Nach dreieinhalb Jahren

Fahrlässige Tötung: Lieferwagen-Fahrer wird schuldig gesprochen – Unfallopfer starb im Spital

Der Unfall an der Ecke Holzgasse/Geissmattstrasse in Hausen ereignete sich im Mai 2017.

Der Unfall an der Ecke Holzgasse/Geissmattstrasse in Hausen ereignete sich im Mai 2017.

Das Obergericht spricht den Lieferwagen-Fahrer der fahrlässigen Tötung schuldig und kritisiert das Bezirksgericht Brugg für das lange Verfahren.

Dreieinhalb Jahre ist es her, seit sich an einem Samstagnachmittag im Mai 2017 an der Ecke Holzgasse/Geissmattstrasse in Hausen dieser tragische Unfall ereignete: Ein Lieferwagen fuhr rückwärts, ein 90-jähriger Fussgänger kam zu Fall und starb zwei Tage später im Spital.

Ende Januar 2019 sprach das Bezirksgericht Brugg den damals 57-jährigen Lieferwagen-­Lenker Fabio (Name geändert) der fahrlässigen Tötung schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 200 Tagessätzen à 190 Franken. Gegen dieses Urteil legte die Verteidigung Berufung ein und forderte einen Freispruch für ­Fabio. Gestern Dienstag haben sich die beiden zusammen mit einem Staatsanwalt und einem weiteren Zeugen vor dem Obergericht in Aarau eingefunden.

Der Zeuge war an jenem Samstagnachmittag mit seinem Kollegen per Velo unterwegs und sah die gefährliche Situation aus etwa 150 Meter Distanz. «Ich bin sicher, dass zwischen dem Lieferwagen und dem Senior eine Berührung stattgefunden hat», sagte der Zeuge, der damals half, die Unfallstelle zu sichern und Rettungskräfte zu organisieren. Der 90-Jährige ging sehr langsam an zwei Stöcken. Laut dem Zeugen wäre es mit einem normal reagierenden Fussgänger nicht zu einem Unfall gekommen. Der Fahrer habe den Senior hinter dem Lieferwagen unmöglich sehen können.

Der Verteidiger forderte einen Freispruch für Fabio

Fabio beteuerte, dass er bei offenem Fenster im Schritttempo rückwärts aus der Sackgasse gefahren ist. Über die Rückspiegel war keine Person erkennbar. Als er einen Klack hörte, hielt er an und stieg aus. «Ich sah den 90-Jährigen erst am Boden», so Fabio. Er glaubt nicht, dass es zu einem Zusammenstoss gekommen ist. Vielmehr könnte der Senior erschrocken und dann zu Fall gekommen sein, denn er sei etwa zwei Schritte hinter dem Lieferwagen auf der Strasse gelegen. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob er an seinem Lieferwagen in der Zwischenzeit Sensoren oder eine Rückfahrkamera montiert habe, sagte Fabio: «Nein, das Fahrzeug ist zwar noch das gleiche, ich habe seit dem Unfall aber gelernt, die Verkehrssituationen noch besser einzuschätzen.»

Verteidiger Markus Leimbacher wies die Oberrichter darauf hin, dass die Zeugenaussagen nicht verwertbar seien, da bei der Einvernahme weder der Beschuldigte noch sein Rechts­vertreter anwesend waren und die Vorinstanz darauf verzichtet hatte, den heutigen Zeugen anzuhören. Es gelte also zu prüfen, ob es wirklich einen Zusammenstoss gegeben habe. Vielleicht habe der Senior, der an jenem Tag seine Kniestütze nicht trug, auch pressieren wollen und sei deshalb gestürzt. Der gehörte Klack könnte von den Stöcken gekommen sein. Da man un- ter diesen aussergewöhnlichen Umständen auch nicht von einer Verletzung der Sorgfaltspflicht sprechen könne, sei der Angeklagte freizusprechen.

Der Staatsanwalt forderte, die Berufung abzulehnen und das Urteil vom Bezirksgericht Brugg zu bestätigen. Es sei erwiesen, dass Fabio zu wenig aufmerksam war. So hatte er noch etwa 30 Sekunden im Lieferwagen verbracht, bevor er losfuhr.

«Es ist kein Zufall, dass der Senior genau hier stürzte»

Dieser Meinung war auch das Obergericht und sprach Fabio der fahrlässigen Tötung schuldig. Weil es das Beschleunigungsgebot verletzt sah, reduzierte es die bedingte Geldstrafe von 200 auf 180 Tagessätze à 190 Franken. Die Probezeit beträgt zwei Jahre. «Das Verfahren dauerte viel zu lange», sagte Gerichtspräsident Jann Six. Nachdem es die Vorinstanz unterlassen hatte, alle Zeugen anzuhören, habe das Obergericht dies nachgeholt. Deshalb seien die Aussagen auch verwertbar.

«Wir sind überzeugt, dass es zu einem – wenn auch nur leichten – Zusammenstoss kam», so der Gerichtspräsident. Es sei kein Zufall, dass der Senior genau an dieser Stelle gestürzt sei. Der 90-Jährige sei nicht einfach aus dem Nichts aufgetaucht.

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