Unterwegs auf der Römerstrasse

Schwertkampf, Kollektivstrafe, Kochkünste: Aargauerin stählt sich im Legionslager für eine lange Reise

AZ-Redaktorin Janine Müller wanderte entlang der Römerstrasse Aare-Neckar von Windisch nach Rottweil (D). Im ersten Teil der fünfteiligen Serie absolviert sie zuerst die Grundausbildung im Legionslager Vindonissa.

Ehrfürchtig betrachte ich das schwarze Stück Leder, das in meinen mit weissen Handschuhen überzogenen Händen liegt. Vor gut 2000 Jahren dürfte ein römischer Legionär mit diesem Stück Leder an den Füssen in Vindonissa, der heutigen Region Brugg-Windisch, herumgelaufen sein. Von den Riemen der römischen Sandalen ist nichts mehr übriggeblieben, dafür sind die Nägel, die von unten in die Sohle geschlagen wurden, noch gut sichtbar.

Zu betrachten sind solche römischen Fundstücke im Vindonissa Museum in Brugg. Rahel Göldi, Leiterin des Römerlager Vindonissa, begleitet mich durch die Ausstellung, frischt mein längst vergessenes Schulwissen über die Römer wieder auf. Es ist eine kurze Vorbereitung auf das, was mich danach erwartet. Ich habe mich nämlich freiwillig zum Legionärsdienst gemeldet.

Im Legionärspfad Vindonissa in Windisch, genau da, wo die 13., 21. und 11. Legion mit je 5000 bis 6000 Mann lebte, trete ich meinen Legionärsdienst an, zusammen mit 16 Teenagern einer Schulklasse. Das Programm mit Übernachtung ist ein Angebot des Römerlager Vindonissa von Museum Aargau und eignet sich besonders für Schulklassen und Familien. In einer Art Rollenspiel schlüpfen wir für ein paar Stunden in die Rolle eines römischen Legionärs und reisen so zurück in die Zeit von Vindonissa, dem einzigen Legionslager in der Schweiz.

Die 3D-Rekonstruktion zeigt, wie das römische Legionslager Vindonissa eingebettet war in die Topografie der heutigen Region Brugg/Windisch. Bild: zvg/ikonaut

Die 3D-Rekonstruktion zeigt, wie das römische Legionslager Vindonissa eingebettet war in die Topografie der heutigen Region Brugg/Windisch. Bild: zvg/ikonaut

Das Leben im Römerlager: marschieren, exerzieren, kochen

Mein Ausbildner in diesem Rollenspiel ist Marcus Tullius Invictus, seines Zeichens Optio, Stellvertreter des Centurio. Dass er von nun an der "Chef" ist, macht er mit der nötigen Portion Schalk gleich von Beginn weg klar. Mit bordeauxroter Tunika, Kettenhemd, Helm und «Pilum» (Speer) baut er sich vor uns auf, die nackten Füsse stecken in Ledersandalen. Er bläst in seine Tuba. «Antreten!», brüllt Marcus Tullius Invictus. Wir positionieren uns in einer Reihe vor unseren Contubernia (Unterkünfte für Legionäre), lauschen gebannt seinen Ausführungen. «Silentium! Ruhe!», herrscht er uns an. Die paar plaudernden Teenager verstummen. Doch zu spät. Marcus Tullius Invictus verlangt absoluten Gehorsam. Schwatzen, während er etwas erklärt, liegt nicht drin. Und so folgt die erste, damals für die Legionäre übliche Kollektivstrafe. Zehn Liegestützen muss jeder von uns machen.

Gar kein Zuckerschlecken: Redaktorin Janine Müller versucht das Römerleben in Vindonissa

Gar kein Zuckerschlecken: Redaktorin Janine Müller versucht das Römerleben in Vindonissa

Anschliessend werden wir eingekleidet. Jeder erhält eine weisse Tunika, die er mit einer Kordel um den Bauch befestigt. Keinesfalls darf das Gewand bis über die Knie reichen. Anständig sollen wir uns kleiden, verlangt der Ausbildner. Wer will, darf sich ein Kettenhemd überziehen. 10 Kilogramm wiegt es, dazu kommt der Schild. Immerhin ist dieser nicht so schwer wie das 15 Kilogramm schwere Original. Weiter fassen wir ein Pilum, das in unserem Fall natürlich nur ein Stab ist, der aus Sicherheitsgründen vorne mit Schaumgummi umwickelt ist.

Dann müssen wir uns in einer Zweierreihe aufstellen. Wir lernen das Marschieren, auf den Befehl «Laevum!» machen wir mit dem linken Fuss einen Schritt nach vorne, der Abstand zur vorderen Person beträgt eine Armlänge Abstand. «Laevum!», «Laevum!» tönt es bald aus unseren Kehlen. Das Marschieren haben wir bald im Griff, die Reihe aber gleicht eher einem sich schlängelnden Wurm als einer geraden Linie, wie sie Marcus Tullius Invictus verlangt. Für einmal aber ist er nachsichtig. Schon nach wenigen Minuten exerzieren rinnt der Schweiss unter dem Gewicht des Kettenhemds.

