Brugg
Für diese Betreuerinnen sind die Bewohnerinnen nicht nur Nummern

Susanne Hanusch (45) und Katja Bolt (28) sind Betreuerinnen im Heimgarten. Sie erzählen davon, wie sie den Alltag mit den Frauen erleben und wie sie es schaffen, sich die Schicksale nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.

Janine Müller
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Katja Bolt (l.) und Susanne Hanusch können im Heimgarten die Bewohnerinnen individuell betreuen. Janine Müller

Katja Bolt (l.) und Susanne Hanusch können im Heimgarten die Bewohnerinnen individuell betreuen. Janine Müller

Janine Müller

Im oberen Stock röhrt unerbittlich ein Staubsauger. Susanne Hanusch, 45, Betreuerin im Heimgarten, steigt die Treppe hoch und schaut nach, wie die Bewohnerinnen zurechtkommen beim Putzen. Denn jede Frau, die im Heimgarten wohnt, ist dafür zuständig, dass ihr Zimmer sauber und aufgeräumt ist.

Serie 40 Jahre Heimgarten

Der Heimgarten Brugg bietet Frauen mit psychosozialen Schwierigkeiten Lebens- und/oder Beschäftigungsraum an. Der Heimgarten ist vom Kanton Aargau anerkannt und hat Anspruch auf dessen Mitfinanzierung. Die Trägerschaft ist die Reformierte Landeskirche Aargau. Insgesamt bietet der Heimgarten 36 Wohn-, 20 Beschäftigungs- und 4 geschützte Arbeitsplätze an. Am 15. April feierte er sein 40-jähriges Bestehen. In dieser Serie stellt die az verschiedene Personen und Bereiche der Institution vor. (jam)

Kaum hat Susanne Hanusch den Stock erreicht, wird sie schon belagert. Eine Bewohnerin hat kein Putzmittel mehr und weiss nicht, was sie jetzt tun soll. Rasch hat Susanne Hanusch eine Lösung bereit. «Auch dafür sind wir da», erklärt die Betreuerin. Und genau darum mag sie ihre Arbeit im Heimgarten. Die Vielseitigkeit, das Unerwartete, das Alltägliche.

Eine kurze Zeit lang hat sie in der Psychiatrischen Klinik gearbeitet. Doch ihr fehlte der tiefere Kontakt zu den Patienten. Patienten sollen für sie nicht einfach Namen oder Nummern auf einem Krankenblatt sein. «Hier im Heimgarten ist die Beziehung viel tiefer», sagt Susanne Hanusch.

«Wir als Betreuungspersonen haben Teil am Alltag der Bewohnerinnen und kennen sie deshalb sehr gut.» Dadurch sei auch eine individuellere Betreuung möglich. So ganz anders, als in der Klinik, in der ein ständiges Kommen und Gehen von Patienten herrscht.

Familiär und persönlich

Und so verabreicht Susanne Hanusch heute den Heimgarten-Bewohnerinnen nicht nur Medikamente. Ihre Aufgaben sind vielfältig: Beim Putzen helfen, in Einzelgesprächen die Bewohnerinnen in der Problembewältigung unterstützen, sie auf einem Spaziergang oder zu einem Arzttermin begleiten. «Das macht das Ganze viel familiärer und persönlicher», sagt Susanne Hanusch. Und doch: In all den Jahren haben die administrativen Aufgaben enorm zugenommen. «Die Zeit, die wir dafür aufwenden müssen, geht dann den Bewohnerinnen ab», erklärt Susanne Hanusch. «Das ist schon schade.»

Auch bei ihrer Arbeitskollegin, der 28-jährigen Katja Bolt, gehört Administratives zum Arbeitsalltag. Die junge Frau ist seit August 2014 wieder im Heimgarten tätig und ist jetzt zuständig für die Aussenwohngruppen. Bevor sie Soziale Arbeit in Bern studiert hat, absolvierte sie ein Praktikum im Heimgarten. Umso mehr freute es die ehemalige Drogistin, wieder eine Stelle im Heimgarten antreten zu können.

«Ich schätze es sehr, man weiss nicht, was der nächste Tag bringt und muss kreativ sein können», schwärmt Katja Bolt. Ihr Dienst beginnt oft erst nach dem Mittag, dauert dafür aber bis in die Abendstunden hinein. In den ersten Stunden bewältigt sie die administrativen Arbeiten, macht allenfalls Begleitdienste und ab dem späten Nachmittag besucht sie dann die Wohngruppen.

Da gibt es jeweils kleinere und grössere Probleme zu lösen. «Oft geht es ums Zusammenleben an sich», erzählt sie. «Dies können individuelle Anliegen einzelner Bewohnerinnen sein, oder gruppendynamische Schwierigkeiten, welche besprochen werden müssen.» Es geht dabei ums Putzen oder das Einhalten des Ämtliplans, bei welchem Meinungsverschiedenheiten geklärt werden müssen.

«Es braucht Zeit, sich mit den verschiedenen, individuellen Schicksalen der Bewohnerinnen auseinanderzusetzen», sagt Katja Bolt. Diese seien darum immer wieder Inhalt der Gespräche mit den Betreuerinnen. «Es ist sehr wichtig, individuell auf diese Empfindungen und Wahrnehmungen der Bewohnerinnen einzugehen», ergänzt Katja Bolt. «Nur so kann man einen stimmigen Umgang der Bewohnerinnen mit ihrem Schicksal erarbeiten.» Ein Prozess, der oft lange dauert.

Die Erfahrung hilft im Umgang

Beide Betreuerinnen versuchen, die Schicksale der einzelnen Frauen nicht allzu nahe an sich selbst heranzulassen. «Klar, ich lese jede einzelne Lebensgeschichte durch und mache mir dabei meine Gedanken», sagt Susanne Hanusch. «Aber ich sage mir dann: ‹Die Vergangenheit kann man nicht mehr verändern, aber die Zukunft kann man gestalten›.» Weil sie weiss, dass die Frauen im Heimgarten gut aufgehoben sind, dass sie hier an einem sicheren Ort sind, macht es Susanne Hanusch leichter, die jeweilige Geschichte einer Frau so anzunehmen, wie sie ist.

Doch nicht immer fällt das Abschalten nach der Arbeit einfach. «Mit meinem langen Arbeitsweg schaffe ich mir Distanz zu meiner Arbeit», sagt Katja Bolt. «Sobald ich in den Zug steige, versuche ich, mich auf etwas anderes zu konzentrieren und sage mir: ‹So, jetzt ist Feierabend!›»

Und Susanne Hanusch sagt, dass sie mit dem Zuschlagen der Autotüre die Arbeit bewusst hinter sich lassen kann. Nur selten verfolge sie die Arbeit bis nach Hause.