In der Schweiz gibt es immer weniger Apotheken, die noch von der Eigentümerschaft geführt werden und nicht zu einer Kette gehören. Erst am 1. Juli dieses Jahres hat Galenica die Bahnhof-Apotheke in Zürich, die bisher von Gründerin Ingrid Barrage geführte und umsatzstärkste Apotheke in der Schweiz, vollständig übernommen.

Ausserdem stellen der Online-Medikamenten-Handel und die Digitalisierung weitere Herausforderungen für individuell geführte Apotheken dar. Als Aargauer Pionierleistung haben sich vor knapp fünf Jahren sechs unabhängige Apotheken aus dem Bezirk Brugg dazu entschlossen, beim Pflegezentrum Süssbach in Brugg gemeinsam eine Apotheke zu betreiben und das ganze Jahr hindurch für die Bevölkerung zusätzlich den Sonntags- und Nachtdienst zu gewährleisten.

Eine dieser sechs Partner und Partnerinnen ist Martina Sigg. Die Apothekerin politisiert seit acht Jahren für die FDP im Grossen Rat, ist Mitglied der kantonalen Kommission Gesundheit und Sozialwesen und führt seit 1990 zusammen mit ihrem Partner Elmar Sutter die Apotheke an der Oberdorfstrasse in Schinznach-Dorf. Doch wie kann eine kleine Apotheke auf dem Land überleben? Wir haben uns mit der gebürtigen Schaffhauserin (58), die ihren späteren Lebenspartner an der ETH Zürich kennen gelernt hatte, an einem sonnigen Vormittag in der modern umgebauten Apotheke zum Gespräch getroffen.

Eingangstreppe war ein Problem

Dass Martina Sigg aus Überzeugung Apothekerin ist, spürt man sofort, wenn man erlebt, wie sie mit den Kunden umgeht. Einfühlsam vergewissert sie sich, dass die Handhabe der Medikamente klar ist, fragt nach und gibt dem Kunden zu verstehen, dass er hier gut umsorgt ist. Noch bis vor zweieinhalb Jahren war der Eingang zur Apotheke – für Gehbehinderte besonders mühsam – nur über eine Treppe erreichbar. Im Geschäftsinnern war es eng und eher düster. Seit dem Umbau wirkt die Apotheke hell und modern. Und besonders wichtig: Sie kann ebenerdig betreten werden.

Sigg und Sutter, die über der Apotheke wohnen, hatten sich für einen umfassenden Neubau in der ehemaligen Scheune links vom Haus entschieden. Das Gebäude erfüllte in der Vergangenheit verschiedene Funktionen: von der «Bären»-Scheune bis zur Postauto-Garage. Das Vorhaben war aufgrund vieler Auflagen nicht ganz einfach und dauerte von der Planung bis zur Eröffnung zweieinhalb Jahre. Ein grosses Thema war der Ortsbildschutz. Doch auf das Resultat kann das Apotheker-Paar stolz sein: Der ehemalige Weinkeller wurde sandgestrahlt und in seinem Grundriss belassen. Hier können Vorträge oder andere Veranstaltungen stattfinden.

Über einen Zwischenbau aus Glas wurde die neue Apotheke mit der alten verbunden. In den Räumen der früheren Apotheke befinden sich nun viel Abstellfläche, ein langer Tisch für Besprechungen sowie ein grosses Labor, wo Rezepturen noch von Hand hergestellt und unter anderem Medikamenten-Dosetts für Privatpatienten vorbereitet werden.

Ein regelrechtes Schmuckstück ist im Eingangsbereich der Offizin eine Ausstellfläche für Saisonartikel, die aus einer alten Türe besteht. «Sie stammt aus der Zeit von Hans Galleya-Hubeli, der diese Apotheke ab 1880 bis zu seinem Tod 1940 geführt hatte», erklärt Sigg. Dieses antike Element bildet einen Riesenkontrast zum modernen Rüstautomaten, der es möglich macht, die Medikamente einerseits nach dem Chaos-Prinzip auf kleinem Platz zu verstauen und andererseits den Pharma-Assistentinnen und Lernenden viel Zeit in der Lagerbewirtschaftung erspart.

