Der Zusammenschluss der Gemeinden kann eine Chance für die Zukunft sein. Davon haben sich Gemeindeammann Richard Plüss aus Lupfig und sein Kollege Hans Vogel aus Scherz überzeugt gezeigt. Am Mittwochabend ist die Bevölkerung über das Projekt «Zusammenschluss Lupfig-Scherz» informiert worden.

Gross war das Interesse: Rund 250 Zuhörer liessen sich die Gelegenheit nicht entgehen, sich in der Mehrzweckhalle Breite in Lupfig aus erster Hand von den Arbeitsgruppen über den aktuellen Stand der Abklärungen ins Bild zu setzen.

Richard Plüss ging in seiner Einführung auf die Frage ein, wann der richtige Zeitpunkt für einen Zusammenschluss ist. Auch wenn es diesen Moment eigentlich gar nicht gebe, müssten die Diskussionen jetzt geführt werden.

Lupfig und Scherz seien bereit, die Karten auf den Tisch zu legen und das Vorhaben in seiner ganzen Seite zu beurteilen. Nicht nur finanzielle Überlegungen, betonte Plüss, dürften entscheidend sein. Die Vorteile eines Zusammenschlusses kämen sowieso erst sukzessive zum Tragen.

Eigenamt wird gestärkt

Eine zusammengeschlossene, grössere Gemeinde erhalte mehr Gewicht, das Eigenamt werde als Ganzes gestärkt, sagte Hans Vogel. Während sich für die Bevölkerung von Lupfig nicht viel ändere, werde es für Scherz eine Herausforderung sein, den politischen Einfluss wahrzunehmen, um die Identität als eigenständiges Dorf erhalten zu können. Wichtig sei, dass die finanzielle Gesundheit und Weiterentwicklung der Gemeinde gesichert werden könnten.

Für Projektbegleiter Jean-Claude Kleiner gibt es gute Gründe für Gemeindebehörden, bestehende Strukturen zu überdenken, denn die Herausforderungen wachsen, die Aufgaben werden komplexer.

«Es gilt sich zu überlegen, ob man noch richtig aufgestellt ist.» Zwischen Lupfig und Scherz, fuhr Kleiner fort, bestehe eine grössere gemeinsame Grenze, in vielen Bereichen werde schon heute zusammengearbeitet. «Man ist sich also gar nicht so fremd.»

Scherz würde ein Ortsteil von Lupfig werden – «müsste aber nicht auf alles verzichten», sagt Ruedi Martin von der Arbeitsgruppe Kultur, Freizeit, Name und Wappen.

Gemeinde könnte 2018 starten

Rückblick: Ursprünglich war es die Gemeinde Scherz, die sich mit ihre Zukunftsplanung befasste und eine Bevölkerungsumfrage durchführte. Der Zusammenschluss mit einer anderen Gemeinde, so das Ergebnis, sei zu prüfen.

Der Gemeinderat gelangte an Lupfig, eine vertiefte Diskussion wurde lanciert. Auch der Gemeinderat Lupfig beschloss, mit einer Umfrage den Puls der Bevölkerung zu fühlen.

Eine Mehrheit zeigte sich offen, die Gemeindeversammlungen stimmten dem Projektkredit deutlich zu. Gebildet wurden in der Folge sieben Arbeitsgruppen mit 60 Mitgliedern aus beiden Gemeinden, um die Situation ganzheitlich aufzunehmen, relevante Themen zu besprechen, mögliche Chancen und Risiken aufzuzeigen, kurz: fundierte Grundlagen zu erhalten.

Am 4. April werden die Gemeinderäte der beiden Gemeinden ihren Grundsatzentscheid fällen, ob das Projekt weiterverfolgt wird. Bei einem Ja, steht das Geschäft an den Gemeindeversammlungen im Juni zur Diskussion. Im Herbst dieses Jahres könnten die Urnengänge folgen. Der Start der neuen Gemeinde wäre am 1. Januar 2018 möglich.

Zu diesen Ergebnissen kommen die Arbeitsgruppen

Welches sind die Chancen und Risiken eines Zusammenschlusses für das rund 515 Hektaren grosse Lupfig mit seinen rund 2300 Einwohnern, welches für das 330 Hektaren grosse Scherz mit seinen rund 650 Einwohnern? (cm/mhu)

Ein Verwaltungsstandort in Lupfig

Die zusammengeschlossene Gemeinde soll einen fünfköpfigen Gemeinderat haben. «Das Pensum für den Gemeindeammann wird auf 30 Prozent festgelegt», erklärte Nicole Dietiker von der Arbeitsgruppe «Behörden und Verwaltung». Mit der Konzentration der beiden Verwaltungen in Lupfig entstehe ein Sparpotenzial von rund 400 000 Franken. Als Chancen erachtet die Arbeitsgruppe:
• Es braucht weniger Mitglieder bei den Behörden
• Grössere Auswahl bei der Rekrutierung
• Robuste Verwaltung in Lupfig mit Stellvertretungen
• Ausbau der Öffnungszeiten/Service public
• Frei werdende Verwaltungsräume in Scherz
• Geringere Behörden- und Verwaltungskosten

Folgende Risiken werden genannt:
• Grösserer zeitlicher Aufwand für Gemeindebehörden
• Grössere Distanz zu Behörden und Verwaltung

Politischer Einfluss steigt

Beide Gemeinden, sagte Heinz Schmid von der Arbeitsgruppe «Entwicklung, Bau- und Nutzungsordnung, Verkehr und Alter», setzen auf ein gesundes, kontrolliertes Wachstum. Gerechnet wird mit einer Zunahme der Einwohnerzahl von derzeit rund 3000 auf 3550 im Jahr 2024. Als Chancen eines Zusammenschlusses aufgeführt werden:
• Stärkung des politischen Einflusses in der Region
• Gemeinsame Erarbeitung der neuen Bau- und Nutzungsordnung (BNO)
• Steigerung der Attraktivität von Scherz als Wohnort
• Verbindung Lupfig–Scherz mit dem öffentlichen Verkehr
• Gemeinsame Angebote im Alter, zum Beispiel Wohnen

