Wettbewerbsbeitrag
Gift für die Gäste

Dieser Text schaffte es in der Kategorie 4. bis 5. Klasse des «Kissenschlacht»-Wettbewerbs auf den 4. Rang.

Amira Bencherif, Windisch
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Amira Bencherif.

Amira Bencherif.

Eines Tages war der Besuch einfach da, völlig unerwartet. Wir hatten diesen Besuch nicht eingeladen, nein wir kannten ihn zuvor gar nicht oder nur so vom Hörensagen her. Zuerst kam die Mutter, dann ihre Kinder, eines nach dem anderen. Wir wollten nicht unfreundlich sein und Mama hatte ihnen sogar einen Tee angeboten, doch sie nahmen keinen. Mein Bruder bot ihnen sein Bett an, und meine Schwester sogar ihre Kleider! Ich fand das alles übertrieben, denn wir kannten den Besuch doch nicht...

Zum Glück waren unsere Gäste ziemlich klein und brauchten nicht viel Platz. Auch gegessen haben sie nicht übertrieben viel. Bis dahin wäre alles gut gegangen, aber dann wurden die Gäste langsam immer frecher. Vor allem nachts plagten sie uns, bissen da, kniffen dort und liessen uns nicht mehr ruhig schlafen. So ging es Tag für Tag, dann wurde es meinem Bruder zu bunt, sein Bett zu teilen, und meine Schwester wollte ihre Kappen, Schals und Stirnbänder wieder für sich selber haben.

Am Abend besprachen wir beim Essen, wie wir den Besuch loswerden könnten. Mein Bruder meinte, wir sollten die ganze Familie ins Auto locken und irgendwo aussetzen. Ich mischte mich dann auch noch ein und sagte ziemlich laut: «Die Besucher werden täglich mehr. Ich habe ja Erbarmen mit ihnen, weil sie nirgendwo auf der Welt erwünscht oder geliebt sind, aber auch mir reicht’s! Wieso schicken wir sie nicht zu meiner Katze, dann hätte sie sicher Freude, wenn jemand mit ihr spielen würde. Schliesslich ist sie noch nicht mal ein Jahr alt!» Da alle nickten, haben wir die Gäste in der Nacht, als sie es sich im Bett gemütlich gemacht hatten, gepackt und zur Katze gebracht.

Mein Bruder war froh, wieder alleine in seinem Bett zu schlafen, meine Schwester behielt ihr Lieblingsstirnband sogar nachts auf! Doch der Besuch hat schon bald bemerkt, dass wir ihn reinlegen wollten. Still und heimlich ist einer nach dem anderen wieder zu uns ins Haus geschlichen. Die Plage begann vor vorne. Ich glaube, sogar meine Katze begann, die Gäste zu hassen. Es war schrecklich! SO KONNTE ES NICHT MEHR WEITERGEHEN!! Heute weiss ich nicht mehr, wer die Idee hatte. Aber schlussendlich besorgte mein Vater das Gift. Wir wussten uns einfach nicht mehr anders zu helfen. An einem Sonntag schlossen wir die Fensterläden und vergifteten die Besucher allesamt. Ihre Leichen versorgten wir in Abfallsäcken und stellten diese am nächsten Tag an den Strassenrand. Ich glaube nicht, dass man uns wegen diesem Mord verurteilen kann. Das geht als Notwehr durch. Sonst hätten uns unsere Kopfläuse noch um den Verstand gebracht!