Brugg

Filmemacher im Hospiz: «Die Unglücklichen hadern mit Schicksal bis zuletzt»

Heikko Böhm (46) hat Theater, Film und Fernsehwissenschaften studiert. Beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF arbeitet er seit zwei Jahren als Redaktor im Bereich Volkskultur.

Im Hospiz Aargau in Brugg verbringen unheilbar Kranke ihren letzten Lebensabschnitt. Freiwillige Sterbebegleiter stehen regelmässig im Einsatz. (Archiv)

Heikko Böhm (46) hat Theater, Film und Fernsehwissenschaften studiert. Beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF arbeitet er seit zwei Jahren als Redaktor im Bereich Volkskultur.

Das Schweizer Fernsehen hat einem freiwilligen Sterbebegleiter im Hospiz Aargau über die Schultern geschaut. Filmemacher Heikko Böhm sagt, welche Herausforderungen es zu meistern gab und was ihn am meisten überrascht hat.

Für einige gehört er zum Alltag und die anderen verdrängen ihn, bis sie früher oder später trotzdem mit ihm konfrontiert werden: der Tod. SRF-Redaktor Heikko Böhm hat Stefan Jäggis Alltag als ehrenamtlicher Sterbebegleiter im Hospiz Aargau für eine «Reporter»-Sendung dokumentiert. Im Interview sagt der Filmemacher, wie die Dreharbeiten verliefen und was ihn dabei am meisten überrascht hat.

Herr Böhm, was motivierte Sie, einen Film im Hospiz Aargau zu realisieren?

Heikko Böhm: Ich wollte eine Alternative zu Dignitas und Exit aufzeigen. In meiner Familie in den Niederlanden wurde ich persönlich mit dem Thema der aktiven Sterbehilfe konfrontiert.

Wie gingen Sie dieses Projekt an?

Das Projekt beschäftigte mich über ein Jahr. Angefangen hatte es mit einem Zeitungsartikel über eine Sterbebegleiterin. Ich machte mich auf die Suche nach einer geeigneten Person, die ich bei dieser heiklen Arbeit begleiten kann. Das war nicht einfach, denn Sterbebegleiter sind meistens sehr zurückhaltend.

Wie haben Sie den Freiwilligen Stefan Jäggi gefunden?

Der Hospizverein hatte offene Ohren für mein Anliegen und präsentierte mir einige Sterbebegleiter. Stefan Jäggi fand ich spannend, weil er ein Mann ist und mitten im Leben steht.

Haben Sie sich auf Anhieb verstanden?

Wir mussten eine Vertrauensbasis schaffen. Im letzten Mai begleitete ich Stefan Jäggi zuerst einen Tag lang wie ein Praktikant. Es folgte ein zweiter Tag, an dem ich meine Kamera mitnahm. Danach war klar, dass wir den Film gemeinsam realisieren können.

Welche Herausforderungen gab es zu meistern?

Mit allen Patienten fanden Vorgespräche statt. Sie schienen die Abwechslung zu schätzen und waren froh, dass sich jemand für sie interessierte. Schwieriger war es manchmal, das Einverständnis der Angehörigen zu bekommen. Sie wollten genau wissen, was mit den Bildern passiert. Das Vertrauen musste ich mir regelrecht erarbeiten.

In welchem Zeitraum entstand der Film?

Die eigentlichen Dreharbeiten fanden zwischen September und November 2014 statt.

Haben Sie immer im Hospiz gefilmt?

Nein, einmal war ich auch bei einem ambulanten Einsatz dabei. Das war besonders schwierig, weil es sehr persönlich war.

Was hat Sie bei den Filmarbeiten am meisten überrascht?

Ich habe gelernt, dass die Art und Weise, wie sich die Leute auf den Tod vorbereiten, viel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Die Zufriedenen akzeptieren tapfer das Unvermeidliche und streben nach einem guten Ende. Die Unglücklichen hadern bitter bis zum Schluss mit ihrem Schicksal. Das habe ich in dieser Klarheit nicht erwartet.

Welche Rolle spielte die Krebsdiagnose von Stefan Jäggi?

Sie war auch ein Grund, dass ich mich für ihn entschied. Krebs wurde bei ihm vor zehn Jahren diagnostiziert. In der Zwischenzeit gilt er als geheilt. Er hat sich durch diese Krankheit auch intensiv mit dem eigenen Tod auseinandergesetzt.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihren letzten Lebensabschnitt in einem Hospiz zu verbringen?

Ich wüsste heute nicht, welchen Weg ich wählen würde. Das kommt auf die Umstände an. Sterben ist etwas sehr Persönliches. Im Gegensatz zum Hospiz ist die aktive Sterbehilfe eine schnelle Lösung, aber nicht in jedem Fall die beste.

Ist es Ihnen gelungen, einen Gegenpol zur aktiven Sterbebegleitung zu schaffen?

Ich will nicht ein Plädoyer fürs Hospiz abgeben, sondern einfach eine mögliche Alternative aufzeigen. Mit dem Film bin ich zufrieden.

Welche Reaktionen erwarten Sie auf den Film?

Als Echo erhoffe ich mir, dass das Hospiz bekannter wird und eine grössere Plattform bekommt. Das Geld ist immer knapp. Aus meiner Sicht braucht es Politiker, die bereit und motiviert sind, diese Institution sowie die Palliative Care aktiv zu unterstützen.

Reporter «Der Sterbebegleiter» Sonntag, 29. März, um 21.40 Uhr auf SRF 1.

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