Rüstautomat für 200 000 Franken

Auf einem Förderband im hinteren Teil der Apotheke liegen Bepanthen-Packungen, die vom Rüstautomaten selbstständig versorgt werden. Sobald dann an der Verkaufstheke im Computer die Medikamente abgebucht werden, werden sie vom Automaten blitzschnell geholt und in ein Fach hinter der Kasse ausgespuckt. «Der Einbau dieses Rüstautomaten, der uns zwar 200 000 Franken kostete, uns aber auch viel Arbeit abnimmt sowie die Verfalldaten bewirtschaftet, wäre am alten Standort nicht möglich gewesen», hält Sigg fest. Eine weitere Verbesserung für die Kunden und das Personal ist der separate Beratungsraum, wo unter anderem der Blutdruck gemessen und heikle Themen besprochen werden.

Mit der eigenen Apotheke in Schinznach-Dorf haben sich Sigg und Sutter schon bald nach dem Studium einen Traum erfüllt. Beide sind überzeugt, dass eine überschaubare Apotheke, wo der persönliche Kontakt zum Kunden und die Fachberatung im Zentrum stehen, nach wie vor ihre Daseinsberechtigung hat. Das Paar hat sich die Arbeit stets aufgeteilt. Während Sutter der Hauptgeschäftsführer ist, hat sich Sigg auch anderweitig engagiert: zuerst mit ihrer Dissertation am Paul-Scherrer-Institut, dann in der Schulpflege, als Lehrperson für Pharma-Assistentinnen, als Verwaltungsratspräsidentin der Effingerhort AG, als Verwaltungsratsmitglied des Medizinischen Zentrums Brugg, als Vorstandsmitglied des Hospiz-Vereins und wie erwähnt als Grossrätin.

Apotheker entlasten Hausärzte

Zweieinhalb Jahre nach dem Umbau im tiefen Millionen-Bereich zieht Sigg eine positive Bilanz. Der einfachere Zugang zur Apotheke und der grössere Parkplatz vor dem Haus haben dem Betrieb einen Zuwachs gebracht. «Die Bevölkerung aus dem Schenkenbergertal ist froh, dass wir hier sind, keine Betriebsferien machen und gut mit den beiden Arztpraxen im Dorf zusammenarbeiten», sagt Sigg.

Die Anschaffung des Rüstautomaten hat übrigens nicht etwa zu einem Stellenabbau geführt. Im Gegenteil: Der Personalbestand konnte um insgesamt 80 Stellenprozent aufgestockt werden. Momentan bilden die Eigentümer zwei Lernende aus – eine im zweiten und eine im dritten Lehrjahr.

Die Apotheken würden sich in Zukunft verändern, sagt Martin Sigg. Es gehe darum, die Kompetenzen auszuweiten, um die Hausärzte zu entlasten. Auch die Impffragen müssten noch gelöst werden. Im Medikamentenmarkt stehen Sparmassnahmen an, Preissenkungen finden statt und die Taxen haben grossen Erklärungsbedarf. Wenn es darum geht, Fehlanreize in der Gesundheitsversorgung auszuhebeln, den integrativen Ansatz zu fördern, und die Selbstverantwortung der Patienten zu stärken, so haben die Apotheker laut Martina Sigg eine zentrale Rolle und eine grosse Verantwortung zu übernehmen.

Die beiden 58-jährigen Besitzer hoffen, dass sie für ihre Kundschaft noch ein paar Jahre in Schinznach-Dorf da sein können und für die Nachfolge im Idealfall eigenständige Apotheker finden werden. Ihre gemeinsame Tochter interessiert sich zwar auch für Naturwissenschaften, hat sich aber nicht für Pharmazie, sondern für Biochemie entschieden.