Brugg-Windisch
Hans Erni hat in Windisch Spuren hinterlassen

Sein Tod ruft Erinnerungen wach: Am Tag nach der Einweihung von Ernis Wandbildern 1968 hielt die Welt den Atem an.

HANS-PETER WIDMER
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Der Erni-Wandzyklus in der Fachhochschule Nordwestschweiz mit (v. l.) Sokrates, da Vinci, Newton, Pestalozzi und Einstein.

Der Erni-Wandzyklus in der Fachhochschule Nordwestschweiz mit (v. l.) Sokrates, da Vinci, Newton, Pestalozzi und Einstein.

FHNW/ZVG

Es war ein eindrücklicher Tag – ein Kunstereignis für den Aargau, und das an einem eher untypischen Ort: nicht in einem Musentempel, sondern sozusagen im neuen Technik-Mekka des Kantons, an der jungen Ingenieurschule Brugg-Windisch. An jenem 20. August 1968 – eine Woche vor der offiziellen Einweihung der grosszügigen Haller-Neubauten der Höheren Technischen Lehranstalt (HTL) – wurden der Schule zwei Kunstwerke geschenkt: Einerseits die Bronzestatue «Der Seiltänzer» von Jakob Probst sowie andererseits ein Wandbild-Zyklus mit fünf dargestellten Geistesgrössen des am letzten Samstag verstorbenen berühmten Malers und Grafikers Hans Erni.

Hundert Gäste, unter ihnen drei Regierungsräte sowie der Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft und Forschung mit der versammelten Studentenschaft gaben der Feierstunde Gewicht. In freier, druckreifer Rede würdigte ETH-Professor Paul Scherrer, nach dem das heutige Paul-Scherrer-Institut (PSI) benannt ist, Hans Ernis Werk. Es zeigte in lebensgrossem Format fünf für das abendländische Denken massgebende Philosophen, Forscher und Gelehrte: Sokrates, Leonardo da Vinci, Isaac Newton, Heinrich Pestalozzi und Albert Einstein.

Künstler als Brückenbauer

Erni stellte die Gestalten in der für ihn typischen Stilrichtung dar, figürlich und gegenständlich, mit schwungvollen Strichen und geometrischen Formen durchsetzt, die den Figuren Dynamik verliehen. Im einheitlich wirkenden Zyklus schenkte er jedem der fünf Heroen mit Farben und Finessen eine eigene Ausdruckskraft – vom antiken Sokrates bis zum zeitgenössischen Genie Albert Einstein. Darin offenbarte sich die Begabung des Künstlers als Brückenbauer zwischen Zeiträumen, Kulturen und Wissenschaften. Die Ausstrahlung seines Kunstwerks durch beste Repräsentanten humanistischer Bildung schien nirgendwo passender zu sein als in der neuen und höchsten aargauischen Ausbildungsstätte, der Ingenieurschule.

Während die Kunstmuseen Erni noch boykottierten, zeigte man sich im Aargau stolz, von ihm ein Meisterwerk zu bekommen. Der Bildungsdirektor und SP-Regierungsrat Arthur Schmid sagte an der Einweihungsfeier, dieses Schmuckstück gereiche dem Kulturkanton zur Ehre.

Legat ermöglichte den Erwerb

Es kostete den Staat übrigens keinen Rappen, denn es war eine Schenkung der von der Aargauer Wirtschaft neu gegründeten Stiftung zur Förderung der HTL – und vor allem ein Legat ihres Präsidenten, des Brugger Industriellen und Pumpenbaupioniers Dr. h.c. Karl Rütschi.

Zwischen dem Mäzen Rütschi und Erni entstand eine freundschaftliche Verbindung. Der Künstler förderte den Fabrikanten als Hobbymaler, und dieser unterstützte dessen wachsende Anerkennung. An jenem 20. August 1968 herrschte in der Region Brugg Feststimmung.

Aber am darauffolgenden Tag hielt die Welt den Atem an, weil kommunistische Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten und einen demokratischen Frühlingsprozess niederwalzten. Künstler Hans Erni, früher bekennender Kommunist, geriet nicht mehr in Rechtfertigungsnöte. Seit dem Ungarn-Aufstand, 1956, hatte er sich von seinen sozialistischen und kommunistischen Neigungen losgesagt.