Veltheim
Frosch-Transport im Morgengrauen

Freiwillige retten an der Kantonsstrasse Frösche und Kröten vor dem Überfahrenwerden

Katja Landolt (Text und Fotos)
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Jorge Caruso hebt die Tiere aus der Falle.

Jorge Caruso hebt die Tiere aus der Falle.

Reglos klebt der Grasfrosch an der Kesselwand. Sie ist zu hoch; seine Sprungkraft reicht nicht aus, um über den Rand zu hüpfen. Jorge Caruso schiebt einen Finger unter den Körper. Kaum hebt er ihn hoch, wittert der Frosch Morgenluft und versucht strampelnd sich zu befreien. Dass ihm in dieser Freiheit der Tod droht, kann er nicht ahnen.

Gefährlich ist es hier, an der Wildeggstrasse zwischen Veltheim und Auenstein – nicht nur für Frösche und Kröten, sondern auch für Jorge Caruso und die anderen Freiwilligen, die die Tiere über die Strasse bringen. Der Streifen zwischen Strasse und Stacheldrahtzaun ist dünn, der Wind der vorbeifahrenden Autos zerrt an den Jacken. Ein falscher Schritt; und es könnte böse enden.

Endstation Kesselboden

Es ist Donnerstagmorgen, der Tag der allerersten Frosch-Einsammelaktion zwischen Veltheim und Auenstein. Denn dieses Jahr hat der Kanton hier erstmals eine Froschbarriere aufgestellt, ein rund 30 Zentrimeter hohes Plastikband. Alle paar Meter wurde ein Kessel eingegraben, insgesamt zehn Stück. Auf der Suche nach einem Durchgang plumpsen die Frösche nachts in die Kessel hinein. Und die müssen jeden Morgen geleert werden. Dafür hat Silvia Urech vom Verein Natur und Landschaft Schenkenbergertal Freiwillige gesucht – und gefunden. Drei von ihnen haben heute Einführung: Iris Spühler achtet auf den Verkehr, Jutta Hottinger hält den Transportkessel und Jorge Caruso pflückt die Amphibien aus den Fallen. Silvia Urech führt Buch. Ein kurzer Blick in den Kessel, ein rasches Zählen. Zum Ende der Aktion muss sie dem Kanton eine Tabelle abgeben, in der die Zahl der geretteten Tiere eingetragen sind. Doch wie unterscheidet sie die Tiere? Bräunlich sind sie alle, und auch ähnlich gross. Ganz einfach: «Frösche sind glatt, Kröten warzig.» Heute sind es 54 Kröten, 11 Grasfrösche und ein Molch.

Ein Sprung in Sicherheit

Insgesamt 66 Tiere an nur einem Morgen. 66 Tiere, die sonst auf der Suche nach ihrem Laichgewässer über die Strasse und direkt ins Verderben gehüpft wären. «In den letzten Jahren war die Strasse jeweils gepflastert mit toten und halb lebendigen Tieren», erinnert sich Jutta Hottinger. Die anderen nicken. «Ich helfe freiwillig als ‹Frosch-Helfer› mit, weil es für mich ein Gräuel ist, mit dem Auto an den flachen Fröschen vorbei- zufahren», sagt Jorge Caruso. Und gerade jetzt, da in Wildegg die Baustelle den ganzen Verkehr lahmlegt, herrsche auf dieser Strasse besonders viel Betrieb. Baustelle umfahren, Frösche überfahren – hätte nicht Silvia Urech letztes Jahr die Initiative ergriffen und beim Kanton nach einer Froschbarriere gefragt.

Jorge Caruso trägt den roten Kessel über das Feld zum Laichgewässer. Drinnen hocken die Frösche und Kröten, die Männchen auf den Weibchen. Am Wasser kippt er den Kessel; die Frösche springen ins Gras, ein paar Kröten purzeln hinterher. Zwei Kröten aber bleiben am Kesselrand kleben, Caruso muss klopfen und schütteln, damit auch sie sich auf den Weg in die sichere Freiheit machen. Dann hocken sie starr im welken Gras, fast unsichtbar. Wenn man nicht wüsste, dass sie hier hocken, würde man wohl draufstehen. Jorge Caruso geht mit grossen Schritten zurück zur Strasse.