Car-Crash
Eurobus-Chef Meier:«Der Unfall ist längst nicht verdaut»

Andreas Meier, der Geschäftsführer von Eurobus, spricht im Interview über den veröffentlichten Untersuchungsbericht zur Car-Katastrophe in Norwegen: «Es ist davon auszugehen, dass es sich um menschliches Versagen handelt.»

Nadja Rohner
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Herr Meier, heute ist es ein Jahr her, seit vier Eurobus-Reisende bei einem Car-Unfall in Norwegen gestorben sind. Wie gehen Sie und Ihre Mitarbeiter damit um?

Andreas Meier: Es ist ein trauriger Tag für uns. Wir bei Eurobus sind immer noch betroffen, und der Unfall ist längst nicht verdaut. Unsere Flotte fährt täglich etwa einmal um die Erde, und während meiner 26 Jahre als Geschäftsführer hatten wir bis zum 29. Juli 2014 keinen einzigen tödlich verunglückten Fahrgast.

Die norwegische Unfalluntersuchungsbehörde hat zum Jahrestag ihren Bericht veröffentlicht. Was ist Ihr Fazit?

Eurobus und der Fahrer haben alle Gesetze und Richtlinien eingehalten, der Bus hatte keine Mängel. Die Unfallursache kann nicht mit letzter Sicherheit festgestellt werden. Es ist aber davon auszugehen, dass es sich um menschliches Versagen handelt.

Der Chauffeur ist ein 61 Jahre alter Deutscher. Wie geht es ihm?

Natürlich nicht gut. Er fährt nicht mehr für Eurobus, ist aber weiterhin angestellt und wird betreut. Auch ich habe regelmässig Kontakt zu ihm.

Eurobus kommt im Bericht der Unfalluntersucher grundsätzlich gut weg. Dennoch gibt es auch Kritikpunkte. Der Bus hatte keinen elektronischen Spurassistenten.

In diesem Fall hätte leider auch dies nicht geholfen. Denn: Spurassistenten funktionieren nur, wenn die Strasse Randmarkierungen aufweist. An der Unfallstelle hatte es keine. Das Fahrzeug stammte aus dem Jahr 2010 und verfügte noch nicht über diese Assistenz.

Aargauer Busdrama in Norwegen - drei Schweizer tot, 13 verletzt (TeleM1)
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Der Unglücksbus wird am Tag nach dem Unfall in einer Werkstatt von norwegischen Spezialisten untersucht.
Der verunglückte Schweizer Reisecar und zahlreiche Helfer.
Der Bus knallte frontal in den Hang.
Die Polizei sichert den Unfallplatz.
Der Strassenabschnitt im Unfallgebiet gilt bei Einheimischen als gefährlich.
Der Bus war nach dem Crash in die Felswand völlig zerstört.
Der verunfallte Aargauer Bus von in Norwegen.

Aargauer Busdrama in Norwegen - drei Schweizer tot, 13 verletzt (TeleM1)

Keystone

Hat Eurobus jetzt noch Fahrzeuge ohne Spurassistent auf der Strasse?

Ja. Bei uns werden alle Busse nach etwa 6 bis 8 Jahren ausgetauscht. Wir prüfen nun, ob wir die älteren Fahrzeuge aufrüsten können. Die Busse ab Baujahr 2014 haben alle Spurassistenten, unsere sogar eine Vorrichtung, die den Fahrer bei Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit warnt.

Wie funktioniert das?

Die Sensoren messen die Augenbewegungen. Wenn diese auf Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit hindeuten, erscheint auf dem Armaturenbrett ein Kafitasseli mit einem ziemlich penetranten Warnton.

Der Unfallbericht legt nahe, dass der Fahrer entweder müde oder sonst unaufmerksam war. Ob er länger nichts mehr gegessen hatte, können die Ermittler nicht genau sagen. Wie werden die Fahrer bei Eurobus auf Faktoren wie Ernährung und Schlaf aufmerksam gemacht?

Wir führen einerseits regelmässig Schulungen durch, kürzlich zum Beispiel mit Hilfe einer Ernährungsberaterin und einer Fitnessexpertin. Zudem haben wir eine Eurobus-App, die Tipps für das Verhalten in speziellen Situationen gibt, etwa bei Hitze.

Die Unfallermittler raten aber auch, allenfalls mit zwei Chauffeuren zu fahren, damit sich einer ausruhen kann.

Das machen wir bereits auf Langstrecken und bei Nachtfahrten. Zudem ist auch das leider keine Garantie dafür, dass nichts passiert: Bei den beiden letzten grossen Busunglücken in der Schweiz – in Sierre und am grossen St. Bernhard – waren je zwei Chauffeure an Bord.

Kritisiert wird auch die Doppelfunktion des Chauffeurs als Reiseleiter und Fahrer...

... diese hatte er nur zeitweise. In den grösseren Ortschaften hatten wir wie bei jeder unserer Rundreisen eine lokale Reiseleitung mit dabei.

Von den vier verstorbenen Passagieren waren drei nicht angegurtet. Wie weisen Sie ihre Passagiere auf die Gurttragpflicht hin?

Bei jedem Sitz steckt ein Kärtli mit den Sicherheitsinstruktionen, wie im Flugzeug. Sie werden zu Beginn der Reise auch auf einer DVD gezeigt. Und während der Reise weisen die Chauffeure immer wieder darauf hin. Der Untersuchungsbericht hält anerkennend fest, dass ein Wert von 82 Prozent angegurteten Passagieren ein sehr hoher Wert ist.

Das angeschnallte Todesopfer hätte laut Bericht möglicherweise überlebt, wenn es einen Dreipunktgurt getragen hätte wie im Auto statt einem Zweipunktgurt wie beim Flugzeug. Rüsten Sie ihre Busse jetzt auf?

Das ist tatsächlich ein Punkt, den wir jetzt prüfen werden. Einzelsitze haben zwar jetzt schon Dreipunktgurten, aber generell hat es sich in der Branche bisher nicht durchgesetzt – bislang ging man davon aus, dass Zweipunktgurte sicher genug sind.

Lesen Sie den Artikel zu den Ergebnissen des Unfallberichtes hier.

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