Bezirksgericht Brugg
Gerangel zwischen Pfleger und Patienten wegen eines Herrenduftes

Die Freiheitsstrafe für einen renitenten Patienten wird für eine ambulante Therapie aufgeschoben. Die Pflichtverteidigerin und ihr Mandant hatten stattdessen eine Busse von 200 Franken gefordert. Das Bezirksgericht Brugg sah das anders.

Louis Probst
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Das Bezirksgericht Brugg beschäftigte sich mit einem Gerangel wegen eines Herrenduftes zwischen einem Pfleger und einem Patienten aus einer psychiatrischer Klinik. Archiv

Das Bezirksgericht Brugg beschäftigte sich mit einem Gerangel wegen eines Herrenduftes zwischen einem Pfleger und einem Patienten aus einer psychiatrischer Klinik. Archiv

Alle waren sie da. Nur die Hauptperson – der Beschuldigte – liess auf sich warten. «Mein Mandant ist auf dem Wege», versicherte die Verteidigerin. «Es kann noch ein paar Minuten dauern. Man weiss aber nicht, was das bei ihm heisst.» Als sich die Minuten etwas in die Länge zu ziehen schienen, wandte sich Bezirksgerichtspräsident Sandro Rossi dem Zeugen zu, der es sich mit seinem «Käfeli» im Zeugenstand gemütlich gemacht hatte. Doch dann tauchte er plötzlich auf, der Beschuldigte.

Vorgeworfen wurde dem jungen Mann eine vorsätzliche Widerhandlung gegen das Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz – er hatte einem Aufgebot nicht Folge geleistet – sowie Drohung und mehrfache Tätlichkeiten. Den letzteren beiden Vorwürfen lag ein «Ausraster» zugrunde, den sich der Beschuldigte als Patient in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden geleistet hatte, nachdem ihm die Herausgabe seines Parfüms verweigert worden war.

«Es ging anfänglich gut», erklärte der Zeuge, der als Pfleger in der Klinik arbeitet und Opfer der Auseinandersetzung war. «Ich hätte so etwas nicht erwartet.» Wie er ausführte, gehört Parfüm zu den persönlichen Effekten, die den Patienten beim Eintritt abgenommen würden. Man habe dem Beschuldigten jedoch gesagt, dass er sich das Parfüm im Stationszimmer ansprayen dürfe. «Der Beschuldigte ist aber wütend geworden», so der Zeuge. «Er hat mich am Kragen gepackt und gegen den Türrahmen gedrückt. Wir sind dann zu Boden gegangen. Dabei hat der Beschuldigte massive Drohungen ausgestossen. Eine Kollegin hat dann Alarm ausgelöst.»

Angst und Albträume

Es könne schon sein, dass man von Patienten beleidigt werde, jedoch nicht in dieser Grössenordnung, meinte der Zeuge. Die Drohungen hätten bei ihm jedenfalls Angst und Albträume ausgelöst. Auf die Frage der Verteidigerin, ob man der Situation nicht anders hätte begegnen können, erklärte der Zeuge kühl: «Ich arbeite sehr patientenorientiert.» Und auf die Frage, ob der Beschuldigte überhaupt in der Lage gewesen sei, die Situation zu beurteilen, meinte er: «Ich denke schon. Der wurde von 0 auf 100 impulsiv».

«Ich kann mich an fast gar nichts mehr erinnern», sagte der Beschuldigte, der arbeitsunfähig ist und sich wegen psychischer Probleme in einer Therapie befindet. Immerhin schien er sich soweit erinnern zu können, dass alles andersrum abgelaufen sei. «Er hat mich gewürgt und zu Boden gebracht, nicht ich ihn», erklärte er an die Adresse des Zeugen. «Bevor ich die Welt verstanden habe, war ich schon am Boden.» Der Beschuldigte zog nicht nur die berufliche Kompetenz seines Widersachers in Zweifel – «der hat keine Ahnung von seinem Job, der soll doch zu einem Putzinstitut gehen», meinte er –, sondern auch den Sinn der Anzeige. «Man ist nicht mehr bei sich», betonte er. «Man ist ja in einer psychiatrischen Klinik. Das Ganze ist nicht von mir ausgegangen. Ich gebe aber zu, dass ich einige Beschuldigungen geäussert habe. Ich war aufgebracht. Aber die hätten das anders angehen können.»

Zum verpassten Zivilschutzkurs erklärte er: «Es kann sein, dass ich ein Aufgebot erhalten hatte. Aber ich habe es wohl kaum gelesen. Ich kann mich nicht so richtig erinnern. Ich habe keinen Überblick. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ich deswegen eine Busse bekomme.» Er schien aber auch kein allzu hohes Bild vom Zivilschutz zu haben. «Die stehen ja bloss herum und trinken Bier», meinte er.

Berufsrisiko oder nicht?

Die Pflichtverteidigerin forderte Freispruch von den Vorwürfen der Drohung und der mehrfachen Tätlichkeit. Ihr Mandant sei lediglich wegen einer Übertretung des Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetzes zu einer Busse von 200 Franken zu verurteilen. Die Verteidigerin machte geltend, dass bei der Drohung Aussage gegen Aussage stehen würde. Daher sei ein Freispruch zwingend. Und die Tätlichkeiten seien nicht bewusst erfolgt, sondern im Verlaufe des Gerangels versehentlich, argumentierte sie. In gewissem Masse handle es sich um ein Berufsrisiko des Opfers. Zudem müsse die Frage erlaubt sein, ob nicht ein kompetenteres Verhalten des Pflegers zu erwarten gewesen wäre.

Das Gericht sah das anders. Es sprach den Beschuldigten im Sinne der Anklage schuldig. Dabei gestand es ihm eine mittelgradige Einschränkung der Schuldfähigkeit zu. In der Kurzbegründung des Urteils wandte sich der Gerichtspräsident klar gegen das Berufsrisiko-Argument der Verteidigerin. Der Beschuldigte wurde zu einer Freiheitsstrafe von 30 Tagen sowie zu einer Busse von 600 Franken verurteilt. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird jedoch zugunsten einer ambulanten Therapie aufgeschoben. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu 30 Franken, eine Busse von 800 Franken sowie die Anordnung einer ambulanten Massnahme gefordert.