Wochenlang war das Haus in der Brugger Vorstadt verhüllt und eingerüstet. Nun ist es renoviert und zu neuem Leben erwacht. Damit ist die städtische Galerie Zimmermannhaus wieder zugänglich – für Ausstellungen und Konzerte. Mit einer Jubiläumsausstellung feiert sie ab 22. August «30 Jahre Kunst und Musik im Zimmermannhaus».

Drahu Kohout, 2011 übernahmen Sie fast von einem Tag auf den anderen die Galerie von ihrer erkrankten Vorgängerin Silvia Siegenthaler. Sie kannten das Zimmermannhaus gut, weil Sie dort schon selbst ausgestellt haben. Dann wechselten Sie die Seite.

Drahu Kohout: Ja, und das empfand ich sowohl als Bereicherung wie als Herausforderung. Einerseits kennt man die Sicht des Künstlers auf eine Galerie als Vermittlerin zwischen dem Schaffen des Kunstschaffenden und dem Publikum. Somit versteht man den Künstler besser, um ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen.

Und andererseits?

. . . lernt man die andere Seite, nämlich jene der Galerie kennen. Die muss sich mit so profanen Problemen beschäftigen wie: einen ansprechenden Rahmen für die Kunst zu schaffen.

Auch für solche, die nicht so gut «verkäuflich» ist?

Ja. Man muss für diese Kunst ganz besonders Geld bei Sponsoren beschaffen, damit der Kunstvermittler in der heutigen Zeit überleben kann.

Als Sie die Galerie übernahmen, sagten Sie: Es wird keine Einzelausstellungen mehr geben.

(lacht) Vielleicht habe ich das mal gesagt, wer weiss . . . Vorläufig wird es jedenfalls keine geben.

Weshalb nicht?

Für mich ist es einfach sehr wichtig, verschiedene Positionen der zeitgenössischen Kunst zu zeigen; also möglichst einen Dialog oder eine Diskussion zu schaffen. Bei einer Einzelausstellung entsteht aber eher ein Monolog.

Mir sind weitere Sätze von Ihnen haften geblieben. «Mir liegt das Rohe näher als das Schöne.» Und: «Ich liebe Kunst mit Ecken und Kanten». Was genau meinen Sie damit?

Ja, das Rohe, Unfertige, Unvollendete; im Entstehen die Spuren sehen – so ist das Leben: Das liegt mir viel mehr. Kunst mit Ecken und Kanten fordert das Nachdenken, Betrachten und die Auseinandersetzung mit dem Werk. Das Schöne kann man nur einfach konsumieren. Mit dem Hässlichen aber muss oder kann man sich befassen. Eine Kunst mit Ecken und Kanten ist auf ihre Art doch auch schön, oder?

Wie reagiert denn das Publikum darauf?

Es hat gemerkt, dass im Zimmermannhaus eine neue Linie verfolgt wird. Das Publikum ist positiv überrascht, dass es im Zimmermannhaus neue Positionen zu sehen und bei den Konzerten zu hören bekommt.

Wie wichtig ist eine städtische Galerie für Brugg?

Das Zimmermannhaus Brugg, das Kunst und Musik unter einem Dach vereint, ist eine grosse Bereicherung und Ergänzung der Brugger Kulturlandschaft. Ich bin immer wieder beeindruckt, welch vielfältiges Kulturangebot der unterschiedlichsten Institutionen in Brugg zur Verfügung steht. Beeindruckt bin ich auch über das Engagement der Betreiber. Oft denke ich aber auch: Ist sich das Brugger Publikum eigentlich bewusst, was ihm da alles geboten wird?

Wenn eine städtische Galerie so wichtig ist, welche Aufgaben sind prioritär?

Schwierig zu sagen, welche sie erfüllen muss. Eine Aufgabe davon ist die Kunst- und Musikvermittlung. Das heisst: Sie muss, vielmehr sollte für jeden, der interessiert ist, den Kontakt zur zeitgenössischen Kunst und zur klassischen, auch zeitgenössischen Musik schaffen. Zudem sollte sie für junge Kunstschaffende einen Rahmen schaffen für experimentelle, progressive, «unverkäufliche» Kunst.

