Der Vorwurf war happig. Und kam ziemlich spät. Über zehn Jahre nach der vermeintlichen Tat. Dagobert Huber (Name geändert) habe aus dem Keller des Bauernverbandes in Brugg ein wertvolles altes Buch gestohlen. Eine äusserst seltene Ausgabe des «Thierbuchs» von Conrad Gessner aus dem Jahre 1563. Diesen Vorwurf erhob Dagoberts Schwager, nachdem sich die beiden Männer zerstritten hatten. Dagobert bestritt nicht, dass er das «Thierbuch» aus dem Keller des Bauernverbandes geholt hatte; aber er habe es nicht gestohlen, sondern geschenkt erhalten, behauptete er.

Der Schwager, als Antiquar hatte er damals das Buch verkauft und den Erlös von 11 000 Euro Dagobert übergeben, hielt das für eine Lüge. Er war überzeugt, Dagobert, mit dem er heftigst verkracht ist, sei ein dreister Bücherdieb. Das Geld habe er dringend gebraucht, da er nach der Scheidung in arger Geldnot gesteckt habe.

Deshalb reichte er zehn Jahre nach dem Verkauf des Buches Strafanzeige ein. Weil Dagobert inzwischen in der Ostschweiz lebt und arbeitet, musste die Staatsanwaltschaft Glarus der Sache nachgehen, was sie denn auch gründlich tat. Das war der Stand der Dinge, wie er sich bis vor einigen Wochen präsentiert hat und an dieser Stelle bereits einmal ausführlich erzählt worden ist.

Glarner Ermittlungen

Inzwischen aber ist die Staatsanwaltschaft Glarus der Sache auf den Grund gegangen. Die umfangreichen Untersuchungen ergaben, wie sich die Sache im Jahre 2004 tatsächlich zugetragen hat. Das Ergebnis vorweg: Dagobert hat zwar das Buch aus dem Keller mitgenommen, aber er ist kein Dieb. Entsprechend wurde das Verfahren eingestellt. Es stimmt, dass der Beschuldigte das kostbare «Thierbuch» im Frühling 2004 an sich genommen hat und es dann via seinen Schwager in Deutschland hat verkaufen lassen. Dagobert tat dies, weil er sich damals tatsächlich in einem finanziellen Engpass befand. So waren ihm die 11 000 Euro höchst willkommen.

Doch wie kam Dagobert zum Buch? Eine damalige Mitarbeiterin des Bauernverbandes gab auf Anfrage an, sie habe im Zeitraum 2004/2005 den Auftrag erhalten, den Keller des Schweizerischen Bauernverbandes zu räumen. Dabei seien alte Bücher zum Vorschein gekommen, die sie zum Entsorgen bereitgelegt habe. Die Mitarbeiter des Bauernverbandes hätten diese Bücher durchaus und ohne weiteres mitnehmen dürfen. Sie selbst habe Dagobert ein «besonders schönes Buch» gezeigt, das er dann auch freudig mitgenommen habe.

Somit kann davon ausgegangen werden, dass Dagobert das äusserst wertvolle Buch tatsächlich durch eine glückliche Fügung zugefallen ist.

Die Untersuchung hat ebenfalls ergeben, dass man beim Schweizerischen Bauernverband wirklich nicht gewusst hat und bis heute nicht weiss, ob das ominöse «Thierbuch» sich im Keller befunden hat und ob allenfalls noch weitere kostbare Bücher eingelagert waren. Denn der Bauernverband hat erst 2006 begonnen, seinen Bücherbesitz systematisch zu erfassen.

Da also nicht erwiesen ist, dass der Bauernverband das Buch überhaupt je besessen hat, da bisher auch niemand das Buch als vermisst gemeldet hat und es zudem Dagobert zwar auf glückliche Weise, aber ohne Vorsatz in Besitz nahm, kann es sich nicht um Diebstahl handeln, sagt der Untersuchungsbericht. Hinweise auf eine strafbare Tat liegen demnach nicht vor. Deshalb wurde das Verfahren eingestellt und der Staat trägt die Kosten. Der zu Unrecht beschuldigte Dagobert erhält weder Entschädigung noch Genugtuung. Über den aktuellen Stand der Beziehung zwischen Dagobert und seinem Schwager sagt der Untersuchungsbericht indes nichts aus.

Beim aus dem Keller verschwundenen «Thierbuch» handelt es sich um ein Hauptwerk des Zürcher Naturforschers Conrad Gessner (1516–1565). Gessner war zwar Arzt, aber seine Leidenschaft galt der Natur. Die Tier-Enzyklopädie ist sein zentrales Werk und ein Vorläufer von Brehms’ Tierleben. Das Buch versammelt Wissen über die damals bekannte Tierwelt und gliedert es auf eine neue Weise. Besonders wertvoll sind die Illustrationen, die Gessner zum Teil selbst anfertigte.