Effingen
Festtage werden zur Bewährungsprobe für das Schulheim

«Ich bin sicher, dass heute wieder Kinder im Hof zurückbleiben werden», sagt Heimleiter Hans Röthlisberger vom Schulheim Effingen. Hündin Leni sitzt daneben und hört aufmerksam zu.

Claudia Meier
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Ein Fels in der Brandung: Heimleiter Hans Röthlisberger mit Hündin Leni vor dem Schulheim Effingen. ABU

Ein Fels in der Brandung: Heimleiter Hans Röthlisberger mit Hündin Leni vor dem Schulheim Effingen. ABU

Die gemeinsame Schulweihnachtsfeier in der Mehrzweckhalle liegt zwei Tage zurück. Heute nun sollten die meisten Kinder von ihren Familien für die Weihnachtsferien abgeholt werden. «Trotz klaren Abmachung kann es vorkommen, dass Kinder nicht abgeholt werden», weiss der Heimleiter aus seiner 22-jährigen Erfahrung.

Wer kann, verbringt die Festtage bei der Herkunftsfamilie. Für 11 von 49 Heimkindern ist das dieses Jahr nicht möglich. Sie werden über Weihnachten in den Aussenstationen feiern. Das sind Pflegefamilien im Emmental. «Die bäuerliche Familienstruktur gibt den Kindern einen klaren Rahmen. Die Mutter ist für den Haushalt zuständig und der Vater für Stall und Feld», so Röthlisberger, der den Aufbau einer Aussenstation für jedes Kind eingeführt hatte. «Jeder weiss, dass er irgendwo Weihnachten feiern kann, das bringt viel Stabilität in unseren Betrieb.»

Verwahrlosung und Gewalt

Das Schulheim wird vor Weihnachten mit mindestens zwei Notfallanfragen pro Tag – meistens aus Kinderschutzgründen – konfrontiert. «Diese Entwicklung ist für mich als Berufstätiger und Steuerzahler gar nicht erfreulich», sagt der 62-Jährige. Dank seinem breiten Netzwerk, kann Röthlisberger – trotz Vollbesetzung – manchmal einen Notfall vermitteln: «Es geht ja um Kinder und nicht ums Prestige.»

Das Schulheim hat sich auf die Notfallaufnahme von 7- bis 12-Jährigen spezialisiert. «Das ist ein kritisches Alter. Mit dem Schuleintritt werden viele Paarbeziehungen auf die Probe gestellt.» Als Heimleiter hat er unzählige Fälle von Verwahrlosung oder physischer Gewalt kennen gelernt: «Ein dreijähriges Schweizerkind wurde mal ohne Hosen beim Dorfbrunnen entdeckt. Wir haben aber auch Buben, die ihre Eltern zusammenschlugen. Dann müssen wir die Kinder sogar vor ihrer eigenen Gewalt schützen.»

Oft führen schwierige wirtschaftliche Probleme von alleinerziehenden Müttern zu diesen prekären Situationen: «Hier beginnt sich das Karussell zu drehen. Mit gezielter Unterstützung junger Mütter für zwei, drei Jahre, würde die Nachfrage nach Notfallplatzierungen vermutlich deutlich sinken.» Egal, was vorgefallen ist, Ziel des Schulheims bleibt immer, mit der Herkunftsfamilie zusammenzuarbeiten: «Gelingt uns das nicht, wird es für uns alle schwierig.»

Kanton zahlt ab 2013 nicht mehr

Ab Januar 2013 ist der Kanton Aargau nicht mehr bereit, die vier Notfallplätze in Effingen mitzufinanzieren. Röthlisberger dazu: «Wenn die Not zu gross wird, muss nun halt die Gemeinde gezwungenermassen den vollen Betrag übernehmen.»

Das Schulheim ist 365 Tage im Jahr offen. Die Eltern bekommen eine 24-Stunden-Notfallnummer. Sollte die Situation irgendwo eskalieren, kann das Kind jederzeit ins Heim zurückkehren oder zur Aussenstation übersiedeln. «Die meisten Notfälle gibt es in der Regel am 24. Dezember kurz bevor wir die Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden», so der Familienvater. Wenn alle Stricke reissen, nimmt Hans Röthlisberger auch mal ein Kind spontan zu sich nach Hause. Seine Frau Brigitte arbeitet als Schulleiterin im Schulheim.

Für die Familie Röthlisberger wird der diesjährige Weihnachtstag etwas Besonderes sein: «Unsere ältere Tochter fliegt am 26. Dezember nach Australien. Wir bleiben hier. Wir können dann viele administrative Arbeiten erledigen. Für uns ist es eigentlich eine gute Zeit.»

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