Also muss die Galerie die Schwellenangst vor bildender Kunst und Klassik abbauen?

Auf jeden Fall. Man muss kein Kenner sein, um Freude an beidem oder am einen oder anderen zu haben oder zu entdecken. Die Zeiten ändern sich. Zu ihrer Zeit waren Michelangelo oder Mozart auch cool oder Stars. Die Impressionisten wiederum sind in ihrer Zeit von der Mehrheit verpönt und verkannt worden.

Junge Kunst ist Ihnen wichtig. Ist sie das deshalb, weil Sie damit nicht nur junge Kunstschaffende, sondern auch junge Besucher für die Galerie gewinnen wollen?

Junge Kunst ist mir aus zweierlei Gründen wichtig. Erstens, weil sie tatsächlich ein neues, junges Publikum in die Galerie bringt. Und zweitens, weil die Junge Kunst einen unkomplizierten Zugang zu ihrer Arbeit.

Was heisst das konkret?

Es wird nicht immer alles derart ernst genommen. Die Junge Kunst hat trotz ihrer Nachdenklichkeit eine gewisse Leichtigkeit. Sie spielt mit Witz und Ironie. Wenn Kinder in die Ausstellungen kommen, beobachte ich immer wieder, welch andere Facetten sie an den Werken entdecken; welch einen unkomplizierten Umgang sie mit ihnen pflegen und wie sie diese den begleitenden Erwachsenen vermitteln.

Als Pluspunkte kann die Galerie zwei komplett unterschiedliche Räume in die Waagschale werfen. Den weissen Säulen-Raum im zweiten Stock und den mit viel Holz versehenen im Obergeschoss. Dort finden auch die Konzerte statt. Untermauern diese das «Label» Galerie Zimmermannhaus?
Die Konzerte sind auf jeden Fall eine wichtige Ergänzung zu zeitgenössischen Ausstellungen. Sie sind die zweite Säule des Programms im Zimmermannhaus.

Erfolgte aus diesem Grund, die Umbenennung von «Galerie Zimmermannhaus» in . . .

. . . «Zimmermannhaus Brugg, Kunst & Musik»? Ja, das ist so. Damit wollten wir die Gewichtigkeit der Musik unterstreichen. Die Konzerte haben hier haben ein sehr hohes Niveau. Wir engagieren weltbekannte Interpreten, die es überaus schätzen, in unserem intimen Rahmen Kammermusik zu spielen.

Sie leiten die Galerie mittlerweile seit vier Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Die Veränderung kann ich nur von meiner persönlichen Sicht beurteilen. Ganz wichtig ist mir die Qualität: sei es bei den Ausstellungen oder den Kammermusik-Konzerten. Wichtig ist mir überdies, dass vermehrt junge Künstler in verschiedensten Sparten der zeitgenössischen Kunst ausgestellt werden. Im Rahmen der Ausstellungen finden Performances, Veranstaltungen wie Führungen durch die Ausstellung, sodann Kunstgespräche, Kunst für Kinder mit Führung und Workshop statt.

Und bei den Kammermusik-Konzerten?

Da sind die Programmgestalter Jürg Lüthy und Martin Neukom ebenfalls der Qualität verpflichtet. Sie engagieren vermehrt junge Musiker. Neben klassischen Werken werden auch zeitgenössische Schweizer Komponisten gespielt.

Es gibt die «Junge Klassik», doch . . .

. . . es gibt ausserdem die neue Reihe «Familienkonzert» für Gross und Klein. Sie kommt bestens an.

Was wollen Sie in den nächsten Monaten und Jahren realisieren?

Die eingeschlagene Linie weiterverfolgen. Den Bekanntheitsgrad des Zimmermannhauses regional und überregional stärken. Anders gesagt: Eine Institution für Junge Kunst und Musik schaffen.

Wenn Sie ein Fazit ziehen . . .

. . . dann dieses: Die Verbindung von zeitgenössischer Kunst mit Klassik sowie Kunst für Gross und Klein funktioniert. Das Zimmermannhaus wird lebendiger.