Feiner Nebel wabert um die Weihnachtsbeleuchtung in der Altstadt, dämpft das Licht. Unterbrochen wird die gespenstische Stille nur durch das hallende Geräusch von Schuhabsätzen von ein paar wenigen Menschen, die nach Feierabend noch unterwegs sind.

Beim Neumarktbrunnen, unter dem Weihnachtsbaum, scharen sich ein paar dunkle Gestalten zusammen. Ihre Köpfe sind gesenkt, ihr Blick starr auf ihr Handy gerichtet. Kein ungewöhnlicher Anblick in der heutigen Zeit – könnte man meinen. Doch an diesem Abend ist es anders.

Zur Gruppe stossen immer mehr dazu. Männer, hauptsächlich in Schwarz gekleidet, viele mit einem blauen Schal um den Hals. Resistance (Widerstand) steht drauf. Zwischen den Fingern der einen Hand glimmt bei vielen eine Zigarette. In der anderen Hand liegt das Smartphone. Dieses wird nur weggelegt, um sich zu begrüssen. Man scheint sich zu kennen. Ein grosser Mann stellt sich als Agent Aspergillus vor. Es ist der Herznacher Rolf Glaettli (44). Er will die Welt und die Stadt Brugg an diesem Abend vor Ausserirdischen beschützen – virtuell.

Der Informatiker wird gerne Papa Schlumpf genannt, weil er, seit es das Handy-Spiel Ingress gibt, dabei ist. Immer bei der Fraktion, die sich Resistance nennt. Und weil die mit der Farbe Blau gekennzeichnet ist, werden Resistance-Angehörige gerne auch Schlümpfe genannt. Die Gegenspieler – die Enlightened (Erleuchteten) – die mit der Farbe Grün spielen, werden Frösche genannt (mehr zu Ingress siehe Box). 

Einige schämen sich

Mittlerweile sind beim Neumarktbrunnen alle Agenten, die sich für die Aktion in Brugg gemeldet haben, angekommen. Ein 34-jähriger Windischer gibt zu, dass er sich «manchmal schon etwas schämt», dass er bei diesem Spiel mitmacht. Diesem Nerd-Spiel. Ein anderer erzählt, dass er seinen Eltern nichts davon sagt, nur bestimmten Kollegen.

Die Männer werfen einen kurzen Kontrollblick in die kleinen, umgehängten Taschen. Die sind mit einem oder zwei Akku-Packs ausgestattet, die die Smartphones ständig mit Strom versorgen. Dann folgt die Lagebesprechung wie im Militär: Rolf Glaettli erklärt den Plan für diesen Abend. Auf den Handys leuchtet der Plan der Stadt Brugg auf. Feine, blaue Linien ziehen sich wie Adern über den Stadtplan. Die Widerstands-Kämpfer sind in Brugg schon stark vertreten, sie wollen ihre Vormacht an diesem Abend aber zementieren und die eroberten Gebiete mit Schutzschildern gegen die Enlightened ausstatten. Glaettli gibt mit einem schelmischen Grinsen zu: «Wir erfüllen uns mit diesem Spiel unseren Bubentraum vom Agent-Sein.»

Mit gesenkten Köpfen bewegt sich die Gruppe durch den kleinen Park hinter der Bauverwaltung und dem Eisiparkplatz. Eifrig tippen die Finger der Spieler auf den Handybildschirmen herum, erschliessen das Romulus-und-Remus-Portal beim Vindonissa-Museum. «Hack was successful», ertönt immer wieder eine weibliche Roboterstimme, begleitet von einem Piepsen. Man wähnt sich in einem der Matrix-Filme.

Google-Cybergame: Reportage über Ingress-Spieler in Brugg

Google-Cybergame: Reportage über Ingress-Spieler in Brugg

Währenddessen erzählt Rolf Glaettli von seinen Abenteuern. Für Ingress reist er auf der ganzen Welt herum. Aus seinem ledernen Portemonnaie nestelt er ein Plastiksäckchen hervor. Dieses ist gefüllt mit SIM-Karten aus den Nachbarländern der Schweiz. In Paris sei er mit der Familie einen ganzen Tag in einem Touristenbus herumgefahren. Das sei eine der einfachsten Arten, möglichst viele Portale möglichst schnell zu knacken. Denn dafür gibt es eine Auszeichnung.

