Analyse

Halbzeit-Bilanz von Bruggs Frau Stadtammann: Aus einem frischen Wind wurde ein laues Lüftchen

Rutenzug und Morgenfeier am Jugendfest Brugg, 4. Juli 2019. Frau Stadtammann Barbara Horlacher.

Frau Stadtammann Barbara Horlacher am Jugendfest Brugg, am 4. Juli 2019.

Rutenzug und Morgenfeier am Jugendfest Brugg, 4. Juli 2019. Frau Stadtammann Barbara Horlacher.

Analyse zur bisherigen Leistung von Bruggs Frau Stadtammann, Barbara Horlacher (Grüne).

«Wer in Brugg Wandel fordert, steht in der Pflicht», titelte diese Zeitung im November 2017 über ihrer Analyse vor dem zweiten Wahlgang. Zwei valable Kandidaten – Titus Meier (damals 36, FDP) und Barbara Horlacher (damals 46, Grüne) – bewarben sich um das Amt als Stadtammann von Brugg.

Das Resultat an der Urne fiel überraschend deutlich aus: Mit 563 Stimmen Vorsprung auf Titus Meier und einem Total von 1905 Stimmen wurde Barbara Horlacher zur ersten Frau Stadtammann von Brugg gewählt.

Es herrschte Aufbruchstimmung in der Prophetenstadt. Die Erwartungen an die Grüne waren von Anfang an riesig. Bereits zwei Monate nach dem Amtsantritt galt es mit der Urnenabstimmung über die Fusion zwischen Brugg und Schinznach-Bad eine erste Hürde zu meistern.

Beide Kommunen sagten hauchdünn Ja. Und so war die erste Halbzeit der laufenden Amtsperiode geprägt von intensiven Vorbereitungen für den Zusammenschluss, der per 1. Januar 2020 erfolgt ist. Mit dem Vorhaben, den veralteten Internetauftritt der Stadt Brugg auf den Fusionszeitpunkt hin zu erneuern, klappte es allerdings nicht.

In den vergangenen zwei Jahren wurden einige Projekte aus der vorangegangenen Amtsperiode abgeschlossen: etwa die Sanierung und Erweiterung des Stapferschulhauses, das neue Musikschulreglement, die Gesamtrevision der Bau- und Nutzungsordnung sowie die verspätete Umsetzung des neuen Kinderbetreuungsgesetzes.

Nicht nach Plan lief es für den Stadtrat, als das Stimmvolk im Februar 2019 den Kredit für die Umsetzung von Tempo-30-Zonen auf den Gemeindestrassen deutlich bachab schickte. Heftigen Widerstand gibt es auch gegen das langjährige Projekt «Alte Post» mit einer Überbauung für die zentralisierte Verwaltung, eine neue Stadtbibliothek und über 50 Wohnungen.

Stadtgrenzen übergreifende Themen wie das Standortförderkonzept von Brugg Regio, das Regionale Gesamtverkehrskonzept Ostaargau (Oase) und einen neuen Mittelschulstandort beim Bachthale-Kreisel in Windisch halten Barbara Horlacher zusätzlich als Vizepräsidentin des Regionalplanungsverbands auf Trab.

Die im März 2019 bekannt gewordene Verkaufsabsicht für die Brunnenmühle, das längst fällige Aufrüsten der Informatik bei der Stadtverwaltung sowie das Erarbeiten des Altstadt-Entwicklungsleitbilds sind Projekte, die der Brugger Stadtrat unter Barbara Horlacher lanciert und teilweise bereits umgesetzt hat.

Mit der Frühpensionierung von Stadtschreiber Yvonne Brescianini, die während 36 Jahren bei der Stadt Brugg gearbeitet hatte, ging Ende Februar 2020 – kurz vor dem Lockdown – eine Ära zu Ende. Brescianinis Nachfolge übernahm ab 1.Mai der in Brugg lebende Jurist Matthias Guggisberg.

Dem nicht lückenlosen Personalwechsel ging eine Verwaltungsanalyse voraus, mit bisher nicht klaren Konsequenzen in Sachen Personalwesen. Mit dem neuen Stadtschreiber ist die Hoffnung wieder gestiegen, dass die Verwaltung doch noch modernisiert und die Kommunikation, die bei Frau Stadtammann angesiedelt ist, verbessert wird.

Denn abgesehen von der Coronakrise, in der die Bevölkerung den Stadtrat als führungsschwach wahrgenommen hat, wurden in den letzten Monaten auch sonst wiederholt kritische Stimmen bezogen auf die Exekutive laut. Einwohnerräte von links und rechts schreiben einen Vorstoss nach dem anderen, weil sie beispielsweise nicht wissen, welche Position der Stadtrat beim Thema Oase einnimmt oder wie es um die Schlüsselprojekte der Stadt steht.

Zusätzlich gibt es aus der Brugger Bevölkerung viele Fragen und Unklarheiten zu alt bekannten Themen wie der Neugestaltung Bahnhof- und Neumarktplatz oder zum Projekt «Alte Post». Die Grüne-Politikerin, die nach oft intensiven Analysen am liebsten die Kontrolle über alle Dossiers zu haben scheint, ist seit Wochen nur noch am Reagieren und nicht mehr am Agieren. Auch wenn sie bisher stets bemerkenswert offen auf die Leute zuging, kommt Barbara Horlacher zunehmend in Erklärungsnot.

Sie weiss, dass der Stadtrat seine Entscheide nach innen und aussen viel besser kommunizieren muss, schafft es derzeit aber – aus welchem Grund auch immer – nicht, das umzusetzen.

Ein kurz vor dem Lockdown geführtes Interview zur Halbzeit der ersten Amtsperiode kann nicht in der «Aargauer Zeitung» veröffentlicht werden. Von ihrem damaligen Versprechen, zu einem späteren Zeitpunkt gerne zu kooperieren und eine Publikation zu ermöglichen, wollte Horlacher trotz viermaligem Nachfragen nichts mehr wissen.

Ihre eigenen Vorsätze, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, einander zuzuhören und gegenseitigen Respekt zu zollen, befolgt die erste Frau Stadtammann in der Geschichte von Brugg derzeit nicht ernsthaft. Schliesslich befindet sie sich – im Gegensatz zu zwei ihrer Stadtratskollegen – auch nicht im (Grossrats-)Wahlkampf.

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