Vindonissa: Interview Marcus Tullius Invictus

«Therme, Taverne, Frauen»: Marcus Tullius Invictus über das Römerleben, seine Ausrüstung und Karrierepläne.

 

Wasser schleppen, Gemüse rüsten, Getreide mahlen

Später müssen wir uns ums Nachtessen kümmern. Eine Gruppe schleppt das Wasser heran, eine andere kümmert sich ums Schneiden von Gemüse für den Getreideeintopf, «Puls» genannt. Wiederum andere mahlen Getreide, um Mehl zu gewinnen für die «panis militaris» (Römisches Soldatenbrot), die es am nächsten Morgen zum Zmorge gibt. Bis der Mühlestein in Schwung kommt, braucht es einiges an Kraft. Mir scheint, dass in der Antike einfach alles schwerer, langsamer und mühsamer war.

Inzwischen ist die «Puls» fertig gekocht auf dem offenen Feuer. In unserem Fall besteht der Eintopf aus Ebly, Rüebli, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Gewürzt wird er mit etwas Pfeffer und Salz. Hungrig stürzen wir uns auf das warme Essen. Dazu gibt’s Landjäger, Käse und zum Dessert Apfelschnitze. Wer will, kann sein Essen mit römischer Fischsauce aus der Amphore würzen oder sich einen Schluck vom Legionärsgetränk «Posca» (verdünnten Apfelwein) genehmigen. Hinter den Contubernia versinkt langsam die Sonne, gestärkt sind wir bereit für den nächsten Teil des römischen Rollenspiels: den Umgang mit Schwert und Schild.

Wurf des Pilum (Speer)

Wurf des Pilum (Speer)

Wir üben uns im Schwertkampf, bilden mit den Schilden Formationen, werfen unsere Pila und sprinten über den Ausbildungsplatz. Bald schmerzt mein linker Arm vom Halten des Schildes. Es dauert nicht lange, bis ich von meinem Gegenüber im Schwertkampf besiegt werde. Zu behäbig und unbeholfen bewege ich mich in der ungewohnten Ausrüstung.

Zurück bei den Mannschaftsunterkünften setzen wir uns erschöpft ums Lagerfeuer. Marcus Tullius Invictus öffnet eine Schriftrolle und erzählt uns aus der griechisch-römischen Mythologie. Es ist die Geschichte von Hades, dem Gott der Unterwelt, und Persephone, der Tochter der Göttin Demeter. Anschliessend beten wir zu Jupiter, dem ältesten und höchsten römischen Gott. Ich werfe noch ein paar Körner Weihrauch in die Flammen und bete zu Merkur, dem Gott der Reisenden, Händler und Diebe, um ihn um eine gute Reise zu bitten. Im Contubernium kuschle ich mich in meinen neuzeitlichen Schlafsack und suche mir eine bequeme Kuhle in der Strohmatratze. Bald legt sich Stille über das Lager, mir fallen die Augen zu.

Gymnastik und Soldatenbrot zum Zmorge

Am nächsten Morgen, zur zweiten Stunde des Tages um 7 Uhr, werden wir durch die Tuba von Marcus Tullius Invictus geweckt. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Klosterkirche in sanftes Licht, Mauersegler  kreisen in der Luft auf der Suche nach Nahrung. Unser Ausbildner animiert uns zu Morgengymnastik. Langsam werden meine steifen Muskeln wieder geschmeidig, blaue Flecken zeugen vom Kampftraining am Abend zuvor. Zum Zmorge gibt’s die «panis militaris», dazu Haselnüsse, Dörräpfel, Honig und Milch. Dann werden wir aus unserem Militärdienst entlassen, der für normale Legionäre 25 Jahre dauerte.

Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf den Weg von Vindonissa nach Tenedo (Bad Zurzach). So folge ich der Römerstrasse, auf der bereits die Legio XI Claudia Pia Fidelis - die letzte Legion, die in Vindonissa stationiert war – marschierte, weil sich die Grenze des Römischen Reichs mehr nach Norden verschob. Die Legion wurde im Jahr 101 n. Chr. an die Donau verlegt. In meinem Kopf hallen während des Wanderns die «Laevum!»-Rufe und das Rasseln des Kettenhemds nach. Und zum ersten Mal auf dieser Reise bin ich froh, dass ich in modernen Wanderschuhen den Weg unter die Füsse nehmen darf und die Strecke nach Arae Flaviae (Rottweil) nicht in ledernen Römersandalen absolvieren muss.

Die Strecke:

Die Strecke:

Hinweis

Der Aufenthalt im Römerlager Vindonissa (Vindonissa Museum und Legionärspfad Vindonissa) wurde von Museum Aargau gesponsert.

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