Thalheim/Schinznach

Freiwilligenarbeit ist ihr Lebensinhalt – auch nach der Pension will sie nicht aufhören

Emmi Wernli ist mit sich im Reinen: «Ich bin eine zufriedene Natur.»LH

Emmi Wernli ist mit sich im Reinen: «Ich bin eine zufriedene Natur.»LH

Emmi Wernli lebt für die Freiwilligenarbeit. Obwohl sie es in ihrem Leben nicht einfach hatte, will sie nicht jammern.

Es ist schön schattig und angenehm kühl unter der Pergola hinter dem Alters- und Pflegeheim Schenkenbergertal in Schinznach. Leise hört man im Hintergrund die Hühner des Altersheims gackern. Emmi Wernli sitzt auf der Bank unter der Pergola, neben sich ihre Stöcke. Sie koordiniert als Gerontologin die Freiwilligenarbeit des Altersheims. «Ich bin eine zufriedene Natur», sagt die 63-Jährige. Und das, obwohl es in Emmi Wernlis Leben nicht immer rund lief. Doch sie will auf keinen Fall ein «Jommeri» sein.

Emmi Wernli kommt im luzernischen Rickenbach nahe der aargauischen Grenze zur Welt. Sie wächst mit neun Geschwistern auf. Als sie neun Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Die Mutter sucht daraufhin per Annonce einen neuen Ehemann und Vater für die Kinder. «Sonst wären wir verteilt worden», sagt Emmi Wernli. Ein Mann vom Bözberg meldet sich, er ist ebenfalls Witwer und hat acht Kinder. Wernli zieht mit ihrer Mutter und den noch nicht ausgeflogenen Geschwistern zum Stiefvater in den Aargau. Sie habe von Anfang an gewusst, dass sie ihren Teil dazu beitragen musste, damit es innerhalb der Familie funktioniere, sagt Wernli.

Sie lebt für die Familie

Die Ehe ihrer Mutter ist eine Vernunftehe, «aber eine gute». Ihr Stiefvater hat einen Bauernhof, die Kinder müssen tatkräftig mitanpacken. «Mein Stiefvater war ein sehr lieber Mann», sagt Wernli. Auch mit ihren Stiefgeschwistern versteht sie sich gut. Neun Jahren später, Emmi Wernli ist damals 19-jährig, stirbt der Stiefvater, die Mutter ist erneut Witwe. Der jüngste Sohn ist dannzumal in der Lehre, Emmi Wernli schon erwachsen.

Wernli bleibt auf dem Bözberg und macht eine Lehre bei der Post. Eigentlich will sie Krankenschwester werden, doch dafür ist ihre gesundheitliche Verfassung zu schlecht. Schon als Kind ist sie kränklich, verbringt etwa nach einem Sturz vom Heuboden ins Tenn viel Zeit im Spital.

Bei einem Theaterstück lernt sie ihren Mann Willi kennen. Sie heiraten 23-jährig und wohnen gemeinsam auf seinem elterlichen Bauernhof in Thalheim. «Für mich war immer klar, dass ich Familie wollte», sagt Wernli. Gemeinsam hat das Ehepaar Wernli eine Tochter und zwei Söhne. Alle leben in der näheren Umgebung, die Familie trifft sich viel. Das ist Emmi Wernli sehr wichtig. «Ich bin ein totaler Familienmensch.»

Auf dem elterlichen Hof ihres Mannes lebten bis zu deren Tod auch noch seine Eltern. Den Schwiegervater betreute Emmi Wernli bis zu seinem Tod zu Hause. Heute lebt ihr älterer Sohn ebenfalls auf dem Hof. «Wir sind jetzt die ältere Generation», sagt Wernli lachend. Sie liebt es, für ihre Familie den Sonntagszopf zu backen und ihre vier Enkelkinder zu hüten.

Rückschläge und Neustarts

Emmi Wernli wird ihre Kränklichkeit nicht los. Sie erkrankt mehrmals schwer. Trotz der Dramatik will sie nicht jammern. «Ich habe nie gehadert», so Wernli. Sie habe Glück gehabt, habe die Erkrankungen immer früh bemerkt.

Als ihre Kinder flügge werden, sieht sie sich nach einer neuen Herausforderung um. «Ich habe einen Sinn gebraucht, ich musste wissen, warum ich noch hier bin.» Diesen Sinn findet Emmi Wernli in der Freiwilligenarbeit. Schon von Anfang an engagiert sie sich ehrenamtlich im Alters- und Pflegeheim Schenkenbergertal, jetzt intensiviert sie dieses Engagement. Sie absolviert eine Ausbildung zur Gerontologin und ist seit 2011 festangestellt. Kurz nach ihrer Festanstellung muss Emmi Wernli einen erneuten Rückschlag hinnehmen. Sie stürzt am Arbeitsplatz und bricht sich den Oberschenkel. Diese Verletzung heilt nicht mehr richtig, Emmi Wernli landet sogar im Rollstuhl. Ihre Welt ändert sich. Das Haus in Thalheim wird rollstuhlgängig umgebaut, ihr Mann muss im Haushalt anpacken. Vor einem Jahr ist sie wieder so genesen, dass sie an Stöcken laufen kann. Ohne diese wird es aber vermutlich nie mehr gehen. Aber auch hier will Emmi Wernli nicht jammern. «Ich bin eine zufriedene Natur», wiederholt sie.

Bald wird Emmi Wernli pensioniert. Sie will sich auch in Zukunft für die Freiwilligenarbeit im Altersheim einsetzen. Bereits hat sie für die Bewohner ein Rollstuhlvelo organisiert und Schulklassen ins Altersheim gebracht. Ihr Ziel ist es, den Generationenaustausch weiter zu fördern. Schon heute helfen Schüler im Café/Restaurant «la vida» des Alters- und Pflegeheims Schenkenbergertal mit, auch ihr 15-jähriger Enkel Gian. Darüber hinaus will sie sich der Sterbebegleitung auf privater Ebene widmen und die Nachbarschaftshilfe wieder populär machen. Emmi Wernli ist überzeugt, dass aktive Nachbarschaftshilfe ein gutes Rezept für den Staat ist, um Geld zu sparen.

Kann Emmi Wernli sich vorstellen, selbst einmal ins Altersheim zu ziehen? «Wenn es nicht anders geht, ziehe ich ins Altersheim», sagt sie. Lieber würde sie aber bis ins hohe Alter zu Hause sein. Denn: «Niemand geht freiwillig ins Altersheim.»

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