Bözen
«Für mich war die Landwirtschaft kein Berufsziel»

Reto Pfister hat – «trotz Kirschentrauma» – mit Frau Yvonne den Lindenhof von seinen Eltern übernommen. Einige Monate zuvor hatten Werner und Rosmarie Pfister das neu angebaute Stöckli bezogen.

Claudia Meier
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Werner, Rosmarie, Zoé, Reto und Yvonne Pfister (v. l.) mit Hund Nala haben sich auf dem Lindenhof neu organisiert.Emanuel Freudiger

Werner, Rosmarie, Zoé, Reto und Yvonne Pfister (v. l.) mit Hund Nala haben sich auf dem Lindenhof neu organisiert.Emanuel Freudiger

Seit Jahren nimmt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in der Schweiz ab. Auf dem Lindenhof im Lindental zwischen Bözen und Zeihen ist das Bauernsterben aber kein Thema. Hier ist neues Leben eingekehrt.

Reto Pfister, 34, hat zusammen mit Frau Yvonne am 1. Januar 2013 den landwirtschaftlichen Betrieb mit Wohnhaus von seinen Eltern übernommen. Einige Monate zuvor hatten Werner und Rosmarie Pfister das neu angebaute Stöckli bezogen.

Wir treffen das alte und neue Chefehepaar zum Fototermin vor dem Haus. Mit dabei sind die kleine Zoé und Hund Nala. Das Gespräch findet anschliessend im gemütlichen Wintergarten statt.

Reto Pfister, mit welchem Wein haben Sie auf die Hofübernahme angestossen?

Reto Pfister: Mit unserem Blauburgunder «Réserve de Madame».

Bestimmt ein spezieller Moment. Werner Pfister, haben Sie immer damit gerechnet, dass ihr Sohn eines Tages den Hof übernehmen wird?

Werner Pfister: Ich habe es gehofft. Dass es nun so weit kam, erfüllt mich mit Stolz. Ich habe zusammen mit meiner Frau Rosmarie viel Arbeit und Herzblut in den Lindenhof investiert und freue mich, dass es nun weiter geht.

Familien-Unternehmen

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Warum wurden Sie eigentlich damals Landwirt?

Werner: Ich war das jüngste von fünf Kindern und der einzige Knabe. Allen war immer klar, dass ich Landwirt werde. Offenbar glaubte ich das auch.

War das bei Reto ähnlich?

Werner: Nein, wir haben vier Kinder – eine Tochter und drei Söhne. Reto, der älteste Sohn, war immer ein guter Schüler und wir rieten ihm, verschiedene Berufe kennenzulernen. Als er an einem heissen Sommertag vom Schnuppern nach Hause kam, war ihm klar, dass er sich in einer grossen Firma nicht wohlfühlen würde.
Reto: Für mich war die Landwirtschaft kein klares Berufsziel. Es war eher so, dass ich in den Beruf hineinwuchs.

Sie sind also nicht als kleiner Knirps immer auf dem Traktor mitgefahren und haben die Sommerferien auf den Kirschbäumen verbracht?

Reto: (lacht) Nein, überhaupt nicht. Ich habe ein Kirschentrauma. Ich half zwar bei der Kirschenernte, aber nur weil ich pro vollen Kratten einen Franken Sackgeld bekam.

Was gab dann den Ausschlag?

Reto: Die Perspektive, diesen Betrieb zu übernehmen, reizte mich. Also absolvierte ich die dreijährige Lehre, sammelte während 10 Monaten Erfahrung auf einer Milchfarm in Neuseeland und leistete Militärdienst. Mit der anschliessenden Weiterbildung zum Agrartechniker fühle ich mich nun gut gewappnet. Dazu kommt, dass ich mit meiner Frau Yvonne die ideale Partnerin für die Betriebsführung gefunden habe.

Die Milchfarm in Neuseeland hatte sicher eine andere Dimension als der Lindenhof. Was hat dieser Aufenthalt ausgelöst?

Werner: Für meine Frau und mich war es eine gute Gelegenheit, endlich wieder einmal zu verreisen und Reto zu besuchen. Ich bin Rosmarie heute noch dankbar, dass sie mich zu dieser Reise drängte. Wir entschlossen uns damals, die Milchwirtschaft aufzugeben.
Reto: Ich war mit diesem Vorschlag sofort einverstanden. Das Melken der 700 Kühe in Neuseeland dominierte den Alltag. Ich wünschte mir abwechslungsreichere und flexiblere Arbeiten.

Wie haben Sie die Hofübernahme vorbereitet?

Werner: Das war ein längerer Prozess. Alle wichtigen Entscheide haben wir seit mehreren Jahren gemeinsam besprochen. So auch der Entscheid, in die neue Rebsorte Cal zu investieren. Richtig konkret wurde es vor zwei Jahren.
Reto: Ich arbeitete bis letztes Jahr in einem Teilzeitpensum beim Schweizerischen Bauernverband in Brugg. Dort war ich für Schätzungen und Hofübernahmen zuständig.

