Langsam zieht Goran Kovačević den Blasbalg seines Akkordeons auseinander und entlockt dem Instrument einen geräuschvollen Seufzer. Dann setzt er an zu wehmütigen, aufbegehrenden und sinnlichen orientalischen Weisen. Schnell werden die Rhythmen feuriger. Die Finger des Musikers fliegen scheinbar mühelos über die Tastatur. Plötzlich erklingt im Hintergrund des Odeon-Theaters ein dreistimmiges «Rugguserli». Josef und Benjamin Rempfler sowie Walter Neff vom Appenzeller Echo schreiten mit archaischen Jodelgesängen durch die Publikumsreihen und geben nicht nur akustisch, sondern auch optisch etwas her. Zur Feier des Auftritts tragen sie die Appenzeller Mannentracht mit dem roten Brusttuch und den reich mit Messingornamenten beschlagenen Hosenträger. Die Appenzeller Balkanstubete lässt den Brugger Kulturbetrieb fast aus den Nähten platzen.

Die Kombination aus Schweizer und balkanischer Volksmusik – hie und da noch mit einer Prise Jazz gewürzt – macht neugierig. «Unsere beiden Musikstile sind sich punkto Melodik, Tonarten und Phrasierung sehr ähnlich», erklärt Kovačević vor dem Konzert und fügt hinzu, «im Unterschied zur Appenzeller- hat die Balkanmusik jedoch viel mehr Verzierungen und eine ganz andere Rhythmik.» Das Publikum pendelt akustisch also hin und her zwischen dem Balkan und der Schweiz. Goran spielt Kompositionen, die er unter anderem mit seinem Dusa Orchestra einstudiert hat, das Appenzeller Echo bringt Titel mit so schönen Namen wie «Burgstock Schottisch» oder «Rauschen an der Sitter» zu Gehör. Nach einem meist klassischen Einstieg fangen die Vier an zu improvisieren, bis die Stile ineinanderverschmelzen.

Von Stück zu Stück geraten die Künstler mehr ins Feuer und zeigen sich immer virtuoser und symbiotischer. Beim Zuschauen wird einem fast schwindlig, so flink ist Beni Rempfler mit seinen Hackbrettschlägeln zugange. Bruder Josef lässt die Geige jubilieren, jauchzen und schluchzen und auch Goran Kovačević entlockt seinem Akkordeon die ganze Bandbreite von Emotionen. Walter Neff legt mit seiner Bassgeige den rhythmischen Teppich für die musikalischen Höhenflüge seiner Bühnenkollegen. Besonders gelungen eine eigenwillige «appenzöllerisch»-balkanische Version von Dave Brubecks allseits bekannter Jazz-Hymne «Take Five». «Überall im Leben gibt es Grenzen. Nur in der Musik nicht. Wir vereinen Stile zu etwas Neuem, bei denen man anfänglich oft nicht denkt, dass sie zusammenpassen», erzählt Kovačević, Professor für klassisches Akkordeon.