«Möchtest du das Buch für heute aussuchen, Youmna?», fragt Beatrice Baur die 9-Jährige, die neben ihr am Tisch vor der Stadtbibliothek Brugg sitzt. Natürlich möchte sie! Binnen Minuten ist Youmna zurück und präsentiert ihre Wahl: «Eine Freundin für Prinzessin Isabella». Sie lese gerne Geschichten mit Prinzessinnen, Katzen oder Hasen, sagt die Drittklässlerin und schlägt das Buch auf.

Youmna hat sich heute mit Beatrice Baur zum Lesementoring getroffen. Zum dritten Mal sitzen sie im Rahmen des Projekts «Lesementoring für Kinder in Brugg» in der Stadtbibliothek zusammen und lesen gemeinsam. Gestartet ist das Projekt zum Anfang dieses Schuljahrs. Jeweils einmal pro Woche treffen sich die Mentoren mit den Kindern in der Bibliothek für eine Stunde zum Lesen. Ziel ist es, die Lese- und Sprachkompetenz der Kinder zu fördern. Durch das gemeinsame Lesen mit ihren Mentoren sollen sie einen besseren Zugang zur Sprache finden, was auch in besseren Schulleistungen resultieren kann.

Mehr Anmeldungen als Plätze

«Es haben sich rund 35 Kinder angemeldet, nicht nur fremdsprachige», sagt Cécile Bernasconi, die die Stadtbibliothek Brugg leitet. Am Anfang hätte sie nicht recht gewusst, ob sich überhaupt Kinder für das Projekt interessieren würden. Über den Andrang ist Bernasconi überrascht und erfreut. Da die gemeinsamen Stunden zwingend in den öffentlichen Räumen der Bibliothek während den regulären Öffnungszeiten stattfinden müssen, ist der Platz begrenzt.

Lesementoring der Bibliothek in Brugg

Lesementoring der Bibliothek in Brugg

Bernasconi musste deshalb einigen Kindern eine Absage erteilen. «Das war nicht einfach, aber wir haben schlicht nur Platz für 18 Teams», sagt Bernasconi. Auch viele Mentoren haben sich gemeldet, mehr als benötigt. «Zuerst war das Mentoring als Seniorenprojekt gedacht. Als sich aber zu wenige Pensionierte gemeldet haben, haben wir den Aufruf öffentlich gemacht und hatten innert kurzer Zeit unsere Mentoren beisammen.»

Auch für Spiele bleibt Zeit

Beatrice Baur, die mit Youmna in ihr Prinzessinnenbuch vertieft ist, ist zu 100 % berufstätig. Für die Stunde mit Youmna am späten Dienstagnachmittag nimmt sie sich gerne Zeit. Sie holt die 9-Jährige sogar von zu Hause ab und begleitet sie wieder zurück, wegen ihres gefährlichen Wegs. Baur fühlte sich vom Aufruf, dass Lesementoren gesucht werden, sofort angesprochen. «Ich lese seit meiner Kindheit sehr viel», sagt Baur. Sie möchte Youmna diese Freude am Lesen ohne Druck oder Drill weitergeben.

Vor dem Start des Projekts hat Baur zusammen mit den anderen Mentoren einen zweitägigen Kurs absolviert. Dabei wurde ihnen vermittelt, wie sie den Kindern spielerisch den Zugang zur Sprache vermitteln oder welchen Stellenwert Lesen in anderen Kulturen hat.

«Wertvolle Freiwilligenarbeit»

Youmna ist in der Schweiz geboren, ihre Eltern stammen aus Jemen. «Mein Vater hat vom Projekt gehört und hat gesagt, ich solle doch mitmachen», erzählt sie. Das Lesen mache ihr grossen Spass. Baur und Youmna wechseln sich beim Vorlesen ab. Wenn Youmna über ein Wort stolpert, erklärt Baur es ihr oder wiederholt es für sie. Sie erklärt der Schülerin auch die Bilder im Buch oder Redewendungen, die vorkommen. Gemeinsam diskutieren sie über den Inhalt des Buches und lachen viel. Man merkt, dass die beiden schnell einen guten Draht zueinandergefunden haben. Dazu trägt auch bei, dass die beiden nicht nur strikt eine Stunde lesen, sondern auch Zeit für Spiele wie UNO finden.

«Ich bin sehr berührt, dass das Projekt so Anklang gefunden hat und dass sich die Teams so gut gefunden haben», sagt Cécile Bernasconi. «Die Erwachsenen schenken den Kindern jede Woche eine Stunde Zeit. Das ist wertvolle Freiwilligenarbeit.»