Es gibt einen Moment im emotionsgeladenen Gesamtkunstwerk «Bolero. Tanz der Feuertaube», der die Seele ganz besonders berührt. Flamencotänzer Eloy Aguilar ist alleine auf der Bühne, vor dem zweitgeteilten Gemälde von Maja Hürst mit den wie zum Gebet gefalteten Händen. Dann öffnet sich das 19 Meter hohe Mural und gibt den Blick frei auf die geschlossene Kirchentür mit dem zentnerschweren Querbalken. Aguilar steht einsam vor dem scheinbar unüberbrückbaren Hindernis. Er wirkt klein und verletzlich im riesigen Kirchenschiff. Doch dann stampft er auf, und jeder Schritt hallt nach. Immer schneller wird das Staccato seiner Füsse, bis hin zur Ekstase.

Choreografin Brigitta Luisa Merki hat für diese Szene extra einen Flamenco gewählt. Denn mit seinen exakten Schrittfolgen, die immer wieder durchbrochen werden, symbolisiert er wie kein anderer Tanz den Puls des Lebens. Er ist Sinnbild für die Suche nach einem ureigenen Rhythmus – wider alle Hürden und Selbstzweifeln. Auch Nonne Silja Walter, deren Texte Merki für die fünfte Produktion von «tanz & kunst königsfelden inspirierten, quälten trotz des radikalen Wegs, den sie gewählt hatte, immer wieder Zweifel.

Die Einsamkeit ist für Eloy Aguilar, der seit 2004 Mitglied von Flamencos en route ist, auch als Privatmensch ein vertrautes Gefühl. Der Spanier hat sein Leben dem Tanz verschrieben. «Mein Beruf verlangt völlige Hingabe. Alles andere kommt an zweiter Stelle», sagt er und strahlt gleichzeitig. Sein Hauptwohnsitz befindet sich in Madrid. Aber der 42-Jährige ist seit dem 18. Lebensjahr ständig auf Tournee. Und immer dort zu Hause, wo die Compagnie, für die er engagiert ist, gerade Halt macht. Eine eigene Familie hat er nicht. «Ich vermisse nichts und komme sehr gut mit mir alleine zurecht», sinniert der Flamenco-Virtuose und streicht sich über den Bart, den erste feine Silberfäden durchziehen.

Die Wahl zwischen Bank und Tanz

Warum hat Merki Eloy schon das vierte Mal einen Part in der Reihe «tanz & kunst königsfelden» gegeben? «Weil er sowohl ausdrucksstark als auch technisch brillant ist», meint sie. Und fügt hinzu: «Bei aufwendigen Grossproduktionen wie jetzt ‹Bolero. Tanz der Feuertaube› braucht es Leute, die sich gut ins Projekt einfügen können und trotzdem eine eigenständige Persönlichkeit haben. Einen wie Eloy eben.» Wer hätte gedacht, dass dieser einmal unsicher war, ob er sich zum Banker ausbilden oder alles auf die Karte Tanz setzen sollte? «Meine Eltern waren anfänglich nicht sehr erfreut, dass ich mich für die Bühnenkunst entschied», gesteht er.

Trotzdem folgte er seiner inneren Bestimmung, machte das Diplom an der Escuela de Danza Españiola von Maite Galán in seiner Geburtsstadt Granada und tanzte dank seines überragenden Talents bald in den namhaftesten Compagnien mit. «Ich hätte meine Karriere weiterführen und durch die vielen andalusischen Flamenco-Keller in meiner Heimat touren können. Aber das genügte mir nicht», erzählt Eloy Aguilar. Er zog um nach Madrid und absolvierte ein Tanzstudium an der Universidad Rey Juan Carlos. Danach standen ihm viele Türen offen. Seit Februar 2017 lebt und probt er in Baden. Aguilar bespielte schon viele Bühnen auf der ganzen Welt. Doch die Klosterkirche Königsfelden ist der spektakulärste Auftrittsort, den er kennt: «Alles in diesen sakralen Räumen ist speziell und gewaltig: auch die Emotionen, die sich beim Tanzen von mir aufs Publikum übertragen.»

Brigitta Luisa Merki.

Brigitta Luisa Merki.