Wahlen

Früher war sie der «Grüne Sonderling», jetzt kandidiert sie für den Grossen Rat

«Ich behaupte, ich bin die Einzige im Bezirk, die ein recycelbares Wahlplakat hat», sagt Gina Sträuli in ihrem Garten.

«Ich behaupte, ich bin die Einzige im Bezirk, die ein recycelbares Wahlplakat hat», sagt Gina Sträuli in ihrem Garten.

Gina Sträuli, 33, aus Brugg ist Grafikerin, Wirtin und bald Studentin – und kandidiert bei den Grossratswahlen vom 18. Oktober. Als Grüne Politikerin freut sie sich über die Klimabewegung.

Die Jugendlichen erheben ihre Stimme, gehen für das Klima auf die Strasse. Gina Sträuli freut sich über diese Bewegung. «Es ist toll, dass die heutige Generation aus der Lethargie erwacht ist.» Früher, blickt die 33-jährige Bruggerin zurück, sei sie mit ihren Ansichten oft der «Grüne Sonderling» gewesen. «Heute sind viel mehr Verständnis, viel mehr Wissen vorhanden.» Aber nach wie vor, gibt sie zu bedenken, werde Empathie gegenüber Umwelt, Mensch und Tier von vielen als Zeichen von Schwäche gewertet.

Bei den Grossratswahlen vom 18. Oktober tritt Gina Sträuli für die Grünen an, wird auf der Liste an zweiter Position gleich hinter dem Bisherigen Robert Obrist aus Schinznach aufgeführt. Mit einem politischen Amt habe sie schon seit längerer Zeit geliebäugelt, sagt sie beim Gespräch in ihrem Garten an diesem sonnigen, windigen Spätsommertag und nimmt einen Schluck Mineralwasser. Über die Anfrage der Grünen habe sie sich sehr gefreut, eine Kandidatur musste sie sich nicht zweimal überlegen. «Jetzt ist der Zeitpunkt, um aktiv zu werden.»

Grossratskandidatin Gina Sträuli, Grüne Brugg, im Interview.

Grossratskandidatin Gina Sträuli, Grüne Brugg, steht Frage und Antwort.

  

Schon immer bei den Grünen daheim

Gina Sträuli ist in Windisch aufgewachsen – «in einem eher roten Elternhaus». Im benachbarten Brugg hat sie als Jugendliche ihre Freizeit verbracht, hat sich lange ehrenamtlich engagiert im Jugendkulturbereich im Piccadilly sowie als Abteilungsleiterin in der Pfadi. Ihr Interesse an Politik sei früh geweckt worden, sagt sie. Beeinflusst worden sei sie vor allem von ihrem Freundeskreis. «Wir hatten einen sehr offenen und regen Austausch und konnten über Welthemen diskutieren. Das habe ich sehr genossen.»

Bei den Grünen fühle sie sich schon ihr Leben lang daheim, sie sei immer von allen «die Grüne» genannt worden, erinnert sie sich. «Das gehört zu mir, das lebe ich.» Mitglied der Partei ist sie seit rund anderthalb Jahren, als sie ihren Wohnsitz – nach einer Zwischenstation in Aarau – nach Brugg verlegt hat und mit ihrem Mann ein Eigenheim erwerben konnte.

Bis letzten Herbst hatte die gelernte Grafikerin die gastronomische Leitung inne im Kulturhaus Odeon in Brugg, wo sie erfolgreich ein veganes, biologisches und regionales Zmittag lancierte. Nur frisches Gemüse aus der Schweiz wurde für die Speisen verwendet. «Ich könnte überall arbeiten», stellt sie fest. Einzige Bedingung: Sie müsse sich entfalten können, brauche Nährboden für Gestaltungsmöglichkeiten. Sie sei bestrebt, immer Neues zu lernen, fährt sie fort. Im Herbst beginnt sie ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Brugg-Windisch. Sie schwärmt vom modularen System, das ihr als Mutter von zwei kleinen Kindern entgegenkommt. Das ältere besucht neu den Kindergarten.

