Bezirksgericht Brugg

Häusliche Gewalt artet in hässlichen Familienstreit aus – Richter fällt mehrere Urteile

Mit ihren Kindern flüchtete Songül mehrmals in ein Frauenhaus. (Symbolbild)

Das Brugger Bezirksgericht musste sich in drei Verhandlungen mit einer türkisch-schweizerischen Familie befassen. Verantworten mussten sich ein Ehepaar und die Eltern der Ehefrau.

Es ist häusliche Gewalt, die am Anfang dieser Geschichte steht. Sie handelt davon, wie eine Frau jahrelang von ihrem Mann geschlagen und psychisch fertiggemacht wird. Und sie handelt davon, wie letztlich eine ganze türkisch-schweizerische Familie dreimal vor Gericht erscheinen muss, weil die Geschichte derart ausgeartet ist. Drei separate Verfahren wurden von der Staatsanwaltschaft eröffnet. Kürzlich wurden die Fälle am Bezirksgericht Brugg behandelt.

Zuerst als Beschuldigter vor Gericht erscheinen musste Cem. Auf Privatklägerseite standen seine Ehefrau Songül und deren Eltern Hamide und Eren (alle Namen geändert). Die Liste der Cem zur Last gelegten strafbaren Handlungen ist lang: einfache Körperverletzung, mehrfache Drohung, mehrfache Beschimpfung, Tätlichkeiten, mehrfacher Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen sowie mehrfache Verletzung der Verkehrsregeln.

Er schlug sie mit der Faust und warf ein Kindervelo nach ihr

Im Juni vor einem Jahr kam es zwischen Cem und Songül zu Hause zu einem Streit. Dabei würgte Cem seine Frau «mit starkem Druck am Hals», wie der Anklageschrift zu entnehmen ist. Danach habe er sie mit der Faust mindestens einmal ins Gesicht geschlagen und anschliessend ein Kindervelo gegen Songül geworfen.

Die Frau zog sich mehrere Verletzungen zu, darunter eine Nasenbeinfraktur. Gemäss Aussagen der Eltern von Songül drangsalierte Cem seine Frau schon seit Jahren. So sehr, dass sie mehrmals zu ihren Eltern oder in ein Frauenhaus flüchtete, gemeinsam mit ihren Kindern.

Einige Tage nach dem Vorfall mit seiner Frau war Cem mit dem Auto unterwegs nach Hause. Zur gleichen Zeit war auch seine Schwiegermutter Hamide mit dem Auto unterwegs zur selben Wohnung. Im Auto sass zudem Cems und Songüls Sohn. Cem realisierte das und fuhr auf gleicher Höhe wie seine Schwiegermutter. «Er signalisierte ihr, dass sie anhalten solle, damit er seinen Sohn sehen konnte», wird der Vorfall in der Anklageschrift beschrieben. Hamide folgte dem Aufruf aber nicht.

In der Folge hielt Cem seitlich unzureichend Abstand und kollidierte mit dem Auto von Hamide. Dabei entstand an beiden Fahrzeugen ein Sachschaden. Doch damit nicht genug: Cem stieg aus, ging zum Auto von Hamide und schlug dreimal mit der Faust gegen die Scheibe der Fahrerseite. Hamide stieg aus und musste sich von Cem auf türkisch anhören lassen, dass er ihre «ganze Familie auslöschen oder ausradieren werde». Weiter bezeichnete er seine Schwiegermutter und ihre Töchter als Huren.

Eskaliert ist die Situation wenige Wochen später in der Wohnung von Songül, die sich inzwischen von Cem getrennt hatte und mithilfe ihres Vaters eine neue Unterkunft organisieren konnte. Der genauere Ablauf war an der dritten und letzten Verhandlung zu erfahren, an der die AZ anwesend war.

An dieser war Cems Schwiegervater Eren als Beschuldigter vorgeladen. In den vorherigen Verhandlungen waren aber bereits Hamide und auch Cem als Beschuldigte unter anderem wegen desselben Vorfalls vor den Schranken.