Auch schon hat er mit Agenten aus ganz Europa ein Gebiet zwischen einem Portal auf Ibiza, einem in London, einem in Serbien und einem auf dem Jungfrau-Joch mit virtuellen Schlüsseln verbunden. Oder er erzählt die Geschichte von der virtuellen Eroberung einer Bank in Basel. Er sei mit einem Kollegen um diese Bank herumgeschlichen, habe diskutiert, wie man deren Portal in Besitz der Resistance bringen könnte. «Wir haben dabei laut über Bomben und Hacken gesprochen. Das ist dem Sicherheitsverantwortlichen, der in der Nähe stand, nicht entgangen», erinnert sich Glaettli. «Prompt tauchte die Polizei auf und machte Kontrolle.»

Kritische Blicke von Passanten

Ein älteres Pärchen geht Hand in Hand an der Gruppe vorbei. Der Mann verlangsamt seinen Schritt, blickt der Gruppe lange nach, staunt ungläubig. «Kritische Blicke sind wir uns gewöhnt», sagt ein Ingress-Spieler. «Aber wir haben vorgesorgt und verteilen dann jeweils Flyer.» Unfälle gab es allerdings schon. Spieler, die von einem Auto angefahren wurden oder in den Pfosten einer Strassenlaterne knallten, weil sie sich auf das Spiel konzentrierten.

Obwohl die Ingress-Spieler nach aussen isoliert scheinen, so ist der soziale Faktor des Spiels nicht zu unterschätzen. Altersmässig ist die Gruppe an diesem Abend durchmischt. Von einem pensionierten Windischer bis zum 22-jährigen Studenten ist alles mit dabei. Rolf Glaettli sagt: «Dank Ingress habe ich unglaublich viele Leute kennen gelernt, denen ich sonst nie begegnet wäre. Und die Freundschaften gehen um die ganze Welt.»

Er erzählt von einem Pärchen, das sich an einem Ingress-Event kennen gelernt hat und nun bald heiraten wird. «Wir sind nicht so, wie man sich den üblichen Gamer vorstellt. So alleine zu Hause vor dem Computer», stellt Glaettli klar. «Viele bei uns waren zuvor schon beim Geocaching aktiv oder haben Mehrspieler-Games gespielt.»

Und läuft man mal einen Abend bei einer Ingress-Gruppe mit, wird schnell klar: Der Fitness-Level ist bei Ingress um einiges höher als bei Computer-Spielen. Ein Ingress-Event kann bis zu sechs Stunden dauern, je nach Lust und Zeit der Spieler. Dabei muss ständig herumgewandert werden. Immer wieder wird auch an diesem Abend dieselbe Runde durch die Brugger Altstadt gedreht. Lange sieht es nach einem gemütlichen, ereignislosen Abend für die Resistance aus.

Die Frösche greifen an

Doch plötzlich leuchten auf den Handys grüne Adern auf. Der Feind, die Enlightened, sind aktiv; versuchen, die Portale in Brugg niederzureissen, welche die Resistance aufgebaut hat. Kurz kommt Hektik auf, doch die hat der erfahrene Rolf Glaettli rasch wieder unter Kontrolle. Er versammelt die Gruppe unter einer dem Schein einer Strassenlampe um sich. Lagebesprechung. «Die haben eh keine Chance», sagt einer. «Wir sind zu stark, haben die Portale gut geschützt», findet ein anderer. Die Entscheidung fällt schnell: «Bomben wir gleich wieder herunter, was die Frösche aufbauen!»

Erbarmungslos verfolgt die Resistance die Eindringlinge in Brugg. Diese haben an diesem Abend keine Chance. Noch bleibt Brugg also in der Hand der Resistance. Doch der nächste Angriff der Ausserirdischen folgt bestimmt.
Wenn Sie also an einem Abend eine grössere Gruppe durch die Strassen ziehen sehen, die Köpfe über das Handy gebeugt: Es könnte sein, dass dann gerade ein virtueller Angriff auf die Stadt Brugg passiert.