Schwerer Schlag für den Industriestandort Aargau. Der US-Industriegigant General Electric (GE) wird am Standort in Birr AG bis zu 100 Jobs streichen. Betroffen ist der Bereich GE Hydropower Solutions, in dem fast jeder zweite Arbeitsplatz der Sparmassnahme zum Opfer fallen wird. Von den 244 Stellen, die diese Abteilung heute zählt, werden bis zu 100 Stellen abgebaut, wie GE-Sprecher Bernd Eitel bestätigt. Konkret ist von 99 Stellen die Rede. Thomas Kunz, der Standortverantwortliche von GE Hydro in der Schweiz, verkündete die Hiobsbotschaft am Mittwochvormittag vor versammelter Belegschaft.

Neue Hiobsbotschaft: General Electric streicht 99 Arbeitsplätze

Trotz Demonstrationen und Kampfansagen, streicht Generel Electric in Birr im Industriestandort Aargau 100 Stellen.

Power-Bereich bleibt verschont

Nach den Plänen von GE soll die bereits dezimierte Produktion von GE Hydro in Birr komplett geschlossen werden. Profitieren werden die Werke in Bilbao und Grenoble, wo weiterhin gefertigt wird. Die Abteilung GE Hydropower Solutions entwickelt und baut Generatoren und Turbinen für Wasserkraftwerke. Am Standort in Birr verbleiben noch knapp 150 Stellen im Bereich Unterhalt und in der Entwicklung (Services & Engineering). Nicht von der Restrukturierung betroffen ist der Bereich Power (u.a. Gas- und Dampfturbinen). In diesem Segment beschäftigt GE am Standort Birr rund 1200 Personen.

Immenser Preisdruck

Am Weltmarkt von Hydro gebe es einen immensen Preisdruck, so dass wir das Geschäft nicht mehr profitabel betreiben können, sagt GE-Sprecher Eitel. Zudem würden in Europa wegen den tiefen Strompreisen „praktisch keine grösseren Investitionen“ mehr für Wasserkraftprojekte getätigt. Der Abbau soll frühestens im Herbst starten, bis dahin läuft die sogenannte Konsultationsphase, während der Gewerkschaften und Angestelltenverbände dazu Stellung nehmen und Vorschläge unterbreiten können.

Keine Lageverbesserung in Sicht

Der Verband Angestellte Schweiz hat ein gewisses Verständnis für den Entscheid. Die schlechte Situation habe stark mit der Krise der Wasserkraft zu tun, schreibt die Organisation in einem Communiqué. In der Schweiz würden zwei Projekte in den nächsten Jahren abgeschlossen und weitere seien „nicht in Sicht“. In Europa sähe es auch nicht viel besser aus. Potenzial gebe es noch in Asien und Afrika, wo aber günstige chinesische Anbieter hineindrängen.

Stellenabbau bei General Electric (Juni 2016)

General Electrics baut nach der Übernahme von Alstom nicht wie befürchtet 1300, sondern nur 900 Stellen ab. Wie viel Strategie steckt dahinter?

Wissens-Verlust

Wenn GE nun den Bereich Hydro herunterfahre, drohe ein „akuter Know-how-Verlust“, den das Unternehmen auf lange Frist schwächen könnte, sind die Angestellten Schweiz überzeugt. Deshalb rufen die Angestellten Schweiz „Politik und Bevölkerung dazu auf, bei der Energie auf Schweizer Qualität zu setzen“, heisst es weiter. „Auch wenn dieser momentan teurer ist als importierter, so sichert er doch Arbeitsplätze in unserem Land und macht uns zudem unabhängiger vom Ausland“, schreiben die Angestellten Schweiz.

Die Gewerkschaft Syna spricht von einem Abbau auf Raten. Dieses Mal werde der Abbau zwar mit Überkapazitäten und Preiszerfall im europäischen Strommarkt und nicht dem Ausnutzen von Synergie-Effekten begründet, schreibt die Syna. 

Im aargauischen Birr werden am ehemaligen Alstom-Werk vom neuen Besitzer GE weitere 99 Stellen abgebaut. (Archiv)

Im aargauischen Birr werden am ehemaligen Alstom-Werk vom neuen Besitzer GE weitere 99 Stellen abgebaut. (Archiv)

«Es irritiert und ärgert»

Diese Entwicklungen seien nicht überraschend, die  seien schon bekannt gewesen, als GE anfangs 2016 das grosse Restrukturierungsprogramm ankündigte. „Es irritiert und ärgert deshalb, dass GE nun einen weiteren Stellenabbau ‚nachreicht‘ und die betroffenen Angestellten so lange im Ungewissen gelassen worden sind, obwohl sie gesehen haben, dass in ihrem Bereich offenbar keine neuen Aufträge eingingen“, heisst es in einer Stellungnahme. Es komme der „Verdacht auf, dass der erneute Stellenabbau einfach aufgeschoben wurde, um nicht zu hohe Wellen zu schlagen“, schreibt die Syna.

Unrühmliches Kapitel wird fortgeschrieben

Mit dem jüngsten Abbau wird ein weiteres unrühmliches Kapitel in der noch jungen Geschichte von GE in der Schweiz geschrieben. Seit die Amerikaner den einen Grossteil des französischen Alstom-Konzerns gekauft haben, häufen sich Negativmeldungen. Anfang 2016 schockte GE mit der Ankündigung, 1300 Stellen und der Region Baden/Brugg zu streichen. Am Schluss konnte die Zahl auf 900 Jobs reduziert werden. Vielleicht wird auch der gestern angekündigte Stellenabbau glimpflicher ablaufen. Für die Betroffenen wäre dies zu wünschen.

Die Schweiz bleibt auch nach dem jüngsten Abbau weiterhin wichtiger Standort für General Electric. Landesweit beschäftigt der Konzern aus Boston (Massachusetts) 5500 Mitarbeiter. Im Herbst sagte der Chef des weltweiten Power-Services-Geschäft, Paul McElhinney, in einem Interview mit der „Schweiz am Wochenende“, dass er die Zahl der Stellen in der Schweiz erhöhen wolle. Insgesamt 200 Millionen Franken habe GE im letzten Jahr in Forschungs- und Entwicklungsprojekte investiert, sagte er. Die drei Bereiche Power-Services-Geschäft, Steam-Power-Systems-Geschäft und Gas-Power-Systems werden weltweit aus Baden geführt. Daran soll sich nichts ändern.