Die Stimmbürger der Stadt Brugg haben vor zwei Wochen an der Urne die Einführung von Tempo 30 abgelehnt. Auch Zentrum Brugg war dagegen. Sind Sie zufrieden mit dem Abstimmungsresultat?

Dietrich Berger: Jein, ich finde Tempo 30 in Wohnquartieren absolut richtig. Die Diskussion in Brugg drehte sich hauptsächlich um die Aufhebung der Fussgängerstreifen. Es ist ein Fakt, dass in anderen Gemeinden mit Tempo 30 die Fussgängersteifen wieder eingeführt werden mussten. Es wäre deshalb richtig, das Thema nochmals zu behandeln, um es anschliessend entsprechend umzusetzen.

Bei der Stadtammann-Wahl vor eineinhalb Jahren kritisierte der Gewerbeverein zuerst das Kandidatenfeld, und dann wurde mit Barbara Horlacher die Grüne gewählt, die er nicht wollte. Wie läuft die Zusammenarbeit mit ihr?

Sehr gut. Wir haben einen guten Austausch mit Barbara Horlacher. Ich wünsche mir aber nach wie vor mehr Dynamik in der Stadt.

Das war der Titel des Interviews vor drei Jahren, als Sie Präsident von Zentrum Brugg wurden. Hat sich nichts bewegt?

Nein, wenn wir das Ganze auf die Dynamik reduzieren, sind wir noch nicht da, wo wir hinmöchten. Schauen Sie mal: Wo hat sich in der Stadt Brugg visuell etwas verändert, ausser, dass wir mehr leere Ladenlokale haben?

Was haben Sie als neuer Präsident in dieser Zeit erreicht? Worauf sind Sie besonders stolz?

Wir konnten den Gewerbeverein noch einmal besser ausrichten. Wir haben eine Dienstleistungs-, eine Gewerbe- sowie eine Detailhandelsgruppe, die sich mit ihren Spezialthemen auseinandersetzen. Das hat uns mehr Schlagkraft gegeben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nachdem wir während längerer Zeit keinen Schaufensterwettbewerb mehr veranstaltet hatten, war dies letztes Jahr vor und während der Fussball-WM wieder möglich. Im Zusammenhang mit dem Stadtfest ist dieses Jahr ein weiterer Schaufenster-Award geplant.

In Ihre Präsidialzeit fällt aber auch die Zusammenarbeit mit dem Werber Christoph Heer aus Zofingen. Unter dem Label Piazza wollte er in Brugg unter anderem einen Bauernmarkt organisieren, was ein Riesenflop war.

Ja, das ist so. Herr Heer ist ein sehr kreativer Mensch, bei der Organisation lief jedoch vieles nicht optimal. Er wurde damals von der Neumarkt-Mietervereinigung beauftragt. Zentrum Brugg unterstützte das Projekt. Immerhin ist aus dieser negativen Erfahrung heraus das Projekt «Brugg wird zum Bauernhof» erfolgreich realisiert worden.

Da hatte dann der Tourismusverein Region Brugg den Lead.

Ja, die Idee dazu wurde von uns angestossen und vom Tourismusverein toll umgesetzt. Den Anlass wird es auch dieses Jahr am Samstag, 21. September, wieder geben.

Eine Organisation alleine kann einen so grossen Anlass allerdings nicht regelmässig stemmen. Da braucht es vereinte Kräfte.

Dieses Beispiel soll zeigen, dass wir zusammen stark sind und kooperieren müssen, um etwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen.

Das gelang auch mit dem ersten Public Viewing auf dem Eisi-Parkplatz während der Fussball-WM. Wird es hier eine Neuauflage geben?

Während der EM 2020 wird es wieder Veranstaltungen geben. In welcher Konstellation ist zwar noch offen, aber der Eisi-Parkplatz ist dafür bereits reserviert.

Sie möchten zusätzlich permanente Veränderungen?