Anliegen ist Biodiversität im Siedlungsraum

Ein Thema, bei dem sie sich im Grossen Rat einbringen möchte in Zeiten von Wasserknappheit und Insektensterben, ist die Biodiversität im Siedlungsraum. Gina Sträuli blickt sich in ihrem wilden, grünen Garten um, einem etwas versteckten Paradies. «Bei uns sieht man, dass selbst auf einer kleinen Fläche mitten in der Stadt eine hohe biologische Vielfalt möglich ist.» Vielen – Privatpersonen und Gemeinden gleichermassen – sei gar nicht bewusst, wie viel Lebensraum für Insekten zerstört wird durch eine intensive Nutzung, welche Schäden ein Laubbläser anrichten kann. «Hier besteht Handlungs- und Aufklärungsbedarf.»

Mit ihrer Familie versucht Gina Sträuli, den ökologischen Fussabdruck so klein wie möglich zu halten. Das Pariser Klimaabkommen nehme sie sehr ernst, betont sie. Die 2015 beschlossene Vereinbarung will die Begrenzung der Erderwärmung. Gina Sträuli appelliert an die Eigenverantwortung. «Ziel ist es, möglichst unter 5,5 Kilogramm CO2 pro Tag und Person auszustossen. Wie der Einzelne das erreichen kann, wie er sein Leben gestalten will, muss jeder für sich entscheiden.»

Ihr selber ist es wichtig so zu leben, dass nicht andere die Folgen – und allenfalls Schäden – ihres Handelns tragen müssen, denn: «Oft trifft es die Ärmeren.» Sie habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sagt sie und erwähnt den Grundwasserspiegel in Marokko oder Spanien, der massiv gesunken ist – «nur, damit wir im Winter Tomaten und Peperoni auf dem Teller haben. Ein Umdenken würde guttun.»

Als ein konkretes, kleines Beispiel für Eigenverantwortung nennt sie ihr Wahlplakat. Für dieses hat sie eine Alternative gesucht und eine Variante ohne Kunststoff gefunden. «Ich behaupte, ich bin die Einzige im Bezirk, die ein recycelbares Wahlplakat hat.» Drucken lassen hat sie es in Windisch. «Es ist also auch regional hergestellt.» Dass die Eigenverantwortung Grenzen hat, daraus macht Gina Sträuli kein Geheimnis. Zum Aufhängen verwende auch sie Kabelbinder aus Kunststoff. «Ich schaue, was möglich und sinnvoll ist. Alles kann nicht immer perfekt sein.»

Wahlchancen? Kein Thema – dabei sein ist ein Glück

Für ihren Wahlkampf hat sie eine Facebook-Seite eingerichtet. Zudem plant sie, ihren eigenen Garten zu öffnen und einmal einzuladen zu einem Vortrag über Biodiversität, um den direkten Kontakt zu suchen, Fragen zu beantworten. «Der Herbst bietet sich als interessante Jahreszeit an. Wir zeigen, welche Pflanzen stehen gelassen werden können, damit die heimischen Tiere überleben im Winter.»

«Darüber mache ich mir keine Gedanken», antwortet Gina Sträuli postwendend auf die Frage, wie sie ihre Wahlchancen einschätzt. Es sei eine Riesenglück, überhaupt dabei sein zu dürfen. «Ich kann profitieren, habe schon viele spannende Leute kennen gelernt.» Freuen würde sie sich aber selbstverständlich darüber, wenn sie im Kantonsparlament Verantwortung übernehmen, sich aktiv und konstruktiv einbringen könnte, um miteinander Lösungen zu finden für die Welt von morgen. Als eine ihrer Stärken bezeichnet sie ihr vernetztes Denken. «Ich stehe ein für verschiedenste Umweltthemen, die uns alle betreffen und unsere Zukunft prägen werden.»

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