Brugg-Windisch

FHNW-Podium: Warum ist Töten von Menschen selbstverständlich?

Undatierte Höhlenmalerei in Südafrika: 95 Prozent der Menschheitsgeschichte war der Homo Sapiens Jäger.

Undatierte Höhlenmalerei in Südafrika: 95 Prozent der Menschheitsgeschichte war der Homo Sapiens Jäger.

Professor Peter von Matt ging am Podium Interface an der FHNW in Brugg-Windisch der Frage nach, warum das Töten von Menschen nicht allgemein geächtet wird. Er ortete Tendenzen, die hoffen lassen.

Das Tabu war den Europäern etwas Fremdes, das sie bei fremden Völkern antrafen. Es wurde zum Forschungsgegenstand und man realisierte, wie es funktioniert und was es ist. Aber es blieb für die westliche Welt etwas Vorgefundenes. Etwas, das es schon lange oder schon immer gab.

Der Tabuisierungsprozess, wie aus einer gemeinsamen Überzeugung schliesslich ein nicht hinterfragbares und auch nicht aufhebbares Gebot entsteht, geriet erst in der jüngeren Vergangenheit ins Blickfeld. Dazu beigetragen hat unter anderem auch der Skandalhunger der Medien. Peter von Matt illustrierte dies am Beispiel des Wortes «Neger». Bis in die 1970er Jahre konnte man das Wort völlig unbefangen für einen Menschen mit dunkler Hautfarbe brauchen. Ab 1980 war es dann tabu. Seine Verwendung erregte einen Skandal.

Die Einsicht in diesen Prozess benutzte von Matt, um der Frage nachzugehen, warum eigentlich das Töten von Menschen nicht ein Tabu ist? Dass man Menschen nicht töten darf, ist selbstverständlich; dass das Töten von Menschen aber gelegentlich geboten sein kann, aber ebenso. Das Verbot im Gesetz ist kein Tabu.

Folter wird geächtet

Es gibt aber eine gesellschaftliche Tendenz, die darauf hinzielt. Von Matt ging aus von der zunehmenden Tabuisierung der Gewalt: Folter wird zunehmend geächtet, Körperstrafen ebenso, dass man Kinder nicht körperlich strafen darf, wurde gar zum Gesetz. Und die Todesstrafe ist in Europa verboten. Wenn praktiziert, ist sie ein EU-Beitrittshindernisgrund.

«Jeder Mensch hat das Recht auf Leben.» In allen Dokumenten der Revolutionszeit erscheint die Formel der Aufklärung – in manchmal etwas veränderter Formulierung. Ebenso die Konstatierung der Gleichheit, die nicht nur (moral-)philosophisch mit dem Recht auf Leben zusammenhängt, sondern die ideelle Fundierung aller Emanzipationsbestrebungen ist, die man dann die «bürgerlichen» nennen wird.

Zwischen Worten und Taten klafft nicht nur heute eine Differenz. Den Founding Fathers machte die offensichtliche Diskriminierung der schwarzen US-Bevölkerung keine Probleme. Immerhin griff man zum Euphemismus «the institution», wenn man nicht Sklaverei sagen wollte. 1792 gingen die Ideale der Französischen Revolution im Blut des jakobinischen «terreur» unter. Und heute wird meist mit Verweis auf die Heilige Schrift versucht, das Rad zurückzudrehen.

Woher rührt die Selbstverständlichkeit, mit der man das Faktum, dass Menschen getötet werden, hinnimmt? 95 Prozent der Menschheitsgeschichte war der Homo sapiens Jäger – mit anderen Worten: Ein Wesen, das tötet. Diese lange Zeitspanne, in der das vom Raubtier übernommene Verhalten praktiziert wurde, liess den Eindruck aufkommen, das Töten sei eine anthropologische Konstante. Bekräftigt wurde es durch die Selbstverständlichkeit, mit der das Töten in Notwehr oder im Krieg (der ja meist als Verteidigungskrieg inszeniert wird – beiderseits) akzeptiert wird.

Peter von Matt insistierte darauf: «Das Wort von der Gleichheit aller Menschen kann nicht zurückgenommen werden.» Ebenso wird die Formel vom «Recht auf Leben» bestehen bleiben. Es gibt Prozesse, die auf eine allmähliche Tabuisierung des Tötens hindeuten. Prozesse der Zivilisation und Humanisierung, die – wenn auch immer gefährdet – doch kontinuierlich fortschreiten. Aber es braucht das Tötungstabu. Denn die Tötungsverbote, die gesetzlichen, machen vor der Differenz «Wir – die Anderen» halt. «Du sollst nicht töten», das meinte im Alten Testament nicht den Mitmenschen überhaupt, sondern nur den Genossen der eigenen Horde.

Nächste Veranstaltung am 4. Dezember, 17.15: Karen Nestor: Wollen wir wirklich immer über alles reden? Reflexion über sinnvolle und weniger sinnvolle Tabus im Kontext von Sterben und Tod. Aula der FHNW, Brugg-Windisch.

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