Riniken
Gemeindeschreiber Jörg Hunn: «Wir schicken niemanden weg»

Gemeindeschreiber Jörg Hunn geht nach über 38 Amtsjahren in Pension. Die freie Zeit, die er in Zukunft haben wird, will er auch zum Reisen und für sportliche Aktivitäten nutzen.

Claudia Meier
Drucken
Teilen
Jörg Hunn in Riniken: «Ich will die Schweiz besser kennen lernen.» EFU

Jörg Hunn in Riniken: «Ich will die Schweiz besser kennen lernen.» EFU

«Der Hallwilersee fehlt mir heute noch», sagt Jörg Hunn am grossen Sitzungstisch im Gemeindehaus. Der gebürtige Seetaler bewarb sich im Herbst 1974 auf die freie Gemeindeschreiberstelle in Riniken, obwohl er nicht genau wusste, wo diese Ortschaft liegt.

Hunn war damals als Gemeindeschreiber-Stellvertreter in Möriken-Wildegg tätig.

«Ich kann mich noch gut an das verrauchte Gemeinderatszimmer erinnern, in dem das Bewerbungsgespräch stattfand. Draussen war es schon dunkel und es gab kaum Strassenlampen», so Hunn.

Um sich ein besseres Bild von Riniken zu machen, besuchte er den Ort auch noch bei Tageslicht. Ihm gefiel das charakteristische Dorfbild auf Anhieb, für dessen Erhaltung er sich später immer besonders einsetzte.

«Ich hätte die Stelle niemals bekommen, wenn ich nicht bereit gewesen wäre, nach Riniken zu ziehen.»

Gesagt, getan. Der neu gewählte Gemeindeschreiber bezog vier Monate nach Amtsantritt eine Wohnung im Dorf.

«Der damalige Gemeindeammann drängte mich kurze Zeit später dazu, ein Stück Land zu kaufen und ein Haus zu bauen», sagt Hunn und ergänzt: «Ich bin der Ortsbürgergemeinde heute noch dankbar, dass ich das Land erwerben konnte.

Wir bauten das Haus und wohnen noch immer darin.» Damit war der Grundstein für die Integration gelegt. Hunn engagierte sich in Vereinen und besitzt seit einigen Jahren das Ortsbürgerrecht in der 1450-Seelen-Gemeinde. «Darauf bin ich sehr stolz.»

Neue Herausforderung mit 50

Der Gemeindeschreiber liebte die Vielseitigkeit seiner Arbeit und verstand sich gut mit den Behördenmitgliedern.

«Ich hatte keinen Grund, mich zu verändern», so Hunn und räumt ein: «Mit 50 machte ich mir allerdings schon Gedanken, ob das nun alles war oder ob ich noch eine neue Herausforderung annehmen soll.»

Dann kam dieser ominöse Abend im Herbst 2000. Hunn kehrte nach einer Sitzung mit dem Gemeinderat in der Dorfbeiz ein: «Es standen Regierungsrats- und Grossratswahlen an und ich fragte in der Runde, ob die Grossratskandidaten schon bekannt seien.»

Der damalige Gemeinderat und heutige Gemeindeammann Ernst Obrist zögerte keine Sekunde und fragte Hunn, ob er Interesse hätte auf der Liste der SVP zu kandieren. Der Gemeindeschreiber war nicht abgeneigt.

Einen Tag später kam der Anruf des Bezirkspräsidenten mit dem Hinweis, die Liste sei etwas «Eigenamt-lastig». Hunn – noch nicht Parteimitglied – bekam zwei Tage Bedenkfrist. Die Familie war begeistert und er sagte zu.

Mit der Wahl war das Thema Stellenwechsel vom Tisch und der SVP-Politiker blühte als Grossrat in Aarau richtig auf. Wie liess sich das mit einer Vollzeitstelle vereinbaren?

«Ich habe regelmässig am Samstag gearbeitet. Am Sonntag erfolgte das Aktenstudium für den Grossen Rat. Das Sitzungsgeld habe ich der Gemeinde abgeliefert, das war so vereinbart», erzählt Hunn.

Wer den scheidenden Gemeindeschreiber kennt, weiss, wie pflichtbewusst er immer war. Ferien hatten nie Priorität. «Wenn alles klappte, bezog ich im Durchschnitt zwei Wochen Ferien pro Jahr.»

Seine Frau habe das sehr gut mitgetragen, was nicht selbstverständlich sei, fasst er die private Situation zusammen.

Sorge ums Milizsystem

35'000 Seiten Gemeinderatsprotokoll in 77 Bänden, 300 Todesfälle und früher 240 Ziviltrauungen: Diese Zahlen sind beeindruckend, stellen aber nur einen Bruchteil von Hunns Tätigkeitsbilanz dar.

Seine Arbeit war seine Leidenschaft. Die Zentralisierung des Zivilstandwesens im Jahr 2003 und aktuell des Vormundschaftswesens bezeichnet er als Verlust für die Arbeit auf den Gemeindeverwaltungen.

Hunn ist ein Gemeindeschreiber, der lieber mitwirkt, als nur ausführt und dennoch war er sich der Rollenverteilung stets bewusst: «Der Gemeinderat entscheidet – der Gemeindeschreiber berät und führt aus.»

Das Milizsystem liegt Hunn besonders am Herzen. Umso mehr bereitet ihm die zunehmende Schwierigkeit, interessierte Kandidaten für den Gemeinderat zu finden, Sorge. Hunn dazu: «Kaum jemand will noch Verantwortung übernehmen. Vielleicht liegt das an unserem Wohlstand.»

Besonders wichtig war ihm auch die grosse Dienstleistungsbereitschaft gegenüber der Bevölkerung: «Ich habe unseren Angestellten immer gesagt: Auf der Gemeindeverwaltung schicken wir niemanden weg. Wir helfen den Leuten, wo es nur geht.»

Zeit zum Reisen und Schwimmen

Nun geht Hunn Ende April mit 64 Jahren etwas vorzeitig in Pension. Wird ihm das Amt nicht fehlen?

«Nein, ich habe vorgesorgt», sagt er und beginnt seine verbleibenden Aufgaben aufzuzählen: «Ich bin Verwaltungsratsmitglied der Aargauischen Gebäudeversicherung, Mitglied der Regionalkonferenz Jura Ost, im Schulvorstand der BWZ, Aktuar im Bezirksschulrat, Vorstandsmitglied im ‹Club Bürgerliche 100›, Präsident der Jugend- und Familienberatung im Bezirk Brugg sowie Stiftungsrat der Behindertenwerkstätte Domino.»

Langweilig werde es ihm nicht, so Hunn.

Die freie Zeit will er auch zum Reisen und für sportliche Aktivitäten nutzen: «Ich möchte die Schweiz besser kennen lernen und regelmässig schwimmen gehen – vielleicht auch mal wieder im Hallwilersee.»

Aktuelle Nachrichten