Brugg-Windisch

Fest steht: Jammern über den Lehrlingsmangel bringt nichts

«Der Konkurrenzkampf zwischen den Bildungswegen wird sich zunehmend verschärfen», sagt Ursula Renold.

«Der Konkurrenzkampf zwischen den Bildungswegen wird sich zunehmend verschärfen», sagt Ursula Renold.

«Lehrling, wo bist du?», hat die Frage an der «Wirkstoff»-Veranstaltung im Fachhochschul-Campus in Brugg Windisch gelautet. Oder: Befindet sich das duale Bildungssystem in einem Formtief?

Der Mix von berufspraktischen und akademischen Abschlüssen ist wichtig, das duale Bildungssystem der Schweiz geniesst einen ausgezeichneten Ruf. Aber ist es in Gefahr? «Immer weniger Jugendliche wählen den Weg über die Berufslehre», hat Benno Meier festgehalten, der Präsident des Gewerbevereins Zentrum Brugg.

Die Hochschule für Wirtschaft FHNW sowie die Gewerbevereine Zentrum Brugg und WindischPlus haben zur Veranstaltungsreihe «Wirkstoff – Wirtschaft & Wissenschaft im Gespräch» eingeladen. «Lehrling, wo bist du?», lautete die Frage am Donnerstagabend im Fachhochschul-Campus in Brugg-Windisch.

Davon, dass sich das duale Bildungssystem in einem Formtief befindet, wollte Ursula Renold nichts wissen. Die Leiterin Bildungssystemforschung an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich sowie Präsidentin des Fachhochschulrats FHNW betonte – und zeigte mit Zahlen und Grafiken auf –, dass die Schweiz weltweit über eines der besten Bildungssysteme verfügt. «Ausser vielleicht Deutschland kann uns niemand Paroli bieten.»

Aber, gab sie zu bedenken, die Demografie führe zu einer gigantischen Herausforderung. Denn der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung, die immer älter wird, schrumpft. Der Konkurrenzkampf zwischen den Bildungswegen – und damit der Kampf um die Lernenden und die Talente – werde sich zunehmend verschärfen. Trotzdem, fasste die Referentin zusammen, möchte sie mit keinem anderen Land tauschen. Diskutiert oder allenfalls gejammert werde auf einem hohen Niveau.

Bei Grundlagen happerts

Über die Themen Lehrlingsmangel, die – ungenügende – schulische Vorbereitung oder Förderungsmöglichkeiten diskutierten auf dem Podium neben Ursula Renold auch Alex Hürzeler, Aargauer Bildungsdirektor; Felix Bühlmann, Inhaber Holzbau Bühlmann in Mönthal und Präsident Holzbau Schweiz Sektion Aargau; Martin Kummer, Inhaber und Geschäftsführer Treier AG in Schinznach-Dorf und Präsident Baumeisterverband Aargau; Heinz Schlegel, Rektor und Gesamtschulleiter Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) Brugg. Für die Moderation verantwortlich zeichnete David Kaufmann, Geschäftsführer/Programmleiter Radio Inside in Zofingen.

Gerade für das Baugewerbe wären gute Lehrlinge wichtig, die nach ihrer Ausbildung auch Kaderpositionen besetzen könnten, sagte Martin Kummer. «Vielleicht», stellte er fest, «ist unser Beruf zuwenig sexy.» Felix Bühlmann hob hervor, dass die Rekrutierung häufig schwierig ist, weil die schulischen Grundlagen nicht vorhanden sind, ob beim Rechnen oder beim Lesen und Schreiben. «Das Niveau ist gesunken, die Qualität leidet.»

Eltern spielen wichtige Rolle

Dieser Aussage wollten die anderen Podiumsteilnehmer allerdings nicht zustimmen. In diversen Berufsfeldern seien die Ansprüche gestiegen, hielt Alex Hürzeler dagegen. Zudem würden heute in verschiedenen Branchen Bemühungen unternommen, den schwächeren Schülern eine Ausbildung zu ermöglichen. Sich beklagen über den Lehrlingsmangel bringe nichts, führte der Bildungsdirektor aus. «Man muss sich engagieren.»

Im Bereich Marketing habe der Baumeisterverband vielleicht tatsächlich etwas geschlafen in letzter Zeit, räumte Martin Kummer ein. «Wir mussten lernen, uns zu verkaufen.» Auch Felix Bühlmann erwähnte Massnahmen wie Plakate oder Schulbesuche. Wichtig sei es überdies, die Eltern einzubinden und in die Pflicht zu nehmen. Diese Meinung vertrat ebenfalls Heinz Schlegel. Die Eltern nähmen eine erhebliche Rolle ein und hätten einen grossen Einfluss bei der Berufswahl. «Wir müssen deshalb nicht nur die Jugendlichen erreichen.»

Ursula Renold schliesslich sagte, dass sie keine Angst um die Zukunft habe, weil die Schweiz sowohl innovativ als auch dialogfähig sei. Letzteres wurde an der «Wirkstoff»-Veranstaltung bestens unter Beweis gestellt.

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