Mögliche Risiken sind laut Arbeitsgruppe:
• Allfällige Mehrkosten durch die öV-Verbindung
• Mögliche Erhöhung der Bodenpreise (Bauland) in Scherz aufgrund höherer Attraktivität

Schulstandort Scherz bleibt erhalten

Die Schule in Lupfig platzt aus allen Nähten. Statt in Lupfig anzubauen, mache es Sinn, den Schulstandort Scherz beizubehalten und die Kinder nicht zu mischen, betonten Gemeindeammann Richard Plüss aus Lupfig und Gemeinderat Roland Bodenmanne aus Scherz. Letzterer erklärte, dass die Arbeitsgruppe «Schulwesen» vier Varianten diskutiert hatte, wie man die gemeinsame Schule neu organisieren könnte. Als Chancen sieht die Arbeitsgruppe:
• Primarschüler besuchen die Schule im eigenen Dorf
• Es gibt nur noch eine statt zwei Schulpflegen
• Zusammenarbeit der beiden Schulleitungen
• Gemeinsame Weiterbildung
• Flexibilität im Einsatz von Lehrpersonen
• Einfachere Lösungen für Stellvertretungen
• Gemeinsamer Einkauf von Lehrmitteln und Schulmaterial
• Diverse Spar- und Synergiepotenziale in der Höhe von rund 20 000 Franken

Steuerfuss von 95 Prozent ist das Ziel

Erreichen lassen sich durch den Zusammenschluss Einsparungen von rund 425 000 Franken, sagte Hans Vogel von der Arbeitsgruppe «Finanzen und Liegenschaften». Sparpotenzial vorhanden sei – unter anderem – bei Gemeindebehörden und Gemeindepersonal oder beim Werkhof. Vom Kanton seien Beiträge von insgesamt 1,72 Mio. Franken zu erwarten. Ziel sei ein Steuerfuss von 95 Prozent. Als Chancen eines Zusammenschlusses nannte Vogel:
• Gutes und breiter abgestütztes Steuersubstrat bei den natürlichen Personen
• Glättung der Abhängigkeit von den Aktiensteuern
• Verteilung der Fixkosten auf mehr Einwohner
• Markante Steuerfusssenkung für Scherz auf neu 95 Prozent (heute 122 Prozent)
• Optimale Nutzung und Bewirtschaftung der verschiedenen Liegenschaften (Verwaltungsgebäude in Lupfig und Scherz, geplanter Werkhof in Lupfig)

Tragende Rolle für Ortsbürgergemeinde

Bei einer Gemeindefusion werden die Ortsbürgergemeinden automatisch zusammengeschlossen. «Man könnte sie aber auch auflösen und in die Einwohnergemeinde integrieren», erklärte Martin Gysi von der Arbeitsgruppe «Ortsbürgergemeinden Lupfig und Scherz, Forstwesen». Vorgeschlagen wird eine tragende Rolle der neuen Ortsbürgergemeinde. Der Forstbetrieb Birr-Lupfig soll mit Scherz gestärkt werden. Das bringt folgende Chancen:
• Stärkung der finanziellen Basis der Ortsbürgergemeinde
• Belebung der neuen Ortsbürgergemeinde
• Förderung der Gemeinschaft in der neuen Gemeinde
• Bessere Auslastung des Forstbetriebs
• Durchgehendes Waldwegnetz für Jogger und Velofahrer

Als Risiken erwähnt die Arbeitsgruppe:
• Verlust von zwei eigenständigen Ortsbürgergemeinden
• Auflösung der Zusammenarbeit mit Forstbetrieb Brugg

Die Betriebe werden gestärkt

Mit einem Zusammenschluss, sagte Kurt Vogt von der Arbeitsgruppe «Technische Betriebe, Werkhof/Entsorgung», seien Synergien möglich bei der Finanzierung des geplanten Werkhofs. Als weitere Chancen genannt werden:
• Konzentration und Stärkung der verschiedenen Betriebe
• Schlagkräftige Werkgruppe/Service public auch in Scherz
• Konzentration/Neuorganisation der Sammelstellen und Gründeponie
• Bessere Auslastung von Personal und Maschinen/Fahrzeugpark
• Einfacherer Pikettdienst

Herausforderungen sind gemäss Arbeitsgruppe:
• Harmonisierung der Reglemente und Gebühren
• Mehrkosten durch zusätzliches 50-Prozent-Pensum

An Postadressen ändert nichts

Im Kulturbereich haben die beiden Gemeinden Lupfig und Scherz viele ähnliche Aktivitäten und arbeiten bereits zusammen. Ruedi Martin von der Arbeitsgruppe «Kultur, Freizeit/Vereine, Name und Wappen» betonte, dass die beiden Ortsnamen und Postleitzahlen sowie die Adressen erhalten bleiben. Chancen sieht die Arbeitsgruppe in folgenden Bereichen:
• Koordination der Vereinsanlässe und Aktivitäten
• Koordination der kulturellen Anlässe und Aktivitäten
• Stärkung der Vereine und kulturellen Lebens
• Reglement zur Förderung der Vereine
• Erhalt der Ortsnamen Lupfig und Scherz
• Mittelfristige Spareffekte im Bereich Schwimmbad

Als Risiko erwähnt die Arbeitsgruppe diesen Punkt:
• Verlust an Identität in Scherz, weil es Scherz als eigenständige Gemeinde nicht mehr gibt.