Schinznach-Bad/Holderbank
«Farben transportieren Emotionen» – Raumgestalterin Mirjam Lüthy ersetzt mit ihnen auch mal einen Umbau

Farb- und Raumgestalterin Mirjam Lüthy aus Schinznach-Bad erzählt, warum ihr Berufszweig unterschätzt und Weiss nicht neutral ist.

Maja Reznicek
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Seit letztem Jahr arbeitet Mirjam Lüthy im neuen Atelier in Holderbank.

Seit letztem Jahr arbeitet Mirjam Lüthy im neuen Atelier in Holderbank.

Britta Gut

Durch eine grosse Glasfront strömt kühles Tageslicht, auf den dunklen Möbeln liegen verschiedene Stoffe und Farbtuben, über einem Regal hängen architektonische Pläne. Das neue Atelier von Mirjam Lüthy in Holderbank wirkt so kreativ wie aufgeräumt. «Die Wände sind in verschiedenen Graunuancierungen gestrichen, damit eine neutrale Arbeitsatmosphäre herrscht», erklärt die Schinznacher Farb- und Raumgestalterin zum Atelier. Seit sechs Jahren entwickelt sie unter dem Namen Form8 Farb- und Materialkonzepte für Innenräume, Fassaden oder ganze Siedlungen.

Ihr Berufszweig ist laut Mirjam Lüthy nicht allzu bekannt und wird in der Architektur oft unterschätzt. Warum sind Farben denn so wichtig? «Sie transportieren Emotionen und prägen im Zusammenspiel mit Licht und Materialität wahrnehmbar die Atmosphäre im Raum», erklärt die 50-Jährige. So könne beispielsweise die Architektur eines Baus unterstrichen, von Unschönem abgelenkt oder auch Orientierung für die Nutzer geschaffen werden.

Damit das Gestaltungskonzept individuell zum jeweiligen Gebäude passt, erstellt Lüthy projektbezogene Farbkompositionen. Und legt oft selbst Hand an: Unter anderem mischt sie neue Farbnuancen, setzt verschiedene Materialien und Stoffe ein, entwirft mit einer befreundeten Künstlerin eigene Tapeten und Wandornamente, malt Bilder. Auch passendes Mobiliar sucht die zweifache Mutter aus.

In Altersheimen dient Farbe oft der Orientierung

Vor der Entstehung von Form8 arbeitete Lüthy über 25 Jahre lang als Wohnberaterin und Dekorationsgestalterin. Irgendwann habe sie sich spezialisieren wollen und etwas Neues gesucht. Etwas, bei dem sich ihre Selbstständigkeit ausbauen lassen und das gleichzeitig mit der Familie – Lüthys Kinder sind mittlerweile 17 und 14 Jahre alt – vereinbar sein würde. Ein Termin bei der Berufsberatung wies ihr den Weg zur Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur, Haus der Farbe. «Farben, Materialien und deren unterschiedliche Wirkungen haben mich schon immer fasziniert», ergänzt die Schinznacherin. Bereits während des dreijährigen Studiums betreute sie verschiedene Neu- und Umbauprojekte.

Von Anfang an bekam Lüthy Aufträge von Altersheimen. Zwei ihrer Projekte waren beispielsweise das Tertianum Im Lenz in Lenzburg und das Regionale Pflegezentrum in Baden. Bei Letzterem habe man vor dem Bezug des neuen Gebäudes, den Eingangsbereich und das Erdgeschoss mit Restaurant im alten Bau nochmals umbauen wollen. Lüthy intervenierte und riet stattdessen zu einem neuen Farbkonzept. Die Projektverantwortlichen waren einverstanden.

Trotz der häufigen Zusammenarbeit mit Altersheimen gäbe es keine Ähnlichkeiten bei den Projekten. Aber: «Oft sehen die älteren Leute nicht mehr sehr gut. Aus diesem Grund ist es wichtig, mit klar erkennbaren Farben Orientierung zu schaffen.» Daneben gehören auch unter anderem Schulen, die öffentliche Hand oder private Bauherrschaften zu Mirjam Lüthys Kundschaft.

Farben seien verbunden mit dem Erinnerungsvermögen

Zwischen einer Woche und eineinhalb Jahren kann die Erstellung eines Farb- und Materialkonzepts dauern. Zum Projektbeginn analysiert die 50-Jährige erst einmal das Objekt und seinen Nutzen, recherchiert wenn nötig über dessen Geschichte, macht eine Istaufnahme der bestehenden Farben beziehungsweise der Materialien. Gemäss Mirjam Lüthy muss jede Neugestaltung auch dem Kontext eines Gebäudes gerecht werden.

Während des Projekts sei die Kommunikation zwischen den Parteien sehr wichtig, teilweise müsse Lüthy auch Vorurteile überwinden. Zum Beispiel die Floskel «Weiss ist neutral». Die Farb- und Raumgestalterin sagt: «Weiss ist nicht neutral, sondern drängt sich wie alle hellen Farben in den Vordergrund.» Die Popularität der Farbe sei vor allem historisch zu begründen. «Als die industrielle Herstellung von Farben begann, war Weiss die günstigste. Also strich man aus wirtschaftlichen Gründen die meisten Wohnungen damit», erklärt die Schinznache­rin. Trotzdem gebe es keine Farbe, die Lüthy nicht verwende. Auch wenn sie eine solche selbst nicht schön fände. «Eigener Geschmack zählt bei den Projekten nicht. Man muss sich in eine andere Situation versetzen, damit ein stimmiges Objekt entsteht», erklärt die 50-Jährige. Ausserdem könne sie jede Farbe gerne gewinnen – wenn sie passe. Lüthy drängt auch niemandem einen bestimmten Ton auf. Sie sagt: «Farben sind mit dem Erinnerungsvermögen verbunden und können alte Emotionen hervorrufen. Darum sollte man Abneigungen immer berücksichtigen.»

Einrichtungsmagazine verunsichern Private

Durchschnittlich übernimmt Mirjam Lüthy zwischen fünf und sechs grössere Aufträge im Jahr. Während der Pandemie im vergangenen Jahr war es vor allem ein grosser. Die Schinznacherin führt aus: «2020 war für mich eher schwierig. Projekte wurden auf Eis gelegt oder gänzlich abgesagt.» Die ständige Unsicherheit bezüglich der Massnahmen sei für sie nicht einfach zu handhaben.

Weil die meisten Menschen wegen der aktuellen Situation häufiger zu Hause sind, hofft Lüthy nun auf mehr Privatkunden. Sie erlebe es oft, dass gerade Private verunsichert seien, wie eine ideale Raumgestaltung gelänge. Dies werde durch Einrichtungsmagazine verstärkt, auch weil dort regelmässig neue Trends vorgestellt werden. «Ich würde mir wünschen, dass die Leute sich ein paar Stunden von einem Profi unterstützen lassen würden.»

Manchmal genüge schon ein kleines Farbkonzept, ein paar spezielle Einzelteile. Wichtig sei, ein klares Konzept für sich zu entwickeln, ohne die neusten Trends zu folgen. Denn Mirjam Lüthy sagt: «In einer Wohnung oder in einem Haus sollte sich die Persönlichkeit eines Menschen widerspiegeln.»