Wüste Beschimpfungen und ein Handgemenge

Die Kurzfassung: Cem war bei seiner Frau Songül zu Besuch. Auf dem Balkon hätten sie Kaffee getrunken, erklärte Cem Gerichtspräsident Sandro Rossi. Dann seien plötzlich die Schwiegereltern aufgetaucht. Wütend hätten sie ihn gefragt, was er hier mache. «Ich konnte gar nicht antworten, da ging mein Schwiegervater schon mit einem Ast auf mich los», führte Cem aus.

Sein Schwiegervater hätte ihm mit dem Tod gedroht und schlug mehrmals auf ihn ein. Cem trug eine Schramme im Gesicht davon, die genäht werden musste. Schwiegervater Eren habe ihn zudem als «Ehrenloser» beschimpft. Cem, der den Schweizer Pass hat, führt die Geschehnisse mit lauter Stimme und gestikulierend aus.

Von seiner Schwiegermutter sei er bedroht worden. Sie habe ihm mehrfach gesagt, «dass er nicht mehr leben werde und sie ihn umbringen werde», heisst es in der Anklageschrift zulasten von Hamide. Zudem habe sie Cem als «Eselsohn», ehrenloser Sohn und Missgeburt bezeichnet. 

Cem wiederum, der sich gegen den Angriff seines Schwiegervaters wehrte, schubste Eren und gab diesem mittels Geste zu verstehen, dass er eine Waffe zücken würde. Er sagte zu Eren, dass er ihn umbringen werde und ihn und seine Familie nicht leben lassen werde. Seine Ehefrau gehöre ihm oder der Erde, stellte er klar. Zusammengefasst: ein hässlicher Familienstreit, in dem sich alle wüste Beschimpfungen und Drohungen an den Kopf geworfen haben. Zudem kam es zu einem Handgemenge zwischen Eren und Cem.

Geldstrafen und Bussen - Probezeit beträgt zwei Jahre

Die Urteile sämtlicher Verhandlungen wurden schriftlich eröffnet. Letztlich wird Cem der einfachen Körperverletzung, der mehrfachen Beschimpfung, der mehrfachen (teilweise versuchten) Drohung sowie der mehrfachen Verletzung der Verkehrsregeln schuldig gesprochen. Die bedingte Geldstrafe beläuft sich auf 9000 Franken, die Probezeit wird auf zwei Jahre festgelegt.

Weiter muss Cem eine Busse von 2000 Franken bezahlen. Dreiviertel der Verfahrenskosten und der Anklagegebühr muss er übernehmen, der Rest wird aus der Staatskasse berappt. Der Zivil- und Strafklägerin, also seiner Frau, sowie seinem Schwiegervater muss Cem eine Entschädigung von etwas mehr als 1200 Franken bezahlen.

«Der Beschuldigte schlug die Strafklägerin mehrfach und übte nicht tolerierbare Gewalt an ihr aus. Indem er der Strafklägerin letztlich gar ein Kindervelo anwarf, verfiel er gar einem Gewaltexzess», schreibt Gerichtspräsident Rossi in der schriftlichen Begründung des Urteils.

Hamide wurde der mehrfachen Beschimpfung schuldig gesprochen. Die bedingte Geldstrafe beträgt 600 Franken, 120 Franken die Busse. Zudem muss sie die Hälfte der Verfahrenskosten und Anklagegebühr übernehmen. Die Entschädigung an Cem beträgt 457 Franken.

Eren ist der einfachen Körperverletzung und Beschimpfung schuldig gesprochen, freigesprochen wurde er vom Vorwurf der Drohung. Die bedingte Geldstrafe beträgt 6000 Franken. Wobei die vorläufige Festnahme von einem Tag angerechnet wird. Die Busse wurde vom Gericht auf 500 Franken festgelegt, zudem muss Eren Dreiviertel der Anklagegebühr sowie der Verfahrenskosten übernehmen. Insgesamt muss er Cem 1300 Franken Genugtuung und Entschädigung bezahlen. Bei allen Verurteilten beträgt die Probezeit zwei Jahre. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

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