Brugg
Film «Der Gegenwart»: Die Spurensuche nach dem Alles-Schaffer aus Brugg

Mit dem Film «Der Gegenwart» erinnert das Cinema Odeon an den Brugger Ausnahmekünstler Carlo E. Lischetti, den seine Tochter Wortpoet und Lebensphilosoph nennt. Er hatte etwa so verrückte Dinge getan wie ein Häufchen Kaviar explodieren zu lassen.

Elisabeth Feller
Drucken
Teilen
Der Vater, Carlo Edoardo Lischetti, in Bern: «Dort kennen ihn fast alle», sagt seine Tochter Nora. ZVG

Der Vater, Carlo Edoardo Lischetti, in Bern: «Dort kennen ihn fast alle», sagt seine Tochter Nora. ZVG

Der Gegenwart. Da zuckt das grammatikalische Gewissen, das in einem schlummert, zusammen. «Das stimmt nicht. Es heisst: Die Gegenwart.» Das Gewissen hat recht – aber auch unrecht, zumindest im Hinblick auf Carlo Edoardo Lischetti, dem Alles-Schaffer, der Skulpturen, Bilder, Filme, Texte und Wortspiele kreierte (siehe Box). Ein Beispiel gefällig?

«Strengen denkt an»

Carlo E. Lischetti

Also nicht wie gewohnt: «Denken strengt an». Weshalb sollte da nicht anstatt «Die» eben «Der Gegenwart» Platz haben, zumal Lischetti am laufenden Band neue Berufe oder Berufungen wie eben den Gegenwart erfand. Wer war dieser Carlo E. Lischetti, der 1946 in Brugg zur Welt kam und 2005 in Bern, seinem langjährigen Lebensort, Suizid beging?

Carlo Edoardo LischettI: die Lebensstationen des Bruggers

Geboren wurde Carlo Edoardo Lischetti 1946 als Sohn einer Schweizerin und eines in der Schweiz geborenen Italieners in Brugg. Nach der Dekorateurlehre in Zürich zog er nach Bern, wo er ab 1966 mit kurzen Unterbrechungen lebte. Er ist unter anderem der Erfinder des immerwährenden Kalenders, der nur aus einem Blatt («Heute») besteht.

Auch mit «Gegenwart» gab er seine Tätigkeit bisweilen an: «Die Vergangenheit kann uns einholen, die Zukunft kann uns abholen, der Gegenwart putzt nach allen Seiten.» 1971 kandidierte Lischetti unter anderen mit Polo Hofer auf der Liste 9 «Härdlütli» für die Berner Stadtratswahlen und wurde gewählt. Zu Lischettis bekannten Werken zählt ein Brunnen in der Postgasse in Bern, auf dem jede und jeder Brunnenfigur sein kann. Lischetti eröffnete das Werk, indem er in Ritterrüstung hinaufstieg und sich auszog. Er nannte das «Abrüstung». Im Volksmund heisst der Postgassbrunnen seither «Lischetti-Brunnen». Er wird auch «Speakers Corner von Bern» genannt. Am Bärengraben in Bern gab es mit den tanzenden Strassenwischern ein Parallel-Kunstwerk. Dieses wollte Lischetti einmal im Jahr anstelle des Bären platzieren. Er wollte so die anonymen Strassenwischer ehren, die speziell während des Zibelemärits für saubere Strassen sorgen. 1996 erhielt Carlo E. Lischetti den Stadtberner Kunstpreis. (AZ)

Die jungen Regisseure Bernhard Nick und Stephan Ribi gingen zusammen mit den Lischetti-Kindern Nora (1984) und Dario (1986) auf Spurensuche: Sie lassen Freunde und Weggefährten wie den Autor und Schauspieler Max Rüdlinger, den Musiker Polo Hofer sowie den Journalisten und Satiriker Heinz Däpp zu Wort kommen; sie erinnern an eine Kunstströmung und eine politische Aufbruchstimmung und sie machen eine Familien- zur Zeitgeschichte – bis die Mosaiksteinchen zum Dokumentarfilm «Der Gegenwart» werden.

Fängt dieser alle Facetten von Carlo E. Lischetti ein? «Das kann er gar nicht, weil er zu kurz ist, um das Werk meines Vaters ganz zu erfassen», sagt seine Tochter Nora. «Mein Vater hatte ja derart viele Facetten. Ich habe diese vor allem als Kind nicht verstanden. Mir war in jungen Jahren auch nie ganz klar, welchen Beruf mein Vater überhaupt ausübt; er war ein Lebensphilosoph und Wortpoet. Mein Vater sagte nicht umsonst einmal: ‹Ich bin mein Beruf›.»

«Es stimmt fast nie alles ganz»

Carlo E. Lischetti

Das Berndeutsch von Nora Lischetti hört sich warm an. Die letzten Jahre ihres Vaters, erzählt sie, seien für sie und ihren Bruder Dario sehr schwierig gewesen. «Die Trauer frass ihn auf, dabei war er doch sonst so kreativ. Dario und ich haben ihn in den letzten zwei Jahren seines Lebens verloren. Dass wir diese Zeit dank dem Film wieder hervorholen können, das ist . . .»

Nora Lischetti vollendet den Satz nicht, doch man ahnt, dass am Ende des Satzes das Wort «Geschenk» stehen könnte. Eines, das seinen kostbaren Charakter vor allem aus dem Umstand nährt, dass im Film bemerkenswertes Archivmaterial integriert ist.

So lässt Carlo E. Lischetti etwa vor laufender Kamera ein Häufchen Kaviar explodieren – eine Aktion, die manchen verrückt vorkommen mag. Ihren Vater in diesem Film zu sehen, das ist für Tochter Nora jedenfalls «eine Wiederbegegnung und Neuentdeckung – ich hatte ihn früher wohl zu wenig verstanden».

«Selbstsicherheit ist grober Unfug»
Carlo E. Lischetti

Was empfindet die Tochter, wenn sie nicht allein ihren Vater, sondern auch sich und ihren Bruder auf der Leinwand sieht? Geben die Geschwister nicht vieles von sich selbst preis? Die junge Frau verstummt kurz, denkt nach. «Nein. Meinem Bruder Dario und mir war das ganze Filmteam sehr sympathisch. Uns war nie bewusst, dass das, was gefilmt wurde, später einmal auf die Leinwand kommen würde.»

Kein Wunder, schätzt Nora Lischetti den Film «Der Gegenwart» als intimes, familiäres Werk, für das nicht nur in Bern, sondern auch in der Brugger Altstadt, an der Hauptstrasse, gedreht wurde. «Der Vater hat dort ja seine Kindheit erlebt.» Zu sehen sind diese Szenen im Film jedoch nicht.

«Das Leben ist lustiger als gewöhnlich»,
Carlo E. Lischetti

Wird der Film nun im Brugger Odeon gezeigt, ist Nora Lischetti gespannt auf die Reaktionen. In Bern, wo fast jeder ihren Vater kenne, habe es ausgesprochen positive Echos auf «Der Gegenwart» gegeben. Apropos: Hat sie etwas vom Vater mitbekommen? «Nein», winkt die Tochter sanft an. «Ich bin gar nicht besonders kunstinteressiert. Ich bin Juristin, wie meine Mutter.»

«Der Gegenwart» Kino Odeon, Brugg. Fr, 11. April, 18 Uhr; Mo, 14. April, 18 Uhr in Anwesenheit von Nora Lischetti.

Aktuelle Nachrichten