Der Lindenhof

Werner Pfister, 64, und seine Frau Rosmarie übernahmen 1976 den elterlichen Bauernhof an der Hauptstrasse in Bözen. Zum Hof gehörten rund 20 Hektaren Land. Betrieben wurden Ackerbau, Milchwirtschaft und Viehzucht sowie Rebbau. Mit dem Bau des Autobahnteilstücks von Frick nach Brugg fand eine Teilgüterregulierung statt. Dies ermöglichte es Rosmarie und Werner, 1984 vom Dorf auf den Lindenhof zwischen Bözen und Zeihen auszusiedeln. Zum Betrieb gehörte eine Kranscheune mit Boxenlaufstall und Melkstand. Im Jahr 2001 wurde die Milchproduktion aufgegeben. Die Haupterwerbszweige sind heute der Rebbau und die Mutterkuhhaltung, kombiniert mit der Direktvermarktung und der Gästebewirtung. Der Ackerbau verlor in den letzten Jahren an Bedeutung. Zunehmend wichtiger wurde eine naturnahe Bewirtschaftung. Sämtliches Getreide wird nach den Vorschriften des IP-Suisse-Labels produziert. Der Lindenhof umfasst zurzeit rund 41 Hektaren Land davon sind rund 15 Prozent Ökoflächen. Der Kuhbestand zählt rund 30 Mutterkühe mit ihren Kälbern. Der Betrieb bildet seit Jahren Lehrlinge aus. (CM)

Was haben Sie dabei gelernt?

Reto: Dass man unbedingt über alles sprechen muss, auch wenn es noch so kleine Themen oder Unsicherheiten sind. Man kann nicht genug miteinander reden. Das war auch bei uns im Hinblick auf den Umbau des Wohnhauses wichtig. So haben wir uns zum Beispiel bewusst für separate Hauseingänge entschieden.

War es immer klar, dass die Eltern auf dem Hof bleiben?

Werner: Nein, wir haben uns auch überlegt, zurück ins Dorf zu ziehen. Ich wollte aber weiter mitarbeiten. Denn ich kann nicht einfach so in den Tag hineinleben. Ich brauche eine Aufgabe. Wir möchten in Zukunft aber auch mehr Zeit für uns und unsere Grosskinder haben.
Reto: Für uns ist es ja auch eine Entlastung, wenn die Eltern in der Nähe sind und uns unterstützen können.

Sie wohnen und arbeiten zusammen unter einem Dach. Das birgt doch Konfliktpotenzial. Wie gehen Sie damit um?

Werner: Ich habe über 30 Lehrlinge ausgebildet, die meistens auch bei uns wohnten. Da weiss man, dass man Probleme nur mit vernünftigen Gesprächen und nicht mit herumschreien lösen kann.
Reto: Es ist sicher wichtig, dass wir eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben finden und uns immer absprechen.

Was bedeutet das für den Alltag?

Reto: Wir treffen uns jeden Montag beim Frühstück zur «Strategiesitzung».
Werner: (lacht) Gut, du nennst sie so. Aber eigentlich besprechen wir einfach die Arbeiten und Termine für die laufende Woche. Die Strategie muss man ja nicht jede Woche anpassen.

Was war das für ein Gefühl in der Silvesternacht, wenn man plötzlich Chef ist?

Reto: Wir hatten eine Party im Haus und witzelten, dass wir den Eltern einen Zettel an die Türe hängen mit der Aufschrift: «Arbeitsbeginn 7 Uhr. Eure Chefs».

Wie haben Sie die Arbeit nun aufgeteilt?

Werner: Ich bin froh, dass ich den ganzen Papierkram um die IP-Zertifizierung jetzt Reto überlassen kann. Im Stall bin ich vorläufig noch zuständig. Zusammen mit meiner Frau Rosmarie betreibe ich auch das Lindenhofstübli.
Reto: Yvonne und ich sind die neuen Ansprechpersonen. Meine Frau wird im Sommer ihr Teilzeitpensum als Lehrerin aufgeben. Wir wollen die Direktvermarktung weiter ausbauen. Besonders wichtig ist uns die Beziehungspflege zu unseren Kunden. Hier dürfen wir zum Glück weiterhin auf die Unterstützung meiner Eltern zählen.

Themawechsel: Neuerdings leben auf dem Lindenhof auch zwei Alpakas. Wie kam es dazu?

Reto: Wir waren in Peru auf der Hochzeitreise. Die Alpakas haben es uns angetan. Es sind wunderschöne Tiere und sie sind pflegeleicht – eben unsere neuen Haustiere.

Ende März kam ein Kalb einen Monat zu früh auf die Welt und überlebte mit einem Geburtsgewicht von nur 15 Kilogramm, was sehr aussergewöhnlich ist. Wem ist das zu verdanken?

Reto und Werner: (schauen sich an, lachen und sagen im Chor) Dir.
Werner: Nein, wirklich. Diese Frühgeburt sah nicht überlebensfähig aus und ich wollte schon aufgeben.
Reto: Für solche Notfälle haben wir Kuh-Erstmilch, sogenannte Biestmilch, eingefroren. Ich verlangte, dass wir sie auftauen und das Kalb schöppeln.
Werner: Und ich wollte die wertvolle Milch nicht für ein Kalb verwenden, das nach wenigen Stunden stirbt. Doch ich wurde von meinem Sohn eines Besseren belehrt. Das kleine Tier ist heute quicklebendig. Sogar der Tierarzt staunte.

Wie heisst das Kleine denn?

Reto: Nuga. (an Werner gerichtet) Das weisst du ja noch gar nicht. Wir hatten das gestern beschlossen.
Werner: Also, Nuga. Das Kalb wurde von der Mutter abgewiesen. Die Mutter-Kuh liess sich nicht melken und hat Nuga noch nie geleckt. Reto und ich übernehmen hier eine Art Mutterrolle.
Reto: Nuga ist extrem anhänglich, aber noch immer sehr klein. Wir geben ihm zweimal pro Tag den Schoppen. Dafür kaufen wir extra Milch auf einem Hof in Effingen. Das ist zwar wirtschaftlich gesehen überhaupt nicht rentabel, aber wir haben alle Freude an Nuga. Für Tochter Zoé ist es ein weiteres Haustier und für Hund Nala auch ein Spielpartner.

Schillertage auf dem Lindenhof: Samstag, 4. Mai, von 14 bis 22 Uhr und Sonntag, 5. Mai, von 11 bis 17 Uhr.

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