Bekannt wurde Dirk Helbing durch sein EU-Flagship-Projekt «FutureICT». Flagship-Projekte sind Vorschläge, mit denen sich Wissenschafter um EU-Forschungsgelder bewerben. Intendiert war nichts weniger als die Simulation der Welt. Oder konkreter: Ein System zu füttern mit allen Informationen, die vorhanden sind, um zu besseren Entscheidungen zu kommen. Vordergründig sollte es um Daten gehen, Computer, Informationen, Algorithmen – all die komplizierten Dinge, mit denen wir uns jetzt schon, vermehrt aber noch in Zukunft herumschlagen müssen. Und im Hintergrund lauern Organisationen wie der mächtige US-Geheimdienst NSA, die uns ausspionieren wollen. Als Titel hatte Helbing aber «Google as God» gewählt.

Gott, der alles sieht und weiss

«Wir sollten Gott bauen», sagte Helbig und meinte damit nichts Blasphemisches wie ein goldenes Kalb. «Gott» steht als Metapher für eine Art Ausgleichsmechanismus. Gott sieht alles, Gott weiss alles – im weitesten Sinn der Garant für umfassende Gerechtigkeit.

Und dieser Mechanismus sorgt – im idealen Betriebsmodus – dafür, dass die soziale Ordnung funktioniert, dass Kooperation sich lohnt und Egoismus bestraft wird. Wissen schafft Macht, das wusste man schon in der Frühzeit der modernen Wissenschaft, und Allwissenheit schafft dann auch Allmacht. Soll man sich – zum Beispiel – Google vorstellen, als System, das alles weiss und darum uns mit perfekten Entscheidungen und Lösungen für unsere Probleme versehen wird. Google als eine Art «wohlmeinender Diktator»?

Kontrolle: kontraproduktiv, teuer

Der Eindruck täuscht. Totales Wissen nützt nichts, totale Kontrolle funktioniert nicht. Die verfügbare Datenmenge hat die verfügbare Prozessorleistung längst überschritten. «Alle Daten zu haben, reicht nicht, um alles zu kontrollieren», sagte Helbig.

Oder mit anderen Worten: Top-down-Kontrolle funktioniert nicht. Die Systeme sind zu komplex. Es gibt unbeherrschbare Dynamiken, systemische Instabilitäten, Kaskaden-Effekte, die nicht vorhersehbar sind, und Interdependenzen, die nicht berechenbar sind.

Je komplexer ein System ist, desto mehr tendieren sie dazu, sich selbst zu organisieren. Selbstorganisation ist Echtzeit-Anpassung, dafür braucht es natürlich Echtzeit-Informationen. Unsere immer stärker vernetzte Umwelt mit allen den Sensoren, die schon überall messen

(Internet der Dinge), liefert uns die. Uns? Ja, Daten müssen für alle da sein, alle müssen sie produzieren (oder liefern), alle sollen von ihnen profitieren. Informationen kann man teilen. «Wenn uns die Komplexität über den Kopf gewachsen ist, müssen wir die Köpfe zusammenstecken», fasste Helbing zusammen. «Enabling Collective Intelligence» – zusammen ein planetarisches Nervensystem bauen, an dem alle partizipieren. Das wird technische Lösungen brauchen ( daran arbeitet Helbings Team), aber auch persönliche (Vertrauen generieren) und politische Entscheidungen (Privatsphäre und persönliche Freiheit schützen).

Nächster Vortrag: Myriam Dunn Cavelty (ETH Zürich): Cyber (Un-)Sicherheit: Gegenwart und Zukunft der virtuellen Gefahr. – Montag, 10. November, 17.15 Uhr; Aula der FHNW Brugg-Windisch.