisch zu holen, das gleich in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Faktor für die Gemeinde geworden ist. Wegen des Landmangels beschränkt sich die Entwicklung auf Kleinbetriebe. Dass diese Betriebe auch künftig leben können, ist eines der Ziele der gemeinsamen Ortsplanung von Windisch und Brugg, die jetzt läuft.

War der Campus der Grund dafür, dass beide Gemeinden die Planung gemeinsam angehen?

Sicher. Es wäre aber auch eine sehr grosse Kalberei, wenn beide Gemeinden die Planung für sich allein machen würden. Dass Gemeinden in der Grössenordnung von Brugg und Windisch die Ortsplanung gemeinsam angehen, dürfte im Kanton einmalig sein. Man muss aber dafür sorgen, dass beide als gleichwertige Partner betrachtet werden. Schade ist nur, dass sich nicht weitere Gemeinden angeschlossen haben.

Wann kommt der Zusammenschluss von Windisch und Brugg?

Irgendwann wird es so weit sein. Fragen Sie mich nach dem zweiten Wahlgang der Brugger Stadtratswahlen am 24. November wieder.

Sie haben die enorme bauliche Entwicklung erwähnt, welche Windisch erfahren hat und noch erfährt. Wann beginnt sich diese Entwicklung auch im Steuerertrag niederzuschlagen?

Die Einwohnerzahl ist in kurzer Zeit von 6800 auf über 7000 gestiegen. Das beginnt sich nun beim Steuersubstrat bemerkbar zu machen.

Was würden Sie heute anders machen?

Vieles.

Was denn?

Im Gemeinderat gilt das Kollegialitätsprinzip. Man muss hinter einem Entscheid stehen, auch wenn man selber überzeugt ist, dass dieser Entscheid ein Fehler ist. Aber jedermann macht Fehler. Und man lernt in einem solchen Amt sehr viel.

Wo haben Sie gelernt?

Am meisten habe ich im sozialen Bereich gelernt. Als Gemeindeammann war ich Vorsteher der Vormundschaftsbehörde. Da ist es vorgekommen, dass ich zusammen mit der Polizei ausrücken musste. Dabei habe ich Sachen erlebt, die mich stark beschäftigt haben. Ich lernte den Umgang mit schwierigen Kunden und soziale Kompetenz. Eine meiner ersten Amtshandlungen als Gemeindeammann war die Räumung des Schwimmbad-Parkplatzes, der von Fahrenden in Beschlag genommen worden war, mithilfe eines polizeilichen Grossaufgebots.

Sie haben sich nicht nur als Gemeindeammann, sondern auch als Präsident des Planungsverbands Brugg Regio engagiert. Welche Anliegen waren Ihnen dabei besonders wichtig?

Die Standortförderung für die Region. Das ist eine Sache, die elend viel Zeit erfordert. Das Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg (BWZ) hatte uns geholfen, ein Büro einzurichten. Mit diesem Büro wären wir gerne im Campus-Neubau eingezogen. Das ist jedoch an den Kosten gescheitert. Das Büro befindet sich jetzt im Odeon in Brugg. Brugg Regio hat sich aber auch für die Entwicklung des Hightech-Zentrums Aargau starkgemacht. Dabei konnte erreicht werden, dass der Technopark in Unterwindisch bleiben kann.

Eher still geworden ist es um die Pläne von Brugg Regio für einen Landschaftspark im Auengebiet.

Das ist eine leidige Geschichte. Aufgrund von Zusagen hatte man zwar die gemeinsame Planung aufgenommen. Geldmangel führte aber zu Verzögerungen. Immerhin konnten einige Mosaiksteine realisiert werden, beispielsweise in der Mülimatt. Und es soll weitergehen. Statt für einen Park mit nationalem Label hat man sich aber für eine Zwischenlösung entschieden.

Wie geht es für Sie jetzt persönlich weiter?

Das ist schnell erzählt. Für mich stehen drei Dinge im Vordergrund:
1. Dass ich wieder arbeiten kann wie vorher. 2. Dass ich wieder Tennis spielen kann wie vorher. 3. Dass ich wieder Skifahren kann wie vorher. Wenn ich das erreicht habe, bin ich happy. Spass beiseite. Die Gesundheit hat Vorrang. Bis jetzt habe ich zu 70 Prozent für die Gemeinde gearbeitet. Während eines Jahres erhalte ich von der Gemeinde weiterhin Krankentaggeldentschädigung. Dass ich wieder im Geschäft arbeiten kann, ist mir sehr wichtig. Langweilig wird es mir sicher nicht.

Nun wird die Besoldung des Windischer Gemeindeammanns auf die kommende Amtsperiode hin angehoben. Das, nachdem sie vor einiger Zeit – aus Spargründen – reduziert worden war. Pech für Sie?

Da kann man nichts machen. Soll ich mich etwa deswegen ärgern? In der Landwirtschaft heisst es ja auch: «Wer sät, hat weniger Lohn als derjenige, der erntet». In meiner Situation muss man solche Dinge schnell vergessen. Zudem stellt man sich ja nicht wegen des Geldes für ein Amt, wie dasjenige des Gemeindeammanns, zur Verfügung.

Wie sieht Ihre Vision für die Gemeinde Windisch in fünf Jahren aus?

Dass sich alles bewahrheitet, was angestrebt worden ist. Dass eine Entwicklung stattfindet, von der die Gemeinde Windisch profitiert. Dass man nicht hingeht und diese Entwicklung abwürgt, sondern dass man sie unterstützt und damit letztlich davon profitiert. Es darf nicht sein, dass man in fünf Jahren noch darüber diskutiert, ob der Steuerfuss jetzt herauf- oder herabgesetzt werden soll.

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