Klar, denn es kann nicht sein, dass etwa die Neugestaltung Neumarktplatz von der Stadt immer wieder hinausgeschoben wird. Zudem ist es ein grosses Anliegen von uns, dass es in der Einkaufszone ein einladendes Strassencafé gibt, vielleicht sogar den Sommer durch mehr als eines. Am Schluss liegt die Entscheidung wie immer bei den Eigentümern. Eine gewisse Einflussnahme der Stadt ist sicher wünschenswert und ich weiss, dass sie am Laufen ist.

Der Neumarkt scheint ein schwieriges Thema zu sein.

Ich bedaure sehr, dass man kaum an die Liegenschaftseigentümer herankommt und mit diesen keinen konstruktiven Dialog führen kann. Die Neumarkt-Eigentümerschaft und die Privera führten 2017 mit verschiedenen Interessensgruppen ein Hearing zur Zukunft des Einkaufszentrums durch. Leider ohne sichtbare Folgen. Für das Erscheinungsbild der Stadt Brugg sind solche Erfahrungen absolut kontraproduktiv. Doch wir geben nicht auf.

Hingegen gibt es positive Nachrichten aus der Altstadt: Kürzlich wurden das Café Fridolin und ein kleines Hotel mit Café eröffnet. Im April kommt das Café Stadtklatsch.

Diese Entwicklung ist richtig. Denn Detailhändler werden sich kaum neu in der Altstadt ansiedeln. Gefragt sind Angebote im Freizeit- oder im Gesundheitsbereich und tolerante Bewohner. Es kann nicht sein, dass sich an einem schönen Abend die Leute schon beschweren, wenn um 22.05 Uhr vor einem Lokal noch Betrieb ist. Wir haben eine tolle Altstadt und ich bin überzeugt, dass man diese beleben kann.

Beteiligt sich Zentrum Brugg auch am Erarbeitungsprozess für das neue Altstadtentwicklungskonzept?

Selbstverständlich machen wir mit.

Zu den Einkaufsmöglichkeiten in Brugg fand vor wenigen Monaten eine Umfrage statt. Gibt es schon erste Erkenntnisse?

Die Auswertung ist am Laufen. Insgesamt machten über 1000 Personen bei der Umfrage mit, was sehr erfreulich ist. Wir hätten gerne 2019 noch eine weitere Studie in Auftrag gegeben an der Hochschule St. Gallen. Das wäre aber nur mit finanzieller Beteiligung der Stadt möglich gewesen. Da wir unseren Antrag letztes Jahr zu spät einreichten, werden wir dieses Jahr einen neuen Versuch für einen fairen Kostenteiler starten.

Um welchen Betrag geht es? Und was beinhaltet diese weitergehende Studie?

Insgesamt rechnen wir mit Kosten von zirka 40 000 Franken. Die Studie soll 2020 von Handelsprofessor Thomas Rudolph von der HSG betreut werden. Wir erhoffen uns vom besten Professor in diesem Fachgebiet Antworten auf die Frage, was wir in der Stadt Brugg umsetzen sollen, damit wir wirklich endlich einen Schritt vorwärtskommen. Das funktioniert aber nur, wenn die Stadt bereit ist, anschliessend etwas zu realisieren.

Welche Möglichkeiten hat die Stadt? Sie kann beispielsweise nicht anordnen, dass es wieder einen Baumarkt gibt.

Der Baumarkt wird sicher wieder ein Thema. Ich hatte mit verschiedenen Anbietern Kontakt, die nach Brugg kommen möchten. Das Problem ist allerdings: Wir haben im Zentrum für einen Baumarkt keinen geeigneten Platz mit genügend Fläche, Parkplätzen und einer guten Zufahrt. Im Neumarkt ist ein Baumarkt aus Platzgründen nicht möglich.

Wo wäre ein geeigneter Standort?

(überlegt lange) Das ist ein bisschen schwierig. Im Zentrum könnte man vielleicht in der City-Galerie einen Baumarkt ansiedeln. Parkplätze wären vorhanden. Das würde aber bedeuten, dass für SportXX und Fust neue Flächen gesucht werden müssten.

Welches Verbesserungspotenzial gibt es sonst noch? Vielleicht die Einführung einer Brugger Währung?

Diese Möglichkeit haben wir heute schon mit unseren Zentrum-Gutscheinen. Hier müssen wir uns höchstens überlegen, wie wir sie in eine zeitgenössischere Form und unter die Leute bringen. Die Währung ist das eine. Wir sollten aber vor allem den Angebots-Mix verbessern.

Wie soll das gehen, wenn ich ein libanesisches Restaurant in Brugg möchte?

Dann muss man den Libanesen direkt ansprechen und schauen, dass man für ihn ein geeignetes und bezahlbares Lokal in Brugg findet. Ich behaupte jetzt mal, dass wir in Brugg viel freie Gewerbefläche haben, die vermietet werden könnte, wenn der Preis stimmen würde. Momentan sind auf dem Markt Fantasiepreise im Umlauf. Und solange das so ist, kann meines Erachtens auch der ehemalige OVS-Laden nicht vermietet werden.

Wie könnte man sonst ein Einkaufserlebnis schaffen?

Wenn man eine Dienstleistung oder etwas vom Detailhandel braucht, sollte man sich immer zuerst überlegen, ob man das in Brugg bekommt. Schliesslich kann jeder Einzelne etwas zu einer dynamischeren Stadt beitragen, indem er hier Kunde ist. Dann wird das Angebot automatisch wieder grösser. Während der Veranstaltung «Brugg wird zum Bauernhof» konnten Unternehmen am Neumarktplatz ihren Samstagsumsatz verdoppeln. Wir müssen an der Attraktivität arbeiten, auch mit weiteren Veranstaltungen. Ich bin überzeugt, dass es unter anderem für die Stadt Brugg ein separates Standortmarketing braucht, um die Negativspirale, in der wir uns befinden, umzudrehen.

Am 13. März findet die Generalversammlung des Gewerbevereins statt. Welche Ziele verfolgen Sie dieses Jahr mit Zentrum Brugg?

Neben der Durchführung diverser Anlässe wollen wir den Kontakt zu den Parteien institutionalisieren, ein Brugger Standortmarketing auf die Beine stellen sowie die Vernetzung im Gewerbeverein weiter fördern. Bereits im 2017 haben wir begonnen, mit den Schulen zusammenzuarbeiten. Im Rahmen des Zukunftstags übernehmen wir zusammen mit dem Gewerbeverein Geissberg zwischen 120 und 150 Schüler der Schule Brugg und platzieren sie in verschiedenen Unternehmen in der Region. Wir wollen den Kindern aufzeigen, dass der Berufseinstieg über eine Lehre spannend ist.

Als Sie nach fünf Jahren als Präsident vom Tourismusverein Region Brugg zurücktraten, sagten Sie, die Amtszeit eines Präsidenten dürfe nicht zu lange dauern. Heisst das, beim Zentrum Brugg ist nach drei Jahren Ihre Halbzeit schon vorbei?

Ich setzte mir auch hier einen Zeithorizont von fünf bis sechs Jahren. Als Präsident soll man zwar etwas bewegen, aber auch einem Nachfolger mit neuen Ideen Platz machen. Die Aufgabe macht mir mit unserem motivierten Vorstand nach wie vor viel Spass.

Am Anfang des Gesprächs bemängelten Sie, dass sich visuell nichts verändert in Brugg. Wo wäre denn Ihrer Meinung nach die nächste Veränderung möglich?

Ich weiss es nicht. Aus dieser Optik muss ich schon sagen, dass Tempo 30 ein gutes Zeichen gewesen wäre. Ich wäre froh, wenn das überarbeitete Projekt möglichst schnell kommt, denn wir brauchen wirklich dringend visuelle